Berlin-Treptow

Was die Versteigerung des Spreeparks so schwierig macht

Anfang Juli wird der Vergnügungspark in Berlin-Treptow zwangsversteigert. Er hatte 2001 Insolvenz angemeldet. Die Tochter des Ex-Betreibers würde gern bieten, doch ihr Nachname ist ein Hindernis.

Foto: Reto Klar

Berlin-Treptow ist nicht Schönefeld, ein Vergnügungspark kein Großflughafen. Auch die Millionenbeträge, um die es geht, sind nicht vergleichbar. Trotzdem haben die Geschichten des Flughafens BER und des Berliner Spreeparks etwas gemeinsam: Sie zeigen das Unvermögen der politisch Verantwortlichen, Großprojekte in der Hauptstadt zügig umzusetzen.

Während aber das Geschehen rund um den Flughafen in aller Öffentlichkeit verhandelt wird, fehlt dem Spreepark eine derartige Aufmerksamkeit. Das vor zwölf Jahren stillgelegte Gelände mitten im Plänterwald gilt allenfalls als großer Abenteuerspielplatz.

Ein Beispiel: Karl Theodor zu Guttenberg hat sich hier fotografieren lassen. Vier Jahre ist das her. Zusammen mit seiner Frau hat er sich auf einem umgestürzten Dinosaurier aus Styropor in Positur gebracht. Selbstbewusst steht er da, den Blick in die Weite gerichtet. Wie ein Drachentöter. Ihm zu Füßen sitzt seine Frau. Sie hält seine Hand und sieht zu ihm hoch. Warum das Foto ausgerechnet im Spreepark gemacht werden musste, ist nicht überliefert. Vielleicht wollte der damalige Verteidigungsminister als Abenteurer dastehen, als einer, der selbst im unwegsamen Gelände die Übersicht behält. Als starker Mann, der das Wilde besiegen kann.

Verkehrswert des Berliner Spreeparks auf 1,62 Millionen Euro festgelegt

So einen Mann könnte der Spreepark nun gut gebrauchen. Am 3. Juli 2013 steht die Zwangsversteigerung des Erbbaurechts für das etwa 30 Hektar große Areal an. Einer der Gläubiger, das Finanzamt Treptow-Köpenick, hat die Versteigerung beantragt. Ausstehende Steuerzahlungen sollen auf diese Weise eingetrieben werden. Das Gericht hat den Verkehrswert des Areals auf 1,62 Millionen Euro festgelegt.

Treptow-Köpenicks Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) sagt: „Ein Mindestgebot muss wenigstens 70 Prozent dieser Summe betragen.“ Hölmer ist sicher: Wer 900.000 Euro auf den Tisch legt, für den kommt das Geschäft zustande. Findet sich im ersten Durchgang kein Interessent, könnte es im zweiten sogar noch günstiger werden, sagt er. Der neue Besitzer müsste zudem nicht einmal die alten Schulden übernehmen, so will es bei einer Zwangsversteigerung das Gesetz. Der Deutschen Bank entgehen auf diese Weise 15 Millionen Euro, dem Land Berlin 4,5 Millionen. Ob es Interessenten gibt, dazu sagt Hölmer nichts.

Spreepark musste 2001 Insolvenz anmelden

Sabrina Witte würde jedenfalls gerne mitsteigern. Ihr fehlt allerdings das nötige Geld. „Doch selbst wenn ich es hätte, bekäme ich keine Chance“, sagt sie. Allein ihr Nachname halte die Leute davon ab. Es macht sie wütend, dass viele sie und den Vater über einen Kamm scheren. „Nur weil ich Witte heiße, bin ich noch lange kein schlechter Mensch.“

Die junge Frau ist im Spreepark groß geworden. Sie ist die Tochter von Norbert und Pia Witte. Das Schausteller-Ehepaar hatte den DDR-Vergnügungspark nach der Wende übernommen und einen modernen Freizeitpark daraus gemacht. Sie hatten viele Millionen Euro investiert. Am Ende sind sie trotzdem pleite gegangen. 2001 mussten sie Insolvenz anmelden. Sabrina hat das alles miterlebt. Loslassen kann sie trotzdem nicht. „Es ist immer noch so, dass ich mich nur hier wirklich zu Hause fühle“, sagt sie. Und hofft, dass es wieder bergauf geht für den Spreepark.

Ein riesengroßer verlassener Spielplatz in Berlin-Treptow

Noch gleicht der größte Teil des Geländes allerdings einem riesengroßen, verlassenen Spielplatz. Überall wachsen kleine Bäume, Büsche sind zu riesigen Hecken geworden, wo Licht hinkommt und sei es auch noch so wenig, wuchert Gras. Zwischen all dem Wildwuchs stehen verlassene, teilweise verrostete Fahrgeschäfte. Auf einer Wiese liegen beinamputierte Saurier aus Kunststoff, die Achterbahn ist verrottet, die Wildwasserbahn in Entengrütze versunken.

Zwar haben sich in den vergangenen Jahren mehr als 30 Unternehmen für den Kulturpark interessiert, unter anderem die dänische Gesellschaft Tivoli und zuletzt der belgische Investor Plopsa. Doch sie sind alle wieder abgesprungen. Die Schulden, die sie hätten übernehmen müssen, waren einfach zu hoch, die Auflagen des Landes Berlin nicht zu erfüllen.

