Neue Destination

Wofür Wowereit den ersten Direktflug nach Chicago nutzt

In neun Stunden von Berlin-Tegel nach Illinois. Ab sofort fliegt Air Berlin nonstop nach Chicago. Berlins Regierungschef Klaus Wowereit reiste mit, Flughafenchef Hartmut Mehdorn blieb am Boden zurück.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Am Terminal B des Flughafens Berlin-Tegel schwingen die Cheerleader der Füchse, des Berliner Handballbundesligisten, ihre weißen Pompons. Und am Gate B20 singt Jazz-Sängerin Monica Lewis Schmidt „Stand by me“, während Stewardessen Mini-Hamburger, Cupcakes und belegte Bagel unter den wartenden Fluggästen verteilen.

„Ist das immer so? Das ist ja großartig hier“, freut sich eine amerikanische Mutter mit einem Gratis-Orangensaft in der Linken. Sie ist eine der 295 Passagiere, die am Sonnabendmorgen den ersten Berliner Nonstop-Flug nach Chicago bestiegen haben. Nach Fort Myers, Los Angeles, Miami und New York ist die Metropole am Lake Michigan nun die fünfte US-amerikanische Destination, die von Berlin aus direkt angeflogen wird – von Air Berlin. Der wohl prominenteste Gast an Bord des Premierenflugs: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

Wowereit bewirbt Berlin als Wirtschaftspartner

„Der Direktflug von Berlin nach Chicago ist ein wichtiger Schritt im Ausbau unserer transatlantischen Verbindungen. Eine Basis für neue wirtschaftliche und kulturelle Kontakte ist gelegt“, sagte er bei seiner Ansprache am Gate kurz vor Boarding-Beginn. Er werde gemeinsam mit dem neuen Air-Berlin-Chef Wolfgang Prock-Schauer nach Chicago fliegen, um Berlin als Wirtschaftspartner zu bewerben. Am Montag treffe er seinen Chicagoer Amtskollegen Rahm Emanuel. „Der ist sehr interessiert zu gucken, inwieweit man zusammenarbeiten kann“, sagt Wowereit, der nach eigner Aussage bisher nur den Flughafen der Illinoiser Millionenstadt kennt.

„Aber der deutsche Architekt Helmut Jahn, der in Berlin zum Beispiel auch für das Bahn Tower am Potsdamer Platz verantwortlich zeichnet, hat sich bereit erklärt, uns eine architektonische Führung durch die Stadt zu geben.“ Für viel mehr wird Berlins Regierendem Bürgermeister in der US-Metropole – deren Name vermutlich auf das indianische Wort „Checagou“ zurückgeht, was mit „Stinktier“ oder „wilde Zwiebeln“ übersetzt werden kann – keine Zeit bleiben. Bereits am Montagabend wird er den Rückflug nach Tegel antreten.

Ebenfalls bei der Feier dabei waren Wolfgang Brock-Schauer, der Geschäftsführer Air Berlin, sowie sein Vorgänger und neuer Geschäftsführer der Flughafengesellschaft, Hartmut Mehdorn. Als Air-Berlin-Chef hatte er die neue Direkt-Linie nach Chicago noch mitinitiiert.

Von der Party überrascht

Die meisten Fluggäste wurden von den Feierlichkeiten am Gate überrascht. „Hätten wir gewusst, dass es hier etwas zu essen gibt, hätten wir uns das Frühstück gespart“, sagt Familie Scharchschuch aus Neubrandenburg lachend. Sie wird in der „Windy City“ nur eine Zwischenlandung einlegen. Ihr Ziel ist eine Karibik-Kreuzfahrt. Der O’Hare International Airport in Chicago ist der viertgrößte Flughafen der Welt. 41 amerikanische Städte, unter anderem Seattle, Minneapolis und New Orleans, sind von Chicago aus direkt erreichbar.

Tatsächlich planen wenige Fluggäste des Premierenflugs, in der einst wichtigsten Handelsstadt der Vereinigten Staaten zu bleiben. „Wir fliegen weiter nach Denver in Colorado“, sagt ein 31 Jahre alter Lehrer aus Lichtenberg. Gemeinsam mit seiner Freundin will er seine ehemalige Gastfamilie in den Vereinigten Staaten besuchen. „Daher das vielleicht etwas ungewöhnliche Ziel für eine USA-Reise.“ Auch Familie Tögel aus Grunewald wird nicht in Chicago bleiben, sondern will die Osterferien in Florida verbringen.

