Katastrophenschutz

Berliner Krankenhäuser proben für den Ernstfall

Seit Montag läuft in Berlin die Katastrophenschutzwoche. Die Hauptstadt probt, wie gerüstet sie ist, wenn es zum Ernstfall kommt. Dazu gehört auch die Dekontamination.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Zitternd steht Catharina Wurf im Bikini bei 16 Grad und Regen im Eingang eines großen grauen Zeltes im Hof des Charité-Campus Benjamin Franklin in Lichterfelde. „Ziemlich kalt“, presst die 20-Jährige zwischen ihren klappernden Zähnen hervor. Doch sie ist hier ganz freiwillig. Die Notfallsanitäterin hat sich bereit erklärt, heute „Opfer zu spielen“ für eine Dekontaminationsübung.

Doch ganz so glatt, wie es im Fall des Falles sollte, läuft es hier nicht ab. Das Zelt sackt zusammen und kann nur mühsam mit Besenstielen aufrecht gehalten werden, deshalb muss Catharina auf ihren Auftritt noch ein wenig warten und frieren. Ob ein Ventil versagt hat oder der plötzlich eingetretene Starkregen dem Zeltdach zu viel wurde, ist nicht ganz klar. „Aber das hier ist nur ein Übungszelt, schon etwas älter“, beruhigt Petra Albrecht von der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales die Gemüter.

Die Dekontaminationsübung ist Teil der seit Montag laufenden und vom Senat initiierten Katastrophenschutzwoche, in der geprüft werden soll, wie gut Berlin auf den Ernstfall vorbereitet ist. Neben Workshops, Vorträgen und Übungen zu verschiedenen Worst-Case-Szenarien wie Unwetterkatastrophen oder Ausfällen von Stromnetz oder Wasserversorgung, gehört die Dekontamination von Menschen zu den wichtigsten Pfeilern des Katastrophenschutzes. Menschen, die mit nuklearen, chemischen oder biologischen Giftstoffen in Berührung gekommen sind, können in der aufgebauten Zeltstrecke erstversorgt werden, um eine sekundäre Kontamination des Krankenhauses, der dortigen Patienten und Mitarbeiter, zu vermeiden.

„Wir hoffen, dass wir das alles hier nie brauche werden“

In Berlin verfügen die Charité in Lichterfelde, das Virchow-Klinikum in Wedding und Vivantes im Friedrichshain über solche Zeltstrecken, Trainings mit von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) angelieferten Übungszelten werden drei- bis viermal im Jahr durchgeführt. „Bisher ist es glücklicherweise nur bei Übungen geblieben, im Einsatz waren die echten Zelte noch nicht“, sagt Detlef Cwojdzinski, Katastrophenschutzreferent der Gesundheitsverwaltung. „Und wir hoffen natürlich weiterhin, dass wir das alles hier nie brauchen werden.“

2006 habe man diese Trainings im Zusammenhang mit der Fußball-WM eingeführt, man wollte auf etwaige Terroranschläge vorbereitet sein. Passiert ist damals nichts. Aber wie könnte so eine Katastrophe aussehen, die all diese Maßnahmen nötig macht? „Ein Terroranschlag ist eher nicht das, womit wir rechnen, auch wenn man die Möglichkeit von Giftgasanschlägen wie 1995 in der Tokioter U-Bahn nicht kleinreden kann“, sagt André Solarek, pflegerischer Katastrophenschutzbeauftragter am Campus Benjamin Franklin.

Erstrettungsstelle in kürzester Zeit aufbauen

„Aber Berlin ist Standort von chemischer Industrie, und der Fall, dass ein mit chemischem Gefahrengut beladener Transporter von einem anderen Auto gerammt wird, ist durchaus denkbar.“ Wenn zwanzig Umstehende mit diesem Gift besudelt würden, wäre dies ein typischer Fall für die Dekontaminations-Zeltstrecke. Dann müsste genau das ernsthaft praktiziert werden, was in dieser Woche nur geübt wird: In kürzester Zeit eine Erstrettungsstelle aufzubauen.

Das klappt an diesem Tag zunächst ganz gut. Vier Charité-Mitarbeiter errichten in nicht einmal einer halben Stunde drei Zelte mithilfe eines Druckluftkompressors, zu dieser Zeit ist Catharina Wurf noch komplett angezogen. „Die ersten beiden Zelte sind grau, das bedeutet: unreiner Bereich“, erklärt Cwojdzinski. Im ersten werden die Betroffenen nach notwendigen Sofortmaßnahmen ausgezogen, da sich 90 Prozent der Kontamination meist auf der Oberkleidung befinden. Im zweiten duschen sie oder werden geduscht, wenn es sich um liegende, verletzte Patienten handelt. Vom letzten, weißen Zelt werden sie nach weiterer Notfallhilfe in die Klinik gebracht. Dieses sollten sie vorher nicht betreten, deshalb die Zeltstrecke im Hof. „Wir wollen das Krankenhaus vor einer Sekundärkontamination bewahren“, so Cwojdzinski, deshalb gebe es ein Wegeleitsystem vor dem Krankenhaus. „Denn natürlich würde man in Panik erst einmal in die Rettungsstelle rennen.“

Duschen und Schrubben

Sechs verletzt Liegende könnten hier pro Stunde durchgeschleust werden, dazu einige Gehfähige. Catharina Wurf wird, auf einem großen Plastiktablett liegend, wie auf einem Fließband durch die Zeltstrecke gerollt, hier geduscht, dort abgeschrubbt, am Ende in Handtücher gewickelt. An den Duschköpfen stehen Menschen in blauen Schutzanzügen, die an Homer Simpson an seinem stets maximal kontaminierten Arbeitsplatz erinnern. „Die Anzüge sehen zwar aus wie Mülltüten, sind aber aus getestetem Industriekunststoff“, sagt Ralf Rehfeldt von der DLRG. „In ihnen herrscht Unterdruck zum Schutz gegen gasförmige Stoffe, und die Durchdringungszeit, falls man mit Flüssigkeiten in Berührung kommt, beträgt mindestens eine halbe Stunde.“

Catharina Wurf klappert noch mit den Zähnen, ist aber wieder auf den Beinen. „Heute war es nur kalt. Aber die Vorstellung, voll mit Giftstoff zu sein, ist wirklich unheimlich.“ Eine Krankenhausmitarbeiterin wischt sich nach getaner Übung mit dem Unterarm die Stirn. Ob sie sich nun auf den Ernstfall vorbereitet fühle? „Ja, schon“, antwortet sie. „Auch wenn der sicher völlig anders aussehen wird. Dann stehen da hinten nämlich hysterische Menschen und kreischen.“