Wandern

Wie man mit dem Smartphone die grünen Wege Berlins erkundet

Mitten in Berlin gibt es grüne Wege, die kaum jemand kennt. Man findet sie am besten per GPS auf dem Smartphone. Die Morgenpost stellt die vier schönsten Routen der Hauptstadt vor.

Foto: Reto Klar

Erinnern Sie sich an die Fraggles, diese Kinderserie mit den zotteligen Puppen? Da stand ein Mann tagein, tagaus in seiner Werkstatt und merkte vor lauter Arbeit nicht, dass im Boden unter ihm diese kleinen und vergnügten Kreaturen lebten, in einer Welt aus Wegen und Tunneln.

Ähnliches gibt es auch in Berlin. Kleine Wege, die man im Alltag kaum sieht, auf denen sich erwachsene Spaziergänger so fühlen dürfen, als wären sie ein Fraggle für einen Tag.

Wie lautete noch der Titelsong jener Serie? „Sing und schwing das Bein, lass die Sorgen Sorgen sein.“

Route 1: Der innere Parkring

Satte 52 Kilometer ist er lang, der „Innere Parkring“. Ein Weg, der die Grünflächen und Parks der City verbindet. Start und Ziel kann auf diesem Rundweg jeder selbst bestimmen. Wenn Berlin der viel beschworene Flickenteppich ist, bewegt man sich auf dessen dünnsten Nähten. Durch Tunnel, Pfade und vermeintlich geschlossene Türen. Ehrenamtliche Spaziergänger haben die Route über Jahre erkundet und dokumentiert, sie ist Teil der 20 „Grünen Hauptwege Berlins“. Die Strecke ist ein Zickzack von Grünfläche zu Grünfläche, das kein elektronischer Routenplaner hätte berechnen können. In der Unlogik liegt der Reiz. Besonders leicht folgt man der Spur mithilfe des Smartphones. Wie das funktioniert, steht im Infokasten rechts.

Es geht los. Der Autor dieser Zeilen verlässt die Welt der gestressten Städter am Saatwinkler Damm kurz vor der Auffahrt auf die Autobahn 111. Abgase und Beton, eine fürchterliche Gegend. Der Pfeil auf dem Handy-Display zeigt nach rechts. Tatsächlich, ein Treppchen führt von der Brücke runter zum Schifffahrtskanal. Endlich Rasen unter den Füßen. Der Weg am Ufer wird kleiner, nach dem Straßenungeheuer oben schrumpft der Weg auf menschliche Größe. Ein Straßenschild zeigt den schönen Namen „Provinzstraße“. Weniger schön dagegen ist der schmuddelige Industriehof. Egal. Die wichtigere Frage lautet: Wo geht es weiter? Überraschend endet der Weg hier nämlich vor einem Zaun. Doch der Pfeil auf dem Smartphone zeigt unbeirrt geradeaus.

Ist das der Moment? Scheitern der Technik? Wie man es kennt von Navigationssystemen, die einen gelegentlich in absurde Richtungen schicken? Aber nein. Ein leichter Druck gegen die Tür, sie geht auf. „Geöffnet von 6 bis 22 Uhr“. Hinein in die Kleingarten-Kolonie „Sommerglück“. Der Weg schrumpft weiter, inzwischen hat er Fraggle-Größe. Grün links, grün rechts. Wie war das noch? Fraggles haben sich in den Garten der Gorgs geschlichen, diese sechs Meter großen Wesen mit großen Augen, um deren Radieschen zu klauen. Eine wirkliche Gefahr war aber nur der Junior der Gorg-Familie. Er wollte die Fraggles fangen. Besonders schlau war Junior aber nicht, mit seinem Alter von „nur 473 Jahren“ überdies noch unerfahren auf der Jagd. Eine friedliche Vorstellung.

Es tut gut, zu gehen und sich Gedanken über solchen Blödsinn zu machen. Den Duft von Rasen und geharkter Erde in der Nase. Denn seit der Sache mit der offenen Tür ist klar: Es geht auf dieser Tour immer weiter. Irgendwo ist stets ein Eingang ins nächste Grün.

Rast hinterm Möwensee in Wedding. Im Café „Schatulle“ gibt es Apfelkuchen mit Walnüssen und Strom für das Smartphone. Die GPS-Ortung saugt den Akku leer. Es ist Dienstagmittag, hinter den Bäumen heulen Bremstriebwerke der Flieger, die in Tegel landen. An den Tischen des Cafés hat es niemand eilig. Nebenan doziert ein Herr über die History-Sendungen von Guido Knopp im ZDF. „Ein so komplexes Thema in 45 Minuten zu packen, das geht natürlich nicht“, sagt er. „Die Zusammenhänge werden zu sehr verkürzt.“ Seine Zuhörer nicken bedächtig. Nach einigen Stunden Wandern hat man die Ruhe, ihnen zuzuhören. Sonst bewegt man sich ja selbst durch die eigene Stadt wie Herr Knopp durch historische Epochen: Immer auf den Hauptstraßen, immer auf dem kürzesten Weg. Nie leise, immer laut.

