Tumorerkrankungen

Wie man mit der Diagnose Krebs viele Jahre lebt und überlebt

Die Ärzte gaben ihm keine Hoffnung. Doch der Berliner Robert Sandmann gehört zu der wachsenden Zahl der Patienten, die viele Jahre mit der Krankheit überleben. In Berlin gehen die Sterberaten zurück.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Tanja Laninger

Robert Sandmann hat zwei Leben. Eines vor der Diagnose. Und eins danach. Sein Leben davor bestand vor allem aus Fußball. Jedenfalls, wenn der 49-Jährige über die guten Seiten spricht. Dunkle Stunden gab es damals schon, tiefschwarze sogar. Seine Mutter starb 1973 an Krebs, da war Robert Sandmann acht Jahre alt.

Sein Vater zog später zu einer neuen Frau. Robert und sein älterer Bruder Andreas blieben zurück in der Wohnung am Mierendorffplatz. 1981 zog auch Andreas aus, Robert lebte von da an alleine. Er machte den erweiterten Hauptschulabschluss, begann eine Lehre als Bauklempner, spielte Fußball bei Hellas Nordwest, gewann in einem Pfingstturnier gegen Mannschaften von Bayern München und Borussia Dortmund.

„Ich habe gesund gelebt, keine Drogen, viel Sport“, sagt er. Am 18. März 1983 bekam er Post. Das war das Ende seines bisherigen Lebens – als gesunder Mensch.

Dem angekündigten Tod von der Schippe gesprungen

Der Absender des Briefes war „ein Diagnosespezialist“, wie Sandmann sagt, ganz ohne Ironie. „Er bat mich, bestimmte Untersuchungen mitzumachen“, sagt Sandmann. Zwei Wochen lang fuhr er immer wieder zum Bayerischen Platz, schluckte einen Schlauch zur Magenuntersuchung, ließ Blut nehmen, Dickdarm und Enddarm spiegeln und legte sich in die Röhre zur Computertomografie.

Nach zwei Wochen nennt der Arzt ihm das Ergebnis. „Er hat bei mir einen bestimmten Gendefekt diagnostiziert – denselben wie bei meinem Bruder, über ihn war der Arzt überhaupt auf mich gekommen. Dann sagte er, dass ich nur noch zehn Jahre zu leben hätte. Maximal. Und dass es nichts gebe, was mir helfen würde. Dann durfte ich gehen.“

Sandmann ging hinunter in die U-Bahn. Er setzte sich auf eine Bank. Zwei Stunden starrte er vor sich hin. Er sprang nicht vor die Bahn.

Robert Sandmann lebt heute noch, 31 Jahre später – und zwar gern. Er ist dem angekündigten Tod von der Schippe gesprungen, ist ein Langzeit-Überlebender. Das liegt auch daran, dass sich die Behandlungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert haben – parallel zu den Prognosen für viele Krebserkrankungen. Patienten wie Robert Sandmann standen im Mittelpunkt eines Krebskongresses, den der Klinikkonzern Vivantes vor Kurzem ausgerichtet hat.

Sterberaten gehen zurück

„Krebs überleben, Krebs überstehen“ lautete der Themenschwerpunkt. Früher hatten viele Krebspatienten das Gefühl, mit ihrer Diagnose allein gelassen zu werden. Das hat sich geändert, weil die Fachrichtungen immer stärker zusammenarbeiten, interdisziplinär ist das Schlagwort. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil immer mehr Menschen an Krebs erkranken.

Der „Vivantes Krebsbericht 2013“ listet 9270 Patienten auf, die im Jahr 2013 mit der Hauptdiagnose Krebs stationär in einer der Vivantes-Kliniken behandelt wurden. Das sind 5,3 Prozent mehr als 2011. Da Vivantes als größter Versorger für Krebspatienten in Berlin gelte, sei davon auszugehen, dass auch die Zahl der Krebserkrankungen stadtweit zunimmt. Darmkrebs, wie Sandmann ihn hat, gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen. Er liegt im „Gemeinen Krebsregister“ der ostdeutschen Bundesländer an dritter Stelle der neu diagnostizierten Erkrankungen, nach Prostatakrebs (bei Männern) und Brustkrebs (bei Frauen) sowie Lungenkrebs.

Doch die Sterberaten gehen zurück. Sie sanken bei Erkrankungen von Brust, Schilddrüse, Gebärmutter, Niere und Harnblase um 15 Prozent und mehr – trotz gleich bleibender oder gar steigender Erkrankungsraten. Laut Gesundheitsbericht des Bundes sind die altersstandardisierten Sterberaten bei Krebs insgesamt im vergangenen Jahrzehnt bei Männern um 17 und bei Frauen um elf Prozent zurückgegangen.

Bessere Behandlungsmethoden

Auch Robert Sandmann profitiert von verbesserten Behandlungsmethoden, und damit sie sich verbessern, hat er viele über sich ergehen lassen, – außerdem nimmt er an einer Studie teil. Seine Krankheitsgeschichte wäre nicht schnell erzählt. Sie umfasst kurz gesagt mehrere Operationen, Dutzende Untersuchungen und Krankenhausbesuche sowie sieben Jahre der „Bockigkeit“, in denen Sandmann Arzttermine verweigerte.

