Islamischer Staat

Wie der Berliner „Deso Dogg“ in den „Heiligen Krieg“ zog

Berlin ist ein Zentrum für Anhänger des „Islamischen Staates“. Mehr als 60 Berliner kämpfen für die Terrorgruppe, wie der Ex-Rapper Deso Dogg. Doch selbst unter Salafisten ist die Miliz umstritten.

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Seinen Hang zu Gewalt offenbart Denis Cuspert schon vor Jahren. „Willkommen in meiner Welt voll Hass und Blut“, singt der damalige Gangster-Rapper im Jahr 2010. Als Deso Dogg beschreibt er das harte Leben rund um das Kottbusser Tor. Weggefährten beschreiben ihn als lustigen Kumpel. Polizei und Staatsanwaltschaft führen ihn dagegen als Kriminellen. Heute ist er der wichtigste Propagandist der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für den deutschsprachigen Raum.

Seinen ersten Überfall begeht er, als er elf Jahre alt ist. Später dealt er mit Drogen, besitzt Waffen ohne Waffenschein und wird wegen Nötigung festgenommen. Seine Leben spielt sich in Jugendgangs ab – und für einige Zeit in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt Tegel. Seine Verzweiflung, seine Suche nach dem Sinn des Lebens und nach dem, was er für die „wahre Religion“ hält, offenbart er in seinen Songtexten: „Allah, verzeih mir, zieh mich aus dem Dreck“, singt er. Oder: „Mein Herz ist eiskalt geworden wie der schlimmste Winter.“

Wie gefühllos der gebürtige Berliner geworden ist, dessen Vater aus Ghana stammt, zeigt sich, als er dem Rap abschwört und sich dem dschihadistischen Flügel der Salafisten-Szene anschließt. „Ich will berühmt werden, egal wie“, erzählte er vor Gericht einst einer Jugendrichterin.

Inszenierung in martialischer Pose

Als Abu-Talha al-Almani erreicht er dieses Ziel. Erst macht er Schlagzeilen, weil er auf salafistischen Islamseminaren gegen „Ungläubige“ hetzt. Dann reist er nach Syrien. Zunächst schließt er sich der al-Qaida-nahen Nusra-Front an, später der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Jener Organisation also, die weite Teile Syriens und des Irak überrannt hat und ihren Gegnern und den vermeintlich Ungläubigen den Kopf abschlägt.

In Youtube-Videos zeigt sich Denis Cuspert in Kampfweste und mit Maschinengewehr. Mal schreitet er über ein Schlachtfeld, auf dem Leichen getöteter syrischer Regierungssoldaten liegen. Dann zeigt er sich an der Seite anderer aus Deutschland ausgereister IS-Dschihadisten, die darüber sprechen, dass sie gerne einen „Ungläubigen“ erwischen würden, „den wir enthaupten können“.

Etwa 60 Berliner Islamisten sind Cuspert mittlerweile nach Syrien gefolgt, um an der Seite dschihadistischer Milizen „Allahs Wort zum Höchsten zu machen“, wie sie es nennen. Berlin ist damit eines der wichtigsten Zentren der deutschen Dschihadisten-Szene. Einigen Berliner IS-Anhängern war die Auswanderung aber zu beschwerlich.

Als Jesiden am Kottbusser Tor vor rund vier Wochen wegen des drohenden Völkermordes an ihren Glaubensbrüdern im Nordirak demonstrierten, provozierten die IS-Anhänger mit einer Fahne, auf der das Logo des IS zu sehen war. Andere kämpfen den „Heiligen Krieg“ im Internet. Auf Facebook bezeichnen sie IS-Terroristen als „edle Mudschaheddin“. Ihren Gegnern würden sie „mit der scharfen Seite des Schwertes“ in den Nacken schlagen. „Entweder Ihr tötet uns oder wir machen weiter, bis der Kopf fliegt“, heißt es in einem Eintrag.

Keine feste Struktur der Berliner Terrormiliz

Über eine feste Struktur, die mit der IS-Führung in Syrien verbunden ist, verfügt die Terrormiliz in Berlin nicht. Die meisten Moscheen in der Stadt wollen mit IS-Sympathisanten nichts zu tun haben. Einige wenige dienen ihnen aber als Anlaufstelle. Die Al-Nur-Moschee in Neukölln zum Beispiel wird zwar vor allem von Muslimen aus der Nachbarschaft besucht, die dort ihr Freitagsgebet verrichten wollen. Sie ist aber auch Treffpunkt für Salafisten.

