„Slow Living“

Konferenz zeigt Alternativen zur digital beschleunigten Welt

Yogaschulen, Meditationszentren, Slow-Food-Lokale und Nachhaltigkeit: Längst ist der Entschleunigungs-Lifestyle in Berlin angekommen. Eine Konferenz befasst sich nun mit dem Konzept des „Slow Living“.

Foto: Reto Klar

Schnell leben ist ungesund, das hat sich auch in der Hauptstadt herumgesprochen. Wir essen zu schnell, trinken zu schnell, laufen zu schnell oder versuchen, noch schnell die Grünphase der Ampeln mitzunehmen. Warum? Es wird doch in zwei Minuten wieder grün. Aber zwei Minuten können so unendlich lang sein, scheinen mit wachsender Geschwindigkeit von Technik und Lebensumfeld immer länger zu werden.

Sozusagen als Gegenreaktion auf das immer schnellere Leben macht sich auch in Berlin schon seit Längerem die Entschleunigungswelle bemerkbar. Die Stadt birst nur so vor Yogaschulen, Meditationszentren, Slow-Food-Lokalen und Nachhaltigkeitsprojekten. Das Magazin Spiegel titelt „Ich bin dann mal off“ und in der Arena gibt es gar einen (Bier) Garten der Entschleunigung. Das Ironische: Diese Institutionen und Bewegungen drängen in die Öffentlichkeit eben durch die Mittel der Digitalisierung. Kleine Projekte gründen sich durch Crowdfunding und werden über Facebook publik.

Und selbst für Yoga-Kurse trägt man sich heutzutage online ein. Doch wer hier Doppelmoral vermutet, ist auf der falschen Fährte, meint Ragnar Willer. „Digitalisierung und Entschleunigung schließen sich nicht aus“, ist der Konsumsoziologe überzeugt. Wie zum Beweis hat er nun die „Slow Living Conference“ (SlowCon) mitinitiiert, Deutschlands erste Fachkonferenz zu Entschleunigung und Nachhaltigkeit. Am 18. September wird sie stattfinden, und zwar gerade nicht in einem Zen-Zentrum oder in der Uckermark, sondern direkt in Mitte, dem Epizentrum des schnellen Lebens.

Digitalisierung schafft Tendenz zur Beschleunigung

Wer die Ursprünge dieser neuen Welle des langsameren Lebens etwa in die Zen-Tradition verorten wolle, liegt nach Willers Ansicht falsch. Wie fast alles sei auch der Slow-Living-Trend aus den USA und England nach Deutschland und vor allem Berlin geschwappt und hier erst später angekommen. „Die Digitalisierungswelle erreichte die USA bereits in den neunziger Jahren, früher als uns“, so Willer. „Deshalb gab es dort auch früher eine Sättigung und den Drang, dem etwas entgegenzusetzen.“ Den gibt es immer noch. Denn trotz allem Yoga-, Slow Food- und Meditations-Hype sieht Willer in unserer Gesellschaft noch immer eine starke Tendenz zur Beschleunigung. „Das ist die Entwicklungshoffnung“, meint er. „Zeit ist Geld.“

Eigentlich würden hier also zwei Lebensmodelle aufeinanderprallen, die in einer jungen und dynamischen Stadt wie Berlin besonders sichtbar seien, ist sich auch Kati Drescher sicher. Die PR-Beraterin und Mitinitiatorin der SlowCon betreibt eine Agentur in Mitte, ihre Kunden zeichnen sich durch nachhaltige und biologische Produkte aus. Ayurveda-Limos und Bio-Waschmittel schmücken das Schaufenster der Agentur, und auch im Konferenzraum scheint die Uhr etwas langsamer zu ticken als draußen vor der Tür.

„Berlin ist ein Schmelztiegel, ein Hotspot dieser Slow-Living-Entwicklung“, sagt Drescher zwischen zwei Schlucken Tee. Und auch Willer findet, Berlin als Veranstaltungsort für die erste SlowCon sei optimal gewählt: „Die Sehnsucht nach Entschleunigung ist in einer Großstadt wie Berlin stärker als auf dem Land.“ Die SlowCon sei aber keine „esoterische Gesundheitsveranstaltung“, so Drescher. „Unsere Themen sind Mode, Reise, Technologie oder Stadtentwicklung.“ Die Stadt sei voller junger Akteure und Entwickler, die sich mit genau diesen Themen auseinandersetzen und teilweise auch auf der SlowCon referieren werden. Zu den Gästen zählen etwa die Glücksministerin des „Ministeriums für Glück und Wohlbefinden“, Gina Schöler. Oder Jonas Breme, der einen Kopfhörer entwickelte, der bei ruckartigen Bewegungen die Lautstärke senkt und so den Hörer zu mehr Entspannung mahnt.

