Grips gewinnt

Stipendium-Programm fördert Berliner Schüler bis zum Abitur

Insgesamt sind 110 Plätze zu vergeben. Dabei werden leistungsstarke Kinder unterstützt, denen die nötige Hilfe aus dem Umfeld fehlt.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Paula ist in ihrer Familie eine Exotin. Die 17-Jährige aus Berlin-Lichtenberg ist die erste, die Abitur machen wird. Und die erste, die danach ein Studium beginnen will. „Das stand für mich schon früh fest“, sagt die Elftklässlerin.

Als vor einem Jahr viele ihrer Mitschüler nur noch darauf warteten, den Mittleren Schulabschluss hinter sich zu bringen, war für Paula klar: „Ich bleibe und mache Abitur, dann habe ich später mal mehr Möglichkeiten“.

Diese Entscheidung hat sie allein gefällt. Ihre Lehrer hatten ihr wegen ihrer guten Noten zwar dazu geraten, aber von ihrer Familie gab es erst einmal keine Vorgaben. „Für meine Mutter wäre beides in Ordnung gewesen – Mittlere Reife oder Abitur, sie hat das mir überlassen“, sagt Paula.

Paula besucht die elfte Klasse der Gutenberg-Oberschule in Hohenschönhausen, eine Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe. Viele Schüler verlassen hier bereits nach der zehnten Klasse die Schule. Sie kommen aus Familien, in denen wie bei Paula das Abitur keine Selbstverständlichkeit ist, und in denen es auch eine finanzielle Frage ist, ob ein Kind zehn oder 13 Jahre zur Schule geht.

Auch für Paulas Mutter ist das nicht einfach. Wenn die Alleinerziehende zu Beginn des Schuljahres für ihre beiden Kinder die Liste von Schulbüchern und Materialien bekommt, muss sie erst einmal schlucken. Und Paula hat bislang bei jeder Seite im Schreibblock zwei Mal überlegt, ob sie sie wegschmeißen oder doch besser noch mal auf der Rückseite beschreiben soll.

150 Euro pro Monat

Seit einigen Monaten ist sie da etwas großzügiger geworden. Die 17-Jährige ist seit Beginn dieses Schuljahres in dem Stipendienprogramm „grips gewinnt“ und bekommt jeden Monat eine finanzielle Unterstützung von 150 Euro. „Das meiste Geld geht für Schulsachen drauf“, sagt Paula. Aber dank des Geldes ist nun auch ihre Teilnahme an der nächsten Klassenfahrt gesichert.

„grips gewinnt“ wurde erstmals in 2011 ausgeschrieben. Für das Stipendienprogramm, das zusammen von der Joachim Herz Stiftung und der Robert Bosch Stiftung getragen wird, konnten sich im ersten Jahr nur Schüler aus Hamburg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern bewerben. Seit vergangenem Jahr wurde es auf die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein ausgeweitet. Insgesamt 110 Plätze werden pro Jahr vergeben, 34 Stipendiaten kamen 2012 aus Berlin. Darunter Paula.

110 Plätze in 2013 zu vergeben

Auch in diesem Jahr werden wieder 110 neue Plätze vergeben. Bewerben können sich Schüler, die jetzt mindestens in der siebten Klasse sind. Diese können dann bis zum Abitur gefördert werden. Ziel des Programms ist es, vor allem die Schüler zu unterstützen, die leistungsstark sind, aber von ihrem familiären, sozialen oder kulturellen Umfeld nur wenig Hilfe und Motivation auf ihrem Bildungsweg erfahren.

Dass der Bedarf groß ist, zeigt der jüngste nationale Bildungsbericht. Nur etwa ein Drittel der Kinder aus bildungsfernen Familien macht Abitur und von diesen Abiturienten fängt wiederum nur die Hälfte ein Hochschulstudium an. „Jugendliche in Risikolagen haben nach wie vor schlechtere Voraussetzungen in ihrer Bildungsentwicklung“, sagt Judith Maiers, die die Stipendiaten in Berlin betreut.

Besonders schwer haben es dabei Kinder mit Migrationshintergrund, daher machen sie etwa die Hälfte aller Stipendiaten aus. Aber im Gegensatz zu Förderprogrammen wie „Start“ ist der Migrationshintergrund kein Aufnahmekriterium bei „grips gewinnt“. „Es gibt auch viele deutsche Kinder, die benachteiligt sind. Diese wollen wir von dem Programm nicht ausschließen“, sagt Judith Maiers. Kinder und Jugendliche, die sich bewerben, müssen ihre finanziellen und familiären Verhältnisse darlegen, sie sollten relativ gute Noten haben und besonderes Engagement zeigen.

Kulturelle Veranstaltungen und Seminare

Neben der finanziellen Förderung werden für die Stipendiaten regelmäßig Seminare angeboten. Paula war zum Beispiel schon auf einem Rhetorikseminar, demnächst geht es ein Wochenende lang um die Themen Medien und Politik. Auch kulturelle Veranstaltungen wie Theaterbesuche stehen auf dem Programm. Außerdem haben die Stipendiaten die Möglichkeit, persönliche Beratungen in Anspruch zu nehmen. Auch nach den Zeugnissen finden regelmäßig Gespräche statt, damit mögliche Probleme frühzeitig aufgefangen werden können. Braucht ein Schüler Nachhilfeunterricht, kann auch die monatliche finanzielle Zuwendung aufgestockt werden.

Manchmal kommen die Stipendiaten aber auch in die Sprechstunde, weil sie mit Neid unter ihren Mitschülern konfrontiert werden. Paula hatte damit bislang keine Probleme: „Meine Mitschüler und Lehrer haben mir gratuliert, als sie von meinem Stipendium erfahren haben.“. Aber nicht immer fällt die Reaktion so freundlich aus. Judith Maiers erlebt sogar manchmal Widerstände bei den Eltern, die vielleicht ein Abitur für ihr Kind nicht als wichtig erachten oder die Angst haben, ihr Kind würde sich von ihnen wegentwickeln.

Bei Paula war das anders. Ihre Mutter hat das Stipendium selbst entdeckt und ihre Tochter bei ihrer Bewerbung unterstützt. Auf ihrem Weg zum Abitur kann sie Paula allerdings kaum helfen. Doch so, wie die Leistungen der Elftklässlerin sind, braucht sie das auch nicht. „Die Stipendiaten sind sehr leistungsorientiert und selbstständig“, sagt Judith Maiers. Sie wissen, dass sie viel zu gewinnen haben.