Berliner Trinkwasser

Legionellen-Bakterien in Prenzlauer Berg gefunden

In mehreren Häusern am Humannplatz wurden die Trinkwasserbakterien nachgewiesen. Gerade alte Menschen sind gefährdet. In einigen Proben wurde der gesetzliche Maximalwert um das 350-fache überschritten.

Foto: Leon Scherfig

Elke Hein sitzt in der Küche ihrer Wohnung und hält einen Brief in der Hand, der sie verunsichert. Sie schiebt das Dokument neben die Vase auf der Blümchentischdecke und blättert durch ihren Kalender: „Am 30. Januar haben sie eine Probe aus meinem Wasser entnommen. Ich dachte, damit hat sich alles erledigt“, sagt die 77 Jahre alte Berlinerin.

Das ist aber nicht der Fall, wie die Mieterin dem Schreiben entnimmt. Der Befund des Absenders, eines Trinkwasserlabors, lautet: Legionellen-Befall in Küche und Badezimmer. Dass die Bakterien vor allem für ältere Menschen gefährlich sind, vergrößert die Unsicherheit der Berlinerin noch: „Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich mit meiner Lunge besonders vorsichtig sein muss“, sagt Hein.

Wert massiv überschritten

Solche Legionellen-Befunde dürften sich in den kommenden Monaten in Berlin häufen. Denn zum ersten Mal müssen bis Ende des Jahres alle größeren Wohnhäuser der Hauptstadt auf die gesundheitsgefährdenden Bakterien überprüft werden – wie auch das große Miethaus in Prenzlauer Berg, in dem Elke Hein seit mehr als drei Jahrzehnten wohnt. So steht es in einer neuen Bestimmung der Trinkwasserverordnung.

Bei einer solchen Wasserprobe entdeckte das Trinkwasserlabor Triwala nun in fast einem Dutzend Mietshäusern in der Nähe des Humannplatzes in Prenzlauer Berg einen Legionellen-Befall.

KBE-Wert um mehr als das 350-fache überschritten

Im vierten Stockwerk eines dieser Häuser wohnt Christiane Bennewitz. „Prüfergebnis: 35100 KBE von Legionellen pro 100 Milliliter Trinkwasser“, steht auf dem Papier, das die Sozialarbeiterin vor einigen Tagen zugeschickt bekommen hat. Ein Befund, der durchaus Wucht hat: Denn der gesetzlich festgelegte kritische Wert von 100 sogenannten koloniebildenden Einheiten (KBE) der Bakterien wird in der Wohnung von Bennewitz gleich um mehr als das 350-fache überschritten.

„Ich zähle zum Glück nicht zur Problemgruppe“, sagt die Berlinerin. Im Badezimmer hat man ihr einen Filter am Duschkopf eingebaut, damit sie weiterhin duschen kann. Eine ihrer Nachbarinnen, die ihren Namen nicht nennen will, ist verärgert. „Der Filter an der Dusche muss alle vier Wochen ausgetauscht und entsorgt werden, weil er stark belastet ist. Wie lange das wiederholt werden muss, das wissen wir leider nicht“, sagt sie.

15 Prozent der Wasseranlagen sollen belastet sein

Nach Schätzungen der Gesundheitsbehörden dürften rund 15 Prozent der zentralen Warmwasseranlagen in Berlin die Trinkwassertests, die nun anstehen, nicht bestehen. Öffentliche Gebäude wie Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser stehen schon seit dem Jahr 2001 in der Pflicht, ihre Leitungen auf Legionellen zu untersuchen. Eine Novellierung der Trinkwasserverordnung von Ende 2011 hatte vorgeschrieben, das Wasser jedes Jahr zu kontrollieren. Diese wurde Ende 2012 gelockert, jetzt müssen die Tests alle drei Jahre durchgeführt werden. Betroffen sind alle Wohnhäuser, die über eine größere Aufbereitungsanlage für Warmwasser verfügen – mindestens 400 Liter.

„Weil fast alle Ein- oder Zweifamilien-Häuser und Objekte, in denen das Warmwasser über Boiler oder Thermen in den Wohnungen erzeugt wird, herausfallen, rechnen wir damit, dass rund 60 Prozent des Mietwohnungsbestandes untersucht werden müssen“, sagt Doreen Jacob, Geschäftsführerin des Trinkwasserlabors Triwala. Proben entnommen werden zunächst nur an zwei Stellen: Am Warmwasserspeicher im Keller und je Steigleitung am weit entferntesten Ort von dort aus, zumeist also im obersten Stockwerk.