„Offtime“-App kontrolliert Einsatz von Technologien

Einer dieser jungen Entwickler ist auch Alexander Steinhart. Im hippen Café des Beta-Hauses am Moritzplatz scheint sein Smartphone das Einzige zu sein, das keinen Laut von sich gibt. Kein Wunder, denn Steinhart hat „Offtime“ aktiviert, eine App, die der Psychologie-Absolvent mit einer Gruppe aus IT-Fachleuten, Naturwissenschaftlern und Produktmanagern entwickelt hat. „Es gibt Situationen, da will man mit bestimmten Leuten in Kontakt bleiben, aber nicht für alle ständig erreichbar sein“, beschreibt er die Idee hinter Offtime. „Das Programm ermöglicht Leuten mit dem Gefühl, zu sehr vernetzt zu sein, ihren Raum und ihre Zeit wiederzufinden.“

Konkret sieht das so aus: Nach dem Bausteinprinzip kann man durch Knopfdruck entscheiden, für welche Menschen man erreichbar ist, also etwa nur für die schwangere Freundin und den Chef. Alle anderen hören ein Besetzt-Zeichen und bekommen im Anschluss eine SMS: „Ich bin gerade Offtime und wieder erreichbar ab...“ Auch einen limitierten Zugang zu Apps kann man sich auferlegen, das findet Steinhart wichtig. „Von so vielen Leuten wird man ja gar nicht angerufen, aber wie oft schaut man ohne Grund kurz ins Mailprogramm, auf Facebook oder WhatsApp, lässt sich von den Push-Nachrichten leiten.“ Oft checke er vor dem Schlafengehen noch einmal seine Arbeits-Emails. „Mit Offtime stecke ich mir da selbst eine Hürde.“ Es ist also auch ein Instrument zur Selbstdisziplin, denn so ohne Weiteres lässt sich das Profil, einmal aktiviert, nicht abstellen.

Auf Steinharts Display steht: Offtime bis 15:30 Uhr. Das Programm fragt ihn, ob er es wirklich schon vor Ablauf der Frist deaktivieren will. Will er. Der Bildschirm wird schwarz und in weißen Ziffern wird von 60 bis 0 eine Minute heruntergezählt. „Zeit, sich wieder auf den Arbeitsmodus einzustellen“, so Steinhart. Ein Protokoll mit einfacher Abarbeit-Funktion zeigt an, was in der Off-Time verpasst wurde. Denn ebenso wie eine effektive Freizeitgestaltung dient Offtime durch die klare Work-Life-Trennung auch einer höheren Arbeitsmotivation, das hat eine Arbeitspsychologie-Studie der Humboldt-Universität bestätigt, mit der Offtime entwickelt wurde. User der App seien entspannter, würden weniger Zeit mit ihrem Telefon verbringen und besser abschalten. „Technologie lenkt ab“, sagt Steinhart. „Warum also nicht die Technologie nutzen, um sie zu kontrollieren?“

Ende September soll die App gelauncht werden. Aber bis dahin könne man auch ohne sie im Alltag gut entschleunigen, ohne gleich den Job zu kündigen und in die Mecklenburger Seenplatte zu ziehen, wissen Ragnar Willer und Kati Drescher aus eigener Erfahrung. „Gutes Leben heißt nicht Ausstieg, sondern Bewusstsein“, so Willer. Er schalte häufig sein Handy aus und gehe spazieren. „Dabei beobachte ich viel. Ich scanne mit geschärftem Blick meine Umwelt.“ Auch Kati Drescher hält viel von Achtsamkeit. „Wenn ich an einem Park vorbeigehe, riecht es dort ganz anders als an der Kreuzung. Das muss man erst einmal lernen wahrzunehmen.“ Mit dem Holzhammer könne man niemanden zur Langsamkeit zwingen, das wissen beide. „Wir können nur Angebote machen“, so Drescher. Die Gesellschaft müsse sich entschleunigen, um nicht geschlossen vom Burnout übermannt zu werden. Ganz wichtig dabei: Langeweile. Für Willer ein essenzielles Gefühl, dessen Vorzüge die Gesellschaft leider verlernt habe. „Um kreativ zu sein, muss man sich auch mal langweilen.“