Heimwerker

Eine Nacht lang Frauenquote im Berliner Baumarkt

Das Bauhaus Spandau hat zur „Women’s Night“ geladen. Gekommen sind 300 Frauen, um zu bohren, zu malern, zu kleistern und - natürlich - auch um einfach Spaß zu haben an der handwerklichen Arbeit

Foto: Sergej Glanze / Glanze

„Was ist denn hier los?“ Verdutzt schaut sich ein Mittfünfziger auf dem vollen Parkplatz vor dem Bauhaus-Handwerkermarkt in Spandau um. Es ist Freitagabend, 20 Uhr. Eigentlich eine Zeit, wo er immer einen Parkplatz direkt vor dem Eingang bekommt. Um diese Zeit sind nur noch wenige Kunden hier, männlich zumeist, um noch schnell eine fehlende Schraube, Leiste oder Farbe fürs Werkeln am Wochenende zu besorgen. Aber an diesem Freitag ist es anders. Aus dem Eingang zum Gartencenter dringt Popmusik, drinnen stehen knapp 300 bestens gelaunte Frauen zwischen Rasenmähern, Grünpflanzen und Sekt-Ausschank. Trocken und halbtrocken wird angeboten. Nur wenige bleiben bei Wasser oder Orangensaft.

Das Bauhaus Spandau hat zur „Women’s Night“ eingeladen. Es ist nicht die erste, aber das Interesse lässt nicht nach. „Ganz im Gegenteil, es kommen immer mehr“, sagt Geschäftsleiter Jan-Dierk Meyer, in Jackett und „Bauhaus“-Schriftzug auf dem Hemdkragen, bevor er zum Mikrofon greift und die Besucherinnen begrüßt: „Hallo Ladys!“ dröhnt es durch die Lautsprecher. Es seien doch die Frauen, die bestimmen, wie Haus oder Wohnung gestaltet werden, aber die Ideen umsetzen würden immer nur die Männer. „Damit ist jetzt Schluss, meine Damen!“ ruft er in die Menge, die Musik fährt hoch und der Bauhaus-Spandau-Chef erntet heftigen Applaus. Wegen des großen Erfolgs seiner Worte setzt er noch einen drauf: „Es ist Ihr Abend!“ Das Ganze erinnert eher an ein Animationsprogramm im Club-Urlaub als an eine Einführung zum Workshop-Abend. Aber es soll ja schließlich auch Spaß machen, sagt Meyer.

Die Frauen haben sich für einen der acht angebotenen Kurse angemeldet und ziehen jetzt mit ihren Sektgläsern zu den jeweiligen Stationen. Hier kommen dann auch wieder einige Männer ins Spiel, denn sie sind es zumeist, die die Frauen in den nächsten zweieinhalb Stunden in die Kunst des Bohrens, Fliesenlegens oder Laminatverlegens einführen. Ausnahme ist die Station „Dekorative Wandgestaltung mit Easy-Putz“, hier leitet eine Frau die Teilnehmerinnen an. Ob dies ein Grund dafür ist, dass die Stimmung hier am besten ist, bleibt offen. Vielleicht liegt die Ursache für das Gelächter auch darin, dass der Sektstand von ihr aus besonders gut zu erreichen ist oder die Frauen hier schnell in weiße Schutzoveralls schlüpfen und zur Tat schreiten.

Immer auf den Mann gewartet

Mit dicken Rollen und schwungvollen Bewegungen streichen Kornelia Seliger-Seelich (54) und ihre Tochter Kimberley (17) gerade eine Stellwand in himmelblau. „Ach, das hätten wir schon viel früher machen sollen“, sagt die Mutter begeistert, „ist ja gar nicht so schwer“. Nie hat sie sich bisher an irgendetwas Handwerkliches herangetraut, „ ich habe gedacht, das geht schief“. Deshalb hat sie immer darauf gewartet, dass ihr Mann mal Zeit hat – „hat er aber fast nie“. Dann sah sie die Ankündigung zur „Women’s Night“ und wusste: Das ist es. Demnächst will sie nun selbst renovieren. „Mein Mann konnte das erst gar nicht fassen, als ich ihm sagte, wo wir sind.“ Aber Kornelia Seliger-Seelich ist unbeirrt: „Nächstes Mal komme ich wieder, dann belege ich Bohrmaschinen.“

Der Bohrer-Kurs gehört zu den Rennern des Abends. 60 Frauen haben sich hier angemeldet. Sie rücken auf den Bierbänken vor Referent Karsten Stern dicht zusammen und lassen sich von ihm allerlei Bohrmaschinen vorführen. Ganz vorn sitzt die 34-jährige Dorothea. Sie hat sich für diesen Freitagabend ein großes Ziel gesetzt: „Ich will meine Angst vorm Schlagbohrer überwinden.“ Gegen den Widerstand ihres Freundes. Der hat den Kopf geschüttelt, als sie sich zum Bauhaus aufgemacht hat. „Das bringt doch eh nichts“, habe er gesagt. Aber die Kommunikationswissenschaftlerin hat sich nicht entmutigen lassen: „Einerseits beschwert er sich, dass er alles allein machen muss, andererseits lässt er mich an nichts ran.“ Nur einmal, als sie ganz oben auf der Leiter stand, hat er ihr den Schlagbohrer in die Hand gedrückt: „So, dann mach mal“, aber da hat sie sich natürlich nicht getraut.