Legionellose wird über das Trinkwasser übertragen

Ziel der groß angelegten Tests ist es, der sogenannten Legionellose vorzubeugen. Sie ist die einzige Infektionskrankheit in Deutschland, die über das Trinkwasser übertragen werden kann und in seltenen Fällen tödlich verläuft. Der Name geht zurück auf einen Kongress amerikanischer Soldaten (American Legion) in den 70er-Jahren, bei dem die Krankheit erstmals auftrat und 29 Todesopfer forderte. In Deutschland hat der Gesetzgeber die Überprüfung des Wassers in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft.

In Berlin werden im Jahr rund 60 Fälle an das Robert-Koch-Institut gemeldet. Deutschlandweit zählte das Institut rund 640 Fälle im vergangenen Jahr. Die Experten gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer der Erkrankung, die häufig mit einer schweren Lungenentzündung einhergeht, um ein Vielfaches höher liegt. Sie schätzen sogar, dass jährlich rund 1400 der Infektionen tödlich sind.

Besonders alte Menschen gefährdet

Medizinisch sind die Gefahren dennoch umstritten. „Problematisch ist, dass es zu den Grenzwerten keine Studien gibt. Wir haben festgestellt, dass die Menge der Bakterien nicht unbedingt etwas über die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung aussagt“, sagt der Mikrobiologe Axel Kola vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité. Ob eine schwere Erkrankung ausbreche, hinge vom Erregerstamm und der Konstitution des Betroffenen ab. „Gefährdet sind sehr alte Menschen und solche, die unter einer Immunschwäche leiden“, sagt der Facharzt. Die Bakterien gelangen meist über Aerosole, die sich während des Duschens im Badezimmer verteilen, in die Atemwege. „Die Legionellose ist ein Extremfall. Viele mildere Verläufe fühlen sich für Betroffene wie eine Grippe an und werden nicht gemeldet“, sagt der Mikrobiologe.

Schon einfache Handgriffe jedoch können das Risiko minimieren. „Um einen Legionellenbefall zu verhindern, können schon einige praktische Tipps helfen“, sagt der Geschäftsführer des Eigentümer-Verbandes Haus & Grund, Gerold Happ. „Zum Beispiel sollte man die Temperatur an der Heizungsanlage im Keller in regelmäßigen Abständen auf über 70 Grad stellen, um die Legionellen mit heißem Wasser abzutöten“, sagt Happ. Da sich die Bakterien oft in alten Leitungen absetzen, die lange nicht mehr benutzt worden sind, rät er, auch in leer stehenden Wohnungen regelmäßig das Wasser aufzudrehen. Gute Lebensbedingungen haben die Bakterien vor allem in Leitungen, in denen warmes Wasser länger steht.

Wasserbetriebe warnen vor Legionellen

Bevor die Trinkwasserverordnung zuletzt novelliert wurde, sah sie für kurze Zeit vor, dass Proben mindestens ein Mal im Jahr erfolgen sollten. Laut dem Vermieterverband Haus & Grund kostet eine Probenentnahme für ein Haus mit acht Parteien rund 200 Euro. Eigentümer können die Mieter jedoch daran über die Betriebskosten beteiligen. Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, begrüßt daher die Umstellung von einem Ein-Jahres-Rhythmus auf eine Überprüfung nur alle drei Jahre. „Das dürfte auch für den Mieter materiell eine Erleichterung sein“, sagt Wild.

Stephan Natz, Sprecher der Wasserbetriebe, ist froh, dass die Gefahr von Legionellen in den Fokus rückt. „Das Bakterien-Problem ist häufig ein Unwissenheits-Problem, weil die Leute nicht von den Gefahren, aber auch nicht von den einfachen Gegenmitteln wissen“, sagt Natz. Vermieter, die ihre Häuser nun überprüfen lassen, sollten darauf achten, dass das Trinkwasserlabor mit einem staatlichen Label akkreditiert ist. Bei der Auswahl der Installateure bieten die Wasserbetriebe zum Beispiel auf ihrer Internetseite eine Suche nach Fachleuten an, die regelmäßig geschult werden.