Schließlich handelt es sich bei dem Areal im Treptower Plänterwald um ein Landschaftsschutzgebiet. Ein Gutachten legt fest, dass der Standort höchstens 500.000 Besucher im Jahr verkraftet und nicht mehr als 900 Parkplätze. Wirtschaftlich ist das nicht.

Ex-Betreiber Witte wohnt in Bauwagen auf dem Gelände

Es ist Mittwochvormittag. Sabrina Witte begrüßt uns am Haupteingang des ehemaligen Kulturparks. Sie hat einen Schlüssel für das eiserne Tor, schließlich ist ihre Mutter noch immer Pächterin des Geländes. Das Tor quietscht ein wenig beim Öffnen. Sabrina lacht. Herzlich willkommen, sagt sie und weist mit ausladender Geste auf das vor uns liegende Areal.

Wo sich einst die ankommenden Gäste drängelten, ist in den vergangenen zwei Jahren ein Mini-Park entstanden. Es gibt das Freiluftcafé mit dem bezeichnenden Namen Mythos, betrieben von Sabrina Witte, mehrere Liegewiesen, Platz für Stände, an denen Grillwurst und Zuckerwatte verkauft werden. Sogar drei der lebensgroßen Saurier aus Styropor stehen hier.

Weiter hinten auf dem Gelände ist ein Bauwagen zu sehen. Dort wohnt noch immer Norbert Witte. „Er zieht jetzt allerdings nach Marzahn“, sagt Sabrina, die ihrem Vater lange böse war. Witte hatte sich nach der Pleite 2001 nach Peru abgesetzt. Zwei Jahre später wurde er wegen versuchten Kokainschmuggels zu sieben Jahren Haft verurteilt. Weil er schwer erkrankte, kam er nach vier Jahren frei. Anders sein Sohn Marcel. 20 Jahre muss er wegen Drogenschmuggels in Peru im Gefängnis sitzen. Sabrina besucht ihn, so oft es geht. „Ich habe jahrelang nicht mit meinem Vater geredet, wegen all dieser Dinge“, sagt sie.

Areal würde sich für Wohnungsbau eigenen

Wir setzen uns an einen der Tische vor dem Café. Bedient wird nicht. Der Mini-Park hat nur an Feiertagen und am Wochenende geöffnet. Sabrina Witte atmet tief durch. Das alles hier könnte bald vorbei sein. Doch daran will sie im Moment nicht denken. Ihr kleiner Park funktioniert einfach gut. „Die Leute kommen gern hierher, spielen auf der Wiese Federball, sitzen in der Sonne oder fahren mit der Parkeisenbahn, die wir wieder flott gemacht haben“, sagt sie. Die Führungen durch den Park seien ein Renner. Sie selbst leitet jeden Sonnabend um 13 Uhr eine solche Tour. „Doch was, wenn Spekulanten das Grundstück ersteigern und später hier Luxuswohnungen bauen?“

Doch nicht nur Sabrina Witte befürchtet, dass das an der Spree gelegene Areal im Plänterwald für den Wohnungsbau erschlossen werden könnte. Auch die Mitglieder der Initiative Pro Plänterwald ahnen nichts Gutes. Erhard Redding ist einer ihrer Sprecher. Seit Jahrzehnten wohnt er neben dem Spreepark.

„Wir wollen nicht, dass Leute das Erbbaurecht ersteigern, die darauf spekulieren, dass sie in einigen Jahren die Genehmigung bekommen, hier Luxuswohnungen oder gar ein Hotel bauen zu können.“ Baustadtrat Hölmer hat eigene Vorstellungen. „Wir hoffen, dass sich jemand findet, der einen kleinen künstlerisch dominierten Park aufmachen will“, sagt er. Der Rest der Fläche ließe sich ohne weiteres in den naturnahen Plänterwald eingliedern. Wohnungsbaupläne weist Hölmer entschieden zurück. „Das ist ausgeschlossen. Wir werden nicht am Flächennutzungsplan rütteln, und der sieht an diesem Standort einen Vergnügungspark vor.“ Auf die Frage, ob denn auch so ein kleiner Park wirtschaftlich sein kann, antwortet Hölmer allerdings nicht. Er weiß nur zu gut, dass an diesem Standort unter einer gewissen Größe kaum etwas zu machen ist.

Das ostdeutsche Pendant zum Tivoli in Kopenhagen

Nicht umsonst sind alle Interessenten bisher davor zurückgeschreckt. Vergleichbare Freizeitparks zeigen, dass mindestens eine Million Besucher im Jahr nötig sind, damit es sich rechnet. Das war schon zu DDR-Zeiten so. Der Spreepark wurde am 4. Oktober 1969 eröffnet. Sein offizieller Name lautete VEB Kulturpark Berlin. Er galt als ostdeutsches Pendant zu Vergnügungsparks wie dem Tivoli in Kopenhagen oder dem Wiener Prater.

Was seine Beliebtheit betraf, konnte sich der Kulturpark damit durchaus messen. Jedes Jahr kamen rund eine Million Besucher. Das Riesenrad hat all die Jahre überdauert. Es ist es noch immer das Wahrzeichen des Parks.

Eine Witte aber, da ist sich Sabrina sicher, wird im Spreepark nie wieder ein Bein auf den Boden bekommen. „Der Gedanke daran, dass das alles hier bald vorbei ist, macht mich fertig“, sagt sie. Freunde von ihr würden allerdings die Hoffnung hegen, dass sie endlich zu leben anfangen könnte, wenn dieses Kapitel wirklich abgeschlossen ist.