Immerzu warten, bis der Partner sich bequemt, zu Hammer oder Bohrer zu greifen, wollen die meisten Frauen nicht mehr. Und einen Handwerker zu bestellen, ist vielen zu teuer. Das hat schon vor einigen Jahren eine Umfrage im Auftrag der Baumarkt-Kette Hornbach ergeben. Fast drei Viertel der befragten Frauen sagten damals auch, dass ihnen das Heimwerken Spaß mache. Und 60 Prozent gaben an, dass es ihr Selbstbewusstsein stärkt, wenn sie selbst reparieren oder renovieren können. Insbesondere Alleinerziehende zeigten sich hier sehr zupackend.

Zugleich fühlt sich fast jede zweite Frau im Baumarkt immer wieder schlecht behandelt, das ergab eine Emnid-Umfrage aus dem vergangenen Jahr. Thorsten Kosmol von der Bauhaus-Geschäftsführung versichert aber, das sei Schnee von gestern. Frauen im Baumarkt seien heute ganz normal, und der Anteil der Frauen sei stark gestiegen – nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei den Mitarbeitern. Längst geben sich die Frauen nicht mehr damit ab, den Staubsauger unter den Bohrer zu halten, den Männern während der Arbeit ein kühles Bier zu reichen und später den Dreck wegzuwischen. Spätestens seit es Doku-Soaps wie „Zuhause im Glück“, „Bauexperte im Einsatz“, „Wohnen nach Wunsch“ oder „Die Einrichter“ gibt und diese besonders gute Einschaltquoten bei weiblichen Zuschauern haben, ist das Interesse am Renovieren und Bauen bei Frauen stark gestiegen.

Und dabei lassen die Frauen nichts aus. Zum Beispiel auch nicht das Fliesenlegen, der zweitbeliebteste Workshop an diesem Abend. In der realen Arbeitswelt liegt der weibliche Anteil der Fliesenleger bei unter einem Prozent, doch wenn es nach Claudia (47) geht, dann soll sich das bald ändern. Die Erzieherin aus Spandau will demnächst ihre Küche renovieren und ist darum zur Vorbereitung mit ihrer Nichte Svenja (24) und ihrer Freundin Korinna (46) gekommen. Ihr Mann findet es zur Abwechslung ziemlich gut, dass die Frauen die Renovierung übernehmen. „Und Spaß macht’s doch auch“, sagt Studentin Svenja, während sie mit voller Wucht eine Fliese auf die Stellwand knallt. „Ja, hau da richtig druff!“, kommentiert ihre Tante.

„Ist ja gar nicht so schwer“

Zwei Gänge weiter bricht auf einmal ein Höllenlärm los. Karsten Stern demonstriert die Schlagbohrmaschine und den Bohrhammer. Manche Frauen halten sich die Ohren zu, lassen es aber gleich wieder, denn schnell ist ihnen klar, dass sie im Ernstfall ja auch beide Hände zum Bohren bräuchten. Inzwischen ist es 22 Uhr – und der große Augenblick für Dorothea gekommen. Ein bisschen aufgeregt ist sie schon, als Stern ihr die 2,5 Kilo schwere Maschine in die Hand legt, aber sie hält tapfer durch, stemmt sich gegen die Maschine und schafft es schließlich, ein Loch in den Betonblock zu bohren. „Wow, das ist ja gar nicht so schwer“, sagt sie hinterher stolz, „mein Freund hat mir immer gesagt, da gibt es so einen dollen Rückstoß, das war aber gar nicht“.

Für Dorothea ist das Ziel dieses Abends geschafft – zurück auf ihrer Bierbank atmet sie tief durch. Viele andere Frauen haben inzwischen ihre Stationen verlassen und lassen sich mit einem weiteren Sektglas und ein paar Schnittchen in den Gartenmöbeln auf der Ausstellungsfläche nieder. Nur im Workshop „Gartengeräte und Messtechnik“ schreibt Ingrid Kutzulla auch noch um 22.45 Uhr fleißig mit. Die 76-Jährige ist eine der ältesten Teilnehmerinnen. Seit 30 Jahren pflegt sie die Grünanlage vor ihrer Mietwohnung – „mein Mann mäht den Rasen, ich schneide die Sträucher“. Ihre Heckenschere ist schon recht alt, jetzt hätte sie gern etwas Neues. Aber das meiste, was Torsten Kröger hier vorführt, ist nichts für sie. Das Lasermessgerät zum Beispiel. „Det is jeil“, sagt er, „damit kannste messen, wie hoch der First is“. „Was für ein Fürst?“, fragt von hinten eine Frau, die schon vor zwei Wochen bei Kröger im Workshop „Abbruch“ war. „Jibts doch nich“, erwidert Kröger entrüstet, „Wände einreißen wollen, aber nicht wissen, was’n First ist“.

Inzwischen ist es fast 23 Uhr. Draußen vor der Tür haben sich bei Minusgraden ein paar Männer eingefunden, um ihre Frauen abzuholen. Sie müssen sich noch etwas gedulden. Erst kommt noch die Verlosungsaktion. Als erster Preis ist ein Wellness-Gutschein zu gewinnen. Dorothea spekuliert aber eher auf den zweiten Preis, eine Schlagbohrmaschine. Sie muss grinsen, als sie sich vorstellt, welche Augen ihr Freund wohl machen würde, wenn sie mit der nach Hause käme.