Irak-Krise

Wie Berliner Jesiden um ihre Familien im Irak fürchten

Seit 2011 lebt Familie Bro in Berlin. Sie ist jesidisch und sorgt sich um Verwandte, die von Extremisten bedroht werden. Den irakischen Kurden, die Jesiden schützen sollen, trauen die Bros nicht.

Foto: Amin Akhtar

Am Dienstag hat Malak endlich wieder von seinem Freund gehört. Anwar ist jetzt ist Syrien. Er konnte vor den Kämpfern der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) fliehen, die ihn und seine Familie auf den Berg Sindschar im Norden des Iraks getrieben hatten.

Anwar hat sofort angerufen. Es war kein Telefonat, um den Freund in Deutschland zu beruhigen. Es war ein Hilferuf: In den Bergen seien immer noch Tausende Jesiden auf der Flucht. Sie hätten kaum Wasser und Nahrung. Hunderte seien gestorben. Erschossen von den radikal-religiösen Fanatikern, oder lebendig in Massengräbern verscharrt. Ob Malak bitte helfen könnte?

Malak Bro ist Jeside. Wie sein Freund Anwar. Er stammt aus einem Dorf im Norden Syriens, mitten im kurdischen Gebiet. Vor drei Jahren ist er mit seiner Frau Sandra, den Zwillingen Basit und Siwar, und Melican, der kleinen Tochter, die damals noch nicht laufen konnte, vor den Kämpfen in Syrien geflohen, jetzt lebt er in Berlin. „Alle Jesiden sind in Gefahr“, sagt er. „Wir sind alle bedroht.“

„Ich sehe die Freiheit noch nicht“

Mehrfach berichtete die Berliner Morgenpost über das Schicksal der Familie Bro. Mit großem Einsatz haben seine Frau und Malak dafür gekämpft, hier anzukommen. Kita-Plätze für die Zwillinge, eine eigene Wohnung, Arbeit, Deutschunterricht, es ist ihnen alles geglückt. Und doch ist wahr geblieben, was Malak Bro noch vor zwei Jahren gesagt hat: „Ich sehe die Freiheit noch nicht.“

Anwar erzählte ihm am Telefon seine Geschichte. Am späten Abend seien er und seine Familie in ihrem Haus überfallen worden. Sie haben sie und die anderen Menschen im Dorf auf die Straße getrieben. Männer, die sich wehren wollten, junge und alte, wurden erschossen. „Die Familie meines Freundes sind Bauern“, sagt Malak Bro. „Sie haben keine Waffen, sie können sich nicht verteidigen.“

Anwar hat drei Schwestern. Die sind jetzt in der Gewalt der Terroristen. 600 andere Frauen teilten ihr Schicksal, hatte Anwar erzählt. Und als Frau gelten bereits Mädchen ab zwölf Jahren. „Die Terroristen werden sie vergewaltigen und verkaufen“, sagt Malak Bro. Die Jesiden haben keine heilige Schrift, an die sie glauben. Ihre Glaubenslehre verbreiten sie mündlich, sie enthält Elemente der christlichen und jüdischen Religion. Ihr Gott wird dargestellt durch einen Pfau. Die Islamisten sehen in den Jesiden „Teufelsanbeter“. „Für sie sind wir Ungläubige, und mit Ungläubigen kann man tun, was man will“, sagt Malak Bro.

30.000 Jesiden auf der Flucht vor den IS-Milizen

Experten sprechen von einem Genozid, den die vermeintlichen Gotteskrieger gegen die religiöse Minderheiten führen. Deutschland soll am Freitag mit ersten Hilfslieferungen in den Nordirak beginnen.

30.000 Jesiden seien wie Anwar und seine Familie vor den Kämpfern der Gruppe Islamischer Staat in das Gebirge geflohen. In allen Nachrichtenkanälen liefen die Bilder von verzweifelten Frauen und verängstigten Kindern. In Ermangelung von Nahrung begannen einige Eltern bereits, ihre Kinder mit Baumrinde zu füttern. Hilfsorganisationen werfen per Helikopter Lebensmittelpakete ab.

Aber das unwegsame Gelände im Gebirge macht viele davon unerreichbar. Das US-Militär hatte eine Evakuierung per Hubschrauber erwogen. Und, ob man die Kämpfer der halbautonomen kurdischen Regierung mit weiteren Bodentruppen unterstützen solle. Am Donnerstag kam die Entwarnung aus dem Pentagon: Erkundigungen per Hubschrauber hätten ergeben, dass nur noch um die tausend Jesiden auf dem Sindschar seien. Eine groß angelegte Rettung sei also nicht mehr nötig.

Täglich Hilferufe

„Tausend Jesiden? Das stimmt nicht“, widerspricht Chaukkedin Issa. Der Berliner ist Mitglied des Zentralrats der Jesiden in Deutschland. „Uns erreichen täglich Hilferufe. Tausende Menschen halten sich aus Angst und zum Schutz vor der Hitze in Höhlen versteckt. Da sind noch Tausende in den Bergen, niemand kann genau sagen, wie viele es sind.“ Issa vom Zentralrat der Jesiden hat die Bundesregierung aufgefordert, einen Kenner des Gebietes in den Irak zu entsenden, damit dieser die Situation der Verfolgten im Nordirak überprüfen kann.