Dem dschihadistischen Flügel der Bewegung steht die Leitung des Gebetshauses allerdings äußerst skeptisch gegenüber. Der marokkanisch-stämmige Berliner Prediger Abdul Adhim Kamouss etwa gilt zwar als Salafist. Er predigt in der Al-Nur-Moschee auch über die „verkehrte Welt“, also die vermeintlich dekadente, gottlose und verdorbene westliche Zivilisation. Wenn es um Aufrufe zum Dschihad geht, stellt der Prediger aber klar: „Wir wollen so etwas hier nicht haben.“

Der Warnung vor dem IS widmete Adbul Adhim kürzlich eine einstündige Ansprache. Auch Ferid Heider, ein dem Salafismus nahe stehender, aber gemäßigter Prediger der Spandauer Teiba-Moschee, warnte bereits seine Anhänger mit eindringlichen Worten vor der Terrormiliz. „Das sind Verbrecher. Das sind Terroristen“, sagte er. Der Prophet Mohammed habe vor solchen Gruppen gewarnt und sie als „Hunde der Hölle“ bezeichnet.

Die Berliner Salafisten-Szene ist uneins

Selbst im dschihadistischen Teil der Salafisten-Szene finden sich Imame, die den IS ablehnen. Zum Beispiel Ahmad Abul Baraa. Er predigt unter anderem in der Weddinger As-Sahaba-Moschee, in der besonders radikale Salafisten verkehren. Den Kampf der al-Qaida-nahen Nusra-Front gegen syrische Regierungstruppen bezeichnet er als „gesegneten Dschihad“. Die USA nennt er „die wahren Terroristen“. Ahmad Abul Baraa lässt sogar Sympathie für al-Qaida erkennen. Den IS verurteilt dagegen auch er – wenn auch mit einer zynischen Begründung. Der IS würde nämlich auch Muslime „schlachten, als wären diese Schafe“.

Die Gräueltaten, die IS-Kämpfer Christen oder Jesiden antun, beunruhigen Ahmad Abul Baraa dagegen offenbar nicht. Die Mehrheit der Berliner Salafisten-Szene lehnt den IS also ab. Mit ihren flammenden Plädoyers zeigen Prediger wie Ferid Heider und Abdul Adhim aber, dass die Terrormiliz selbst im Umfeld von Moscheen, die sich gegen Dschihadisten positionieren, Anhänger hat. Ja, es gibt sie, bestätigt auch Ferid Heider. „Es ist aber eine ganz kleine Minderheit.“ Einige würden glauben, dass sie mit dem Dschihad in Syrien den Willen Allahs befolgten. „Andere haben aber überhaupt keine Ahnung von der Religion, sie haben auch keine Ahnung vom IS, wollen aber irgendwas tun und vielleicht auch nur ihre Abenteuerlust ausleben“, vermutet Heider.

Die Islamismus-Expertin und Szenebeobachterin Claudia Dantschke vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur begrüßt, dass Prediger wie Abdul Adhim oder Ferid Heider vor dem IS warnen. „Gerade diese Prediger haben am ehesten einen Zugang zu gefährdeten Jugendlichen.“ Bei bloßen Warnungen vor einer bestimmten Terrorgruppe dürfe es aber nicht bleiben. „Es wäre gut, wenn die Prediger mit den Jugendlichen auch die Ideologie thematisieren würden, die den Gräueltaten des IS zugrunde liegt“, sagt Dantschke.

Diese Ideologie werte „wahrhaft gläubige Muslime“ auf. Wer einem anderen Weg folge, werde dagegen abgewertet. Die Morde des IS seien die grausamste Ausprägung dieser Ideologie, sagt Claudia Dantschke. „In abgeschwächter Form findet sich der Gedanke der Ungleichwertigkeit aber auch bei salafistischen Gruppen, die Gewalt und Militanz ablehnen.“ Ohne es zu beabsichtigen, könnten daher auch Prediger dieser Gruppen eine ideologische Grundlage legen, die sich Dschihadisten zunutze machten.

„Kampfbereite“ Menschen kommen zurück nach Berlin

Dass die Propaganda des IS wirkt, zeigt die hohe Zahl der Ausreiser. Allein aus Berlin sind nach Angaben des Verfassungsschutzes schon mehr als 60 Islamisten in Richtung der Kampfgebiete gezogen. Wenn sie zurückkehren, können sie eine große Gefahr darstellen. „Kampfbereite und durchideologisierte Menschen, die den Umgang mit Sprengstoff und Waffen gelernt haben“, seien darunter, sagte jüngst der Chef des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda. Geprägt von den Gräueltaten der Terrormilizen in Syrien und im Irak sei bei vielen zudem eine Hemmschwelle gefallen.

Das Bundeskriminalamt warnte in einem internen Papier zudem kürzlich, dass die Gefahr von Anschlägen nach den Waffenlieferungen der Bundesrepublik an die kurdischen Peschmerga-Kämpfer gestiegen sei. Denn IS-Anhänger könnten Deutschland nun als Kriegsgegner betrachten. Es bestünde die Gefahr, dass die Führung der Terrormiliz deutsche Staatsbürger zurück in ihr Heimatland schicken könnte, damit sie dort Anschläge verübten.

So mancher Sicherheitsexperte dürfte in diesem Zusammenhang an einen Kampfgesang des Berliners Denis Cuspert denken. Nachdem er in Syrien angekommen war, sang er: „Ich zünde die Bombe inmitten der Menge, drück auf den Knopf und werde in den Himmel kommen.“