Sein Gendefekt heißt FAP: familiäre, adenomatöse Polyposis. Er bedeutet ein hohes und angeborenes Darmkrebsrisiko. Sein Bruder hat ihn, seine Mutter, so erklärte es ihm der Diagnosearzt, habe ihn gehabt, und auch seine Großmutter, die ebenfalls mit 38 Jahren starb, hätte ihn in sich getragen. Sein Sohn aus erster Ehe hat ihn geerbt, sein Sohn Daniel aus der zweiten Ehe mit seiner Frau Heike nicht.

Einfach erklärt bedeutet FAP, dass sich in Robert Sandmanns Darm Polypen bilden. „Ich hatte Hunderte davon im Dickdarm, jeder einzelne mit hohem Potenzial zur Bösartigkeit.“ Bei der ersten Operation 1983 wurde ihm der Dickdarm entfernt. Seitdem soll er alle drei Monate zu Folgeuntersuchungen, weil er auch im Mastdarm Polypen hat. Sie müssen stichprobenartig abgetragen und untersucht werden. Inzwischen hat er welche im Magen und in der Speiseröhre. „Ich war 1983 noch sehr wehleidig. Das bin ich schon lange nicht mehr“, sagt Sandmann.

Seine Frau Heike nickt. 1988 hat sie sich in ihn verliebt, im August 1990 haben sie geheiratet, vier Wochen später kam Daniel zur Welt. Frau und Sohn sagen, dass sie Roberts Krankheit oft vergessen, weil er nicht zeigt, dass er Schmerzen hat. „Für mich ist er ein Vorbild“, sagt der 23 Jahre alte Sohn, „mir hat seine Stärke geholfen, als ich selbst sehr krank war.“

Heike Sandmann begleitet ihren Mann zu allen Untersuchungen, im Schnitt muss er jeden dritten Monat ins Klinikum Steglitz. Der nächste Termin ist früher, weil die Ärzte wegen der Größe der Polypen beunruhigt sind. „Ich nehme mir frei und fahre ihn“, sagt die 45-Jährige, die als Kassenleitung eines Lieferservices arbeitet. Wenn die Krankenkasse Abrechnungen nicht zahlen wollte und sonst das Geld knapp wurde, hat sie die Rechnungen beglichen und Kredite aufgenommen, die ihr Mann nicht bekommen hätte. „Das ist selbstverständlich. Wir gehören zusammen.“

Robert Sandmann musste nach der ersten Operation 1983 seine Lehre abbrechen und konnte keine neue beginnen. Die Krankenkasse wollte ihn zur Beobachtung eine Woche lang in eine Klinik einweisen und dann entscheiden, ob er Krankengeld bekommt. „Das war furchtbar, ich kam gerade aus der Klinik, es war sichtbar, dass ich krank war“, erinnert sich Sandmann. Nach einigen Diskussionen reicht der Kasse ein Besuch bei einer Vertrauensärztin. Schwierigkeiten mit der Krankenkasse, Geldsorgen – sie ziehen sich wie ein roter Faden durch Sandmanns Krankheitsgeschichte. Immer wieder bekommt er Probleme mit der Kasse, muss darüber streiten, welcher Arzt ihn wo zu welchen Kostensätzen behandeln darf. Er ist hauptsächlich im Klinikum Steglitz in Behandlung, außerdem in den Asklepios-Kliniken in Hamburg, und er fuhr 1994 ins Krebsforschungszentrum nach Heidelberg, wo man ihm aus Teilen des Dünndarms ein neues Darmreservoir „baute“, den sogenannten Pouch.

Das Wort Krankheit bedeutet nichts

Von Hause aus keinesfalls begütert, – Sandmanns Mutter war Hausfrau, sein Vater arbeitet heute noch als Taxifahrer – muss er dazuverdienen, kann es aber nicht kontinuierlich tun. Das Arbeitsamt verweigerte ihm 1983 eine bezahlte Umschulung. Einige Monate versuchte er sich als Gebäudereiniger, dann arbeitete er als Fahrer. Sandmann transportierte Wäsche für eine Reinigung, Jeans für einen Kleidergeschäft, Obst, Holzmöbel, und fuhr Telebus. Manche Arbeitgeber gingen pleite, andere duldeten seine Fehlzeiten nicht. Schließlich wurde er Taxifahrer.

Für ihn ist das eine Befreiung: „Ich hatte den Wagen zwölf Stunden zur Verfügung. Die Arbeitszeiten waren meine Sache.“ Allein der Umsatz musste stimmen. Nur in den ersten Jahren ging die Rechnung auf. 1999 beantragte Sandmann Frührente, nach viereinhalb Jahren erhält er sie endlich. Seine Rente stockt er mit Taxifahren auf – auch um die Kredite abzuzahlen. „Ich werde nicht mehr gesund, das weiß ich. Ich muss nur meine Lage im Griff behalten.“ Der Begriff Krankheit bedeutet ihm nichts. „So ist mein Normalzustand, ich lebe damit schon länger als vorher.“ Er sei glücklich, sagt er, mit Heike an seiner Seite. Und weil gerade Fußball-Weltmeisterschaft ist.

Spielen kann der Hertha-Fan nicht mehr. Doch: „Zuschauen kann ich noch. Fußball ist mein Leben.“