Die Jesiden sind seit Generationen Opfer von Verfolgungen, so extrem aber sei es noch nie gewesen, erzählt Malak. Sein großer Bruder Aidan ist im Frühjahr 2013 mit seiner Familie geflohen, monatelang waren sie unterwegs, eine Zeit lang saß er sogar in einem türkischen Gefängnis. Nur ein anderer Bruder, ihr Vater und ihre Mutter blieben im Dorf. Aidan kam nach einer abenteuerlichen Flucht sicher mit seiner Familie in Berlin an. Seine Töchter gehen jetzt hier zur Schule.

Im August vor einem Jahr aber griffen bewaffnete Truppen der islamistischen Al-Nusra-Front das Dorf an, in dem seine Eltern lebten. Sie erschossen seinen Vater vor dem Haus. Den Onkel entführten sie. Noch in der Nacht legten Kämpfer seine enthauptete Leiche vor das Haus seiner Witwe. Wer am Morgen noch im Dorf sei, würde ebenfalls sterben, drohten sie, erzählte später Malak Bros Mutter. Also flohen alle. Malak zeigt die Bilder von seinem halb zerstörten Haus. Die Kämpfer haben Hass-Graffiti an die Wände geschmiert. „Tötet die Ungläubigen, steht da“, übersetzt Malak.

Religiöse Fanatiker

Die Schicksale von Anwar und Malak sind miteinander verbunden, es sind andere militante Vereinigungen, die ihre Familien auf dem Gewissen haben. Aber jedes Mal sind es religiöse Fanatiker. Und so sind die gewalttätigen Kämpfe im Irak auch verbunden mit dem Krieg in Syrien. Die Dschihadisten kämpfen für ihren Gottesstaat auf demselben Gebiet, auf dem viele Kurden ihren eigenen Staat errichten wollen, einem Gebiet, in dem Jesiden gerade vor allem um ihr Überleben kämpfen. Wenn Anwar jetzt in Syrien ist, so sei er nicht in Sicherheit, sagt Malak. Denn wenn die USA die IS im Irak bekämpfen, treibt sie die Terroristen nach Syrien. An der Grenze nämlich endet der Einsatz des US-Militärs. Dort können sich die Islamisten deutlich sicherer fühlen, sagt Malak.

Die aus dem Irak geflohenen Jesiden halten sich jetzt in den halb verlassenen syrischen Dörfern versteckt. Viele versuchen, in die Türkei zu fliehen. Aber das ist schwierig. „Die Region ist isoliert“, sagt Issa. Eine weitere Demonstration oder größere Kundgebung, um auf das Schicksal der Jesiden in Irak aufmerksam zu machen, sei momentan jedoch nicht geplant, hieß es vom Zentralrat. Viele hätten Angehörige verloren, hieß es, man wolle den Jesiden nicht zumuten, jetzt auch noch auf der Straße angefeindet zu werden. Laut Zentralrat lebten etwa 100.000 bis 120.000 Jesiden in Deutschland, die meisten in der Gegend von Celle, Oldenburg und Hannover. Durch die Unruhen in der Region ist ihre Zahl in den vergangenen zwei Jahren massiv gestiegen.

In der vergangenen Woche hatten jesidische Verbände in Herford zu einer Demonstration aufgerufen. Ein Imbissbesitzer, der ein Flugblatt dazu in seinem Laden aufgehängt hatte, wurde von sechs IS-Sympathisanten mit Messern angegriffen. Der Ladenbesitzer und ein 16-jähriger Schüler wurden verletzt. Auch bei einer Demonstration in Dortmund war es zu Ausschreitungen gekommen.

Kämpfer in Deutschland

Malak Bro fürchtet um das Leben der Jesiden, die auf der Flucht sind. Seit Tagen schreibt er täglich Mails mit neuen Nachrichten aus dem Irak und Syrien. Und immer wieder schickt er auch die Fotos weiter, die seine Freunde bei Facebook posten. Seinem Cousin aber reicht es nicht, dass nur die Medien berichten und Hilfsorganisationen Lebensmittel und Medikamente schicken. Er vertraut auch nicht darauf, dass die halbautonome kurdische Regierung die Jesiden genügend schütze. Er sucht Kämpfer in Deutschland, damit sie in den Irak gingen, um die Terrormiliz zu bekämpfen. Die meisten der syrischen Jesiden waren über die Grenze in die Türkei geflohen. Viele Verwandte von Aidan und Malak sind auch dort. In den Flüchtlingslagern aber, so erzählt Aidan Bro, werden die Jesiden weiter von Islamisten angefeindet. Zu den syrischen Flüchtlingen kommen jetzt auch die aus dem Irak.

Die Türkei hat inzwischen bislang 2000 jesidische Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen, hieß es laut türkischen Nachrichtenagenturen am Donnerstag. Hinter der Grenze hielten sich etwa weitere 20.000 Jesiden auf, die vor der Terrormiliz Islamischer Staat geflohen seien. Wie die Agenturen berichteten, wolle die türkische Katastrophenschutzbehörde im nordirakischen Grenzort Sacho ein Flüchtlingscamp für rund 16.000 Jesiden errichten.

„Die Türkei ist das einzige Land, dass den Jesiden die Türe geöffnet hat“, sagte Ministerpräsident Erdogan. International wurde die türkische Regierung in der Vergangenheit für die Aufnahme von syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen gelobt. Ihre Zahl gab Erdogan am Donnerstag mit 1,2 Millionen an.