„Wir haben unsere Hochzeitsreise bereits in New York City verbracht. Aber für unsere Kinder ist es die erste Reise über den Atlantik.“ Kurz darauf tritt Klaus Wowereit für einen Fernsehdreh zu ihnen an den Stehtisch. Er steht im Blitzlichtgewitter der vorzeitig aus dem Urlaubsgepäck geholten Kameras. Auch Vater Scharchschuch aus Neubrandenburg freut sich über einen gelungenen Schnappschuss vom Hauptstadt-Bürgermeister.

Ab Sommer hebt Air Berlin fünfmal wöchentlich nach Chicago ab

Auf der roten Air-Berlin-Bühne gibt man sich unterdessen weiterhin Mühe, die Vorzüge Chicagos zu betonen. Der Michigansee sei einer der größten Seen Amerikas. Im Shedd Aquarium, eine der ältesten Aquaristik-Anlagen der Welt, gebe es einen Wal zu bestaunen. Ansonsten sei es in Chicago momentan zehn Grad wärmer als in Berlin. Allerdings sei es sehr windig. Und auch bei drei Grad plus brauche man wohl doch noch eine Mütze. Die deutschen Fluggäste nicken, lassen sich weiter mit Klaus Wowereit fotografieren oder beobachten die mittlerweile am Gate tanzenden Cheerleader.

Viele Passagiere, die kein Deutsch verstehen, wissen nicht recht, wie ihnen geschieht. Eine Chicagoer Familie ruht sich müde auf den wenigen Warteschalen aus. Für sie war Berlin nur ein Zwischenstopp von einer langen Europareise nach Hause. Die Feierlichkeiten stören mehrfach den Schlaf des Jüngsten der Familie.

Klaus Wowereit betont unterdessen die Bedeutung der neuen Direktverbindung für den Berliner Tourismus. Während die Vereinigten Staaten das beliebteste Langstreckenreisenziel der Deutschen sind, kämen auch viele Bürger aus den Vereinigten Staaten in die deutsche Hauptstadt, um hier Geschäfte abzuschließen oder schlicht die Stadt zu genießen. „Die Touristenzahlen haben sich in den vergangenen Jahren stetig erhöht. Wir hatten im vergangenen Jahr 25 Millionen Übernachtungen zu verzeichnen. Vor zehn Jahren waren es noch knapp elf Millionen.“ In Europa sei die Deutsche Hauptstadt bereits die drittbeliebteste Destination hinter London und Paris. Berlins Beliebtheit wachse dabei stärker als die der französischen oder der britischen Hauptstadt. Wenn ab 1. Mai der neue Sommerflugplan greift, wird Air Berlin statt nur dreimal wöchentlich fünfmal wöchentlich nach Chicago abheben. Insgesamt 100.000 Flugäste sollen bis Ende des Jahres von Tegel aus in die US-Metropole fliegen.

Neue Direktflüge nach Warschau

Neben Chicago gibt es ab Tegel nun auch dreimal täglich eine Air-Berlin-Verbindung in die polnische Hauptstadt. Nach Warschau geht es ebenfalls nonstop. Die Frequenzen nach Krakau werden ebenso erhöht. Nicht nur die Airline, auch der neue Flughafenchef Hartmut Mehdorn sieht im polnischen Markt großes Zukunftspotenzial.

Nach den Lobeshymnen auf den Zugewinn an Mobilität, brachte Wowereit am Ende seiner Ansprache schließlich auch die hohe Belastung des Tegeler Flughafens zur Sprache. „Tegel platzt aus allen Nähten“, sagte er. Auch wenn sich laut aktuellen Umfragen viele Berliner – wohl auf Grund der kurzen Entfernung zwischen den Terminals – für die Erhaltung des Flughafens aussprächen, brauche Berlin dringend den neuen Flughafen. Seinem alten Kontrahenten Hartmut Mehdorn wünschte Klaus Wowereit für seine neue Verantwortung als Chef der Flughafengesellschaft „eine wirklich gute Hand, die Probleme zu lösen“.

Dann stieg der Regierende Bürgermeister in den Airbus A330-200. Die Maschine konnte ohne Verspätung um 10 Uhr starten. Hartmut Mehdorn blieb am Boden zurück. Er habe schließlich, wie Wowereit zuvor bemerkte, „alle Hände voll zu tun“.