Landesbibliothek

Auf der Suche nach einem neuen Platz für Berlins Bücher

ICC, Flughafen Tempelhof oder doch ein Neubau? Die Parteien überbieten sich mit Standort-Ideen für die neue Landesbibliothek. Für einen Erweiterungsbau in Kreuzberg fehlt der Platz.

Foto: Soeren Stache / dpa

Eigentlich war alles schon fertig: Das Grundstück stand bereit, zwei preisgekrönte Architekturbüros arbeiteten an endgültigen Entwürfen, und 2016 sollte der erste Spatenstich erfolgen. Der Neubau einer Zentral- und Landesbibliothek für Berlin war das Prestigeprojekt für die Regierung von Klaus Wowereit (SPD). Doch der Volksentscheid gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes im Mai machte die Pläne zunichte. Alles wieder zurück auf Null.

Seither ist in Berlin eine lebhafte Standortsuche ausgebrochen. Die Piratenpartei bringt nun das Gelände des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit ins Gespräch. Das Grundstück im Osten der Stadt mit dem heutigen Stasi-Museum gehöre dem Land, es sei bereits erschlossen und gut zu erreichen, sagte Piraten-Fraktionschef Martin Delius. „Wir sehen das als einen sehr sinnvollen Vorschlag.“ Die stellvertretende Fraktionschefin der Linken und frühere Umweltsenatorin, Katrin Lompscher, hält neben einer Erweiterung der bisherigen Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Kreuzberg auch einen Neubau in der geplanten „Berliner Mitte“ zwischen Alexanderplatz und Spree für möglich. „Wenn der Senat Interesse an einer raschen Lösung hat, muss er endlich eine ordentliche Entscheidungsgrundlage vorlegen. Einen Blankoscheck wird es von uns nicht geben“, sagt sie.

1,5 Millionen Nutzer im Jahr

Dass etwas passieren muss, darin sind sich alle einig. Die bisherige Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), meistbesuchte Kultureinrichtung Berlins, platzt mit bis zu 1,5 Millionen Nutzern im Jahr aus allen Nähten. Zudem ist sie auf drei Standorte verteilt – die AGB am Blücherplatz, die Berliner Stadtbibliothek in Mitte und ein großes Außenmagazin. Wer Pech hat, muss für fachübergreifende Recherchen zwischen den Häusern pendeln. „Berlin braucht eine starke öffentliche Zentralbibliothek und zukunftsfähige Lösungen für die derzeit unzureichende Situation“, drängt Stiftungsvorstand Volker Heller, der kürzlich in einem Interview seine Vorliebe für eine Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek am Blücherplatz bekundete. In einer Nutzwertanalyse seines Hauses hatte diese Lösung nach dem inzwischen obsoleten Neubau am Tempelhofer Feld am besten abgeschnitten.

Allerdings: Das Gebäude in Kreuzberg hat bisher nur 7500 Quadratmeter Nutzfläche. In der bisherigen Planung für den Neubau waren die Experten von mehr als 50.000 Quadratmetern ausgegangen. Ein neues Bibliotheksgebäude auf der nebenan gelegenen Grünfläche müsste sechs Mal größer werden als die AGB heute und böte auch dann nur 86 Prozent der benötigten Nutzfläche, wie die Nutzwertanalyse der ZLB ergeben hat. Es handele sich um ein „kleines Baufeld“, heißt es in der Analyse. Auch die Betriebsabläufe ließen sich in einer erweiterten Gedenkbibliothek nicht optimal gestalten, sodass 20 bis 30 Prozent mehr Mitarbeiter in Magazinen und Publikumsflächen benötigt würden als derzeit, was die laufenden Personalkosten der ZLB um 1,5 Millionen Euro pro Jahr nach oben treiben würde.

Abgeordnete von SPD und CDU favorisieren deshalb weiter eine Sanierung des leer stehenden Kongresszentrums ICC im Westen der Stadt. Für den ZLB-Chef ist das schon wegen der wenig einladenden Gegend am Messegelände ein rotes Tuch: „Es kann nicht sein, dass die Zusammenführung der Bibliothek in ein Haus als Notnagel für nicht vorhandene Konzeptionen für beliebige leer stehende Gebäude der Stadt dient“, schimpft Heller.

Die Grünen sehen dagegen gute Chancen, ihre schon lange gehegte Lieblingsidee von einer Sanierung des alten Flughafens Tempelhof umzusetzen. Die riesige Anlage könnte neben dem Bibliotheksbetrieb auch Museen, Ateliers, Probenräume und Workspaces für Kreative aufnehmen und so zu einem „Kulturhafen Tempelhof“ werden, sagt Grünen-Kulturexpertin Sabine Bangert. „Damit könnte Wowereit endlich mal einen kulturpolitischen Akzent in der Stadt setzen.“

Eine Nummer kleiner

Der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) sieht den Entscheidungsdruck. Man arbeite derzeit an einer „Anpassung“ des Bedarfsprogramms für das ursprünglich auf 270 Millionen Euro veranschlagte Gebäude, sagte er. „Bis 2016 müssen die relevanten Standorte geprüft sein, sodass wir eine Vision von der Bibliothek haben und die konkreten Planungen in Angriff nehmen können.“ Er schließt nicht aus, dass der geplante Neubau auch eine Nummer kleiner werden könnte.

In der Landespolitik gibt es Sympathien für eine Lösung im ICC, weil damit das Problem des leer stehenden Kongresszentrums gelöst wäre. Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) hat dem Senat als einzig tragfähige private Nutzung den Umbau zu einem Einkaufszentrum empfohlen.

Aber es gibt massive Widerstände in Senat und Koalitionsfraktionen gegen die Idee, ein solches privates Projekt 200 Millionen Euro Steuergeld zu unterstützen. Nähme man hingehen das für das ICC vorgesehene Geld und die für die Bibliothek eingeplanten 270 Millionen Euro zusammen, könnte man die Bibliothek im ICC unterbringen. Führende Koalitionspolitiker warnen Kulturpolitiker und ZLB-Vertreter intern vor zu weit reichenden Forderungen. Angesichts der sanierungsbedürftigen Giganten Tempelhof und ICC werde man kein weiteres großes Neubauprojekt finanzieren.