25. Mai

Als alles auf dem Tempelhofer Feld zum Politikum wurde

Dieser Sonntag war kein normaler Tag auf dem Tempelhofer Feld. Alles wurde zum politischen Statement: das Pflanzen, Grillen und Sonnenbaden. Und die Meinungen waren zerrissen wie eh und je.

Wer das Tempelhofer Feld verstehen will, muss an einem Sonntagmorgen im Mai herkommen. Still liegt der einstige Flughafen dann in der Sonne, es duftet nach blühenden Wiesen und heißem Teer, und am Himmel singen die Feldlerchen schrill ihren Dauergesang. Das ist Sommer, das ist Berlin. Eine Frau in Weiß stoppt ihr Fahrrad auf dem Rollfeld. „Guten Morgen! Hamse schon jewählt?“

Dieser Sonntag war kein normaler Tag auf dem Tempelhofer Feld. Die Abstimmung über die teilweise Bebauung des Geländes war das beherrschende Thema in Berlin. Nicht nur bei den direkten Anwohnern in Neukölln oder Tempelhof. Seit das Gelände vor vier Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, haben die Berliner es zielsicher für sich erobert. Nicht mit großen Gesten, sondern Stück für Stück, jeder für sich. Als Spaziergänger, Fahrradfahrer, Jogger, zum Grillen, Spielen, Toben, Sonnenbaden, Hundeausführen. Als Stadtgärtner, um sich mit Freunden und Familie zu treffen oder um gemeinsam Drachen steigen zu lassen.

Wie Thomas Mönch, 51, und seine Frau Sylvia, 49, die eigens aus Köln angereist sind. Eine Woche wohnen die beiden im Wohnmobil in Wedding. Doch ihr Urlaubsziel ist der ehemalige Flughafen Tempelhof. Dort richten sie sie sich täglich ein wie Touristen am Strand – samt Sonnenschirm, Proviant und Strickzeug für Sylvia Mönch. Ihr Mann ist Trickdrachenflieger. „Das Gelände ist ideal für mein Hobby“, sagt er. Deutschlandweit gebe es nur zwei große Drachenfliegerszenen, sagt er „eine in Köln und eine hier. Dieses Gelände hier sollte man unbedingt erhalten“.

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Menschen, winzig wie Spielfiguren

Gleich nebenan wird am Morgen fleißig gearbeitet. Im Gartenprojekt „Stadtacker“ gießt Sophia Brandl Rosen und Wiesenblumen, die in Holzkisten blühen. Eigentlich habe sie heute frei, sagt sie, „aber die Blumen brauchen ja Wasser“. Sophia Brandl hat Gesellschaft einer dänischen Touristin bekommen, der sie auf Englisch die Idee des „Stadtackers“ erklärt: ein Projekt für Hartz-IV-Empfänger wie sie, die 30 Stunden pro Woche hier arbeitet. „Aber wollen Sie nicht das Unkraut entfernen?“, fragt die Dänin mit irritiertem Blick auf einige zugewucherte Kisten. Sophia Brandl schüttelt energisch den Kopf. Auch Unkraut solle hier eine Chance haben, sagt sie, das gehöre zum Konzept. „Vielleicht blüht es ja noch“, die beiden Frauen lachen.

Britta Degn, die Dänin, ist eigentlich in Berlin, um ihren Sohn zu besuchen. „Aber er schläft noch, also dachte ich, ich gehe spazieren.“ Ihr Sohn hat ihr dafür das Tempelhofer Feld empfohlen. Vielleicht, weil er meinte, es sei eben typisch Berlin.

Gegen zwölf Uhr füllen sich die Rollfelder. Nach den Joggern sind jetzt immer mehr Fahrradfahrer unterwegs. Dazwischen üben Mütter mit Kindern Rollschuhfahren, spielen Jungs Fußball, ein Mann düst im handbetriebenen Rollstuhl immer dem Mittelstreifen nach. Verkehrsregeln gibt es nicht, Unfälle offenbar auch nicht. 305 Hektar ist das gesamte Feld groß, allein der innere Wiesenbereich hat immerhin 200 Hektar – eine Größe, die kaum vorstellbar ist. Sie lässt sich allein an den Menschen ermessen, die auf den Flächen wirken wie winzige Spielfiguren.