Was sich Stadtplaner dabei gedacht haben, als sie die Parks rund um das Zentrum anlegten, begreift man am besten mit den Füßen. Das Grün bildet einen Ring. Der Architekt Hermann Jansen hat bereits 1910 einen Plan dafür vorgelegt, um dem „steinernen Berlin“ ein „grünes Achsenkreuz“ zu geben. Erst nach der Wende aber begann der Senat, nach Verbindungen zwischen großen Anlagen wie dem Volkspark Jungfernheide und Wilmersdorf – seit einigen Jahren auch dem Tempelhofer Feld – suchen zu lassen. Der Parkring ist eine frische und wachsende Ader für die einst geteilte Stadt. Da läuft man über einen Friedhof oder auf schiefen Gehwegplatten vorbei an Reihenhäusern oder auch mal für wenige Meter auf dem Fußgängerstreifen einer Autobahn. Kaum jemand wird die 52 Kilometer am Stück gehen. Allein, weil man in jedem Park eine Pause machen sollte. Mal den Anglern im Boot auf dem Hubertussee zuschauen.

Berliner, so scheint es, gehen wochentags vor allem alleine in den Park. Doch, anders als in Straßenschluchten, wirken Menschen im Grünen selten einsam. Sie sind bei sich selbst. Im Heinrich-Lassen-Park steht eine ältere Dame vor der Theodor-Heuss-Bibliothek. Man denkt: So könnte man alt werden. Mit einem Park vor der Tür, in dem man Bücher ausleihen kann.

Am Rande der Fliegersiedlung in Tempelhof, mit ihren rot gestrichenen Fenstern und Schaukeln im Garten, fängt es an zu regnen. Gut, dass hier ein Bus fährt. Zurück in die Werkstatt des Alltags. Aber man kann die Tour jederzeit fortsetzen. Mal wieder für ein paar Stunden Fraggle sein – „Lach und schwing das Bein“. Aber bitte kein Radieschen in Kleingärten klauen. Darin wollen sich noch viele Wanderer sicher fühlen.

Route 2: Touren wie die Humboldts

Spätestens seit dem humorvollen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ dürften sich viele Wanderer für die Touren der Berliner Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt interessieren. Auf der Route, die in der Nähe des Tegeler Schlosses startet und tief in den grünen Nordosten führt, wird man zwar kaum Ureinwohner im Lendenschurz treffen wie auf frühen Forschungsreisen nach Südamerika.

Dafür müssen Wanderer aber auch keine Selbstversuche mit dem Pfeilgift Curare wagen. Sicher ist nur, dass die Humboldt-Brüder im 18. Jahrhundert rund um das Schloss die Landschaft erkundet haben. Den Nordgraben, an dem Wanderer heute nach Osten gehen, gab es damals aber noch gar nicht. Dieser Wassergraben für die Panke entstand erst 100 Jahre später. Das trübt aber nicht den Spaß für zeitgenössische Entdecker. Auch im Roman „Die Vermessung der Welt“ geht es nicht um Fakten. Umso schöner sind die Landschaften der Wartenberger und Falkenberger Feldmark auf dieser 34 Kilometer langen Strecke. Viel Strecke, um die Phantasie mitwandern zu lassen. Und neue Arten, die gibt es irgendwie immer zu entdecken.

Route 3: Von Grenze zu Grenze

Berlin von Norden nach Süden, dieser Weg bietet zweifellos Kontraste. Mit einer Länge von 45 Kilometern eignet er sich als Tagestour nur für Sport-Spazierer, die Pausen für überbewertet halten. Eher zu bewältigen ist diese Tour mit dem Fahrrad oder man wählt einen alternativen Startpunkt. Der Reiz liegt darin, der Panke von der nördlichen Stadtgrenze immer weiter in die Innenstadt zu folgen, bis der Fluss am Bahnhof Friedrichstraße in die Spree mündet. Die hektische Gegend in Mitte sollten Wanderer dann aber schnell wieder verlassen.

Für ein Picknick eignet sich der zweite Abschnitt besser. Weiter geht es durch den Park am Gleisdreieck, über den Bahnhof Yorckstraße bis zum Südkreuz, wo man sich laut offizieller Beschreibung von Grünfläche zu Grünfläche bewegt. Ziel ist die südliche Landesgrenze im Süden in Marienfelde. Wer dort ankommt, darf stolz auf eine Berlin-Durchquerung sein. Der Vorteil gegenüber vergleichbar langen Expeditionen in freier Wildbahn: Man muss nicht viel Proviant mitschleppen. Unterwegs gibt es viele Gelegenheiten zum Einkaufen. Und wem die Füße wehtun, der nimmt einfach Bus oder Bahn.

Route 4: Vom Bundestag in die Einsamkeit

Der Verlauf dieser Strecke vom Zentrum bis nach Heiligensee drückt aus, worum es beim Stadtwandern geht: raus aus Lärm und Beton, hinein in grüne Winkel. Die Tour startet zwischen Verwaltungshäusern des Bundestages, inmitten wuseliger Touristen. So kann man noch einmal anschauen, was einem in den kommenden Stunden erspart bleibt. Nach wenigen Kilometern entlang des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals wird es laut Beschreibung dann ruhiger, diese Strecke ist vielen Berlinern unbekannt. Obwohl noch mitten in der Stadt, ist der Wanderer bereits in Ruhe und Natur angekommen.

Einen Rückschlag gibt es an der Greenwichpromenade am Tegeler See, wo meistens viel los ist. Dafür schaut man mit dem guten Gefühl auf das Wasser, die Natur bald wieder für sich alleine zu haben. Wenig später dann der endgültige Abschied von der Großstadt: hinein in den Tegeler Forst, vorbei an hochgewachsenen Buchen zur Sanddüne „Baumberge“. Der Ortsteil Heiligensee erinnert mit seinen Einfamilienhäusern und Feldern dann schon eher an ein beschauliches Dorf. Und das Freibad Heiligensee ist eine Belohnung für heiß gelaufene Füße.