„Das Tempelhofer Feld ist unser Garten“

Genau dieser Effekt ist es wohl auch, der viele Besucher anzieht. Julia Nethert, 23, und Alex Browne, 25, zum Beispiel. Gegen zwölf schlendern die beiden über das nördliche Rollfeld, Arm in Arm, die Sonnenbrillen im Gesicht, allein mit sich und doch unter Hunderten Menschen. Sie sind auf dem Nachhauseweg. Der Spaziergang beendet ihre Clubnacht. Sie stammen aus Trier, sagen die beiden, vor einem Jahr sind sie zur Ausbildung nach Berlin gezogen. Sie wohnen auf der Neuköllner Seite des Ex-Flughafens im angesagten Schillerkiez. Von der geplanten Bebauung halten sie nichts, auch wenn ein großer Teil des Feldes frei bleiben würde. „Das Tempelhofer Feld ist unser Garten“, sagen sie.

Auf der anderen Seite des Flugfeldes gibt es gegen Mittag regelrecht Stau. Eine Fahrraddemo windet sich vom Tempelhofer Damm vorbei an rollerbladenden Müttern mit Kinderwagen und italienischen Touristen mit Kühlboxen, die auf dem Weg zum Grillen sind. In der Einfahrt stehen jene Menschen, die die Abstimmung initiiert haben. „100 % Tempelhof“ heißt die Bürgerinitiative, die seit Monaten in der Stadt dafür wirbt, den ehemaligen Flughafen nicht zu bebauen. Meistgefragtes Thema am Wahltag: die komplizierten Wahlzettel. Unermüdlich erklärt Frank Angermüller mit seinen Mitstreitern das Prozedere des Volksentscheids und seine Ziele. Dann verteilen sie Luftballons an die Kinder, die über dem Flugfeld in die Höhe schweben wie einst die Flugzeuge.

Für Angermüller ist es der letzte Tag einer anstrengenden Zeit. Fast eineinhalb Jahre haben sie auf der Straße dafür gekämpft, dass der Volksentscheid stattfinden konnte. Am Abend wird in Kreuzberg gefeiert. Und danach? „Wie auch immer der Entscheid ausgeht, wir werden die Diskussion um die Gestaltung des Tempelhofer Feldes weiter begleiten“, sagt Angermüller. Er ist optimistisch, dass der Entscheid durchkommt. Gerade in den letzten Tagen, sagt er, habe die Initiative immer mehr Zustimmung bekommen. Auch von Berlinern, die nicht wählen dürfen wie Sabiera Tümer. „Ich lebe seit fast 50 Jahren in Berlin und bin gegen eine Bebauung“, sagt die Türkin aus Tempelhof. „Aber leider habe ich keine doppelte Staatsbürgerschaft und darf deswegen nicht wählen.“

Mehr bezahlbarer Wohnraum und weniger Gewerbe

Auf der Barbecue-Wiese am Columbiadamm ist man derselben Meinung. „Der Park muss bleiben“, sagt Sefa, 25, der mit rund 20 Freunden aus Charlottenburg gekommen ist und jetzt am Profi-Grill steht. „Wir treffen uns gern hier, denn das Tempelhofer Feld liegt zentral und grillen darf man auch.“

Doch es gibt auch andere Stimmen. Katrin Dzenus und ihr Mann zum Beispiel. Die beiden sind zum nachmittäglichen Picknick mit Kaffee und Kuchen und aus ihrem Heimatbezirk Schöneberg auf das Feld gekommen. „Selbst, wenn man das Gelände halbiert, ist doch immer noch genug Platz für alle, die Natur suchen“, sagt Katrin Dzenus, von Beruf Innenarchitektin, während sie die Kaffeetafel auf einer rot-weiß karierten Decke anrichtet. Sie wünscht sich aber bei der Bebauung mehr bezahlbaren Wohnraum und weniger Gewerbe.