Berliner Schule

Der Campus Rütli in Neukölln wird zum Vorzeigeprojekt

Der Neubau der Quartiersporthalle hat sechs Millionen Euro gekostet. Sie steht auch Anwohnern und Vereinen offen. Weitere Bauten folgen.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Ein großes, hellgraues Gebäude. Hohe Glasfenster am Eingang, durch die man einen ersten Einblick hat. „Quartiersporthalle“ nennt sich das neue Gebäude im Reuterkiez, an der Rütlistraße Ecke Pflügerstraße.

Wer noch nichts vom Campus Rütli gehört hat – die Halle ist der erste Neubau für das bundesweit bekannte Neuköllner Bildungsprojekt. Sechs Millionen Euro hat sie gekostet. Ein großer Teil sei aus EU-Mitteln bezahlt, sagte Ephraim Gothe, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, bei der Eröffnung am Mittwoch. Vor fünf Jahren ging das Rütli-Projekt an den Start.

Ein Brandbrief mit Folgen

Auslöser war Anfang 2006 ein Brandbrief der damaligen Schulleiterin an den Senat. Sie schrieb von der Gewaltbereitschaft der Hauptschüler, von eingetretenen Türen und gezündeten Knallkörpern, von Respektlosigkeit und Ignoranz der Schüler gegenüber den Erwachsenen. Mehr als 80 Prozent der Schüler kamen aus Familien nicht deutscher Herkunft. Die Lehrer seien am Rand ihrer Kräfte, viele sogar krank, andere wollten versetzt werden, schrieb die Pädagogin in ihrem Hilferuf an die Politik.

Das ist vorbei. Jetzt gilt der Campus Rütli, auch wenn er noch nicht komplett ist, als Vorzeigeprojekt. Eine Gemeinschaftsschule ist entstanden. Die einstige Sporthalle wurde zur Mensa ausgebaut. Kita, Schule, Werkstätten und Jugendklub sind auf dem Gelände. Man hat sich dem Kiez geöffnet. Zum Elternfrühstück kommen vietnamesische, türkische, deutsche und arabische Mütter und Väter. Zu Lesungen in der Mensa treffen sich neben Eltern und Schülern auch Anwohner.

Die Schule soll zum Aushängeschild von Neukölln werden

Der Quartiersporthalle werden weitere Neubauten folgen. Die ersten Überlegungen zum Campus Rütli seien „Spinnereien in einem Bürgermeisterbüro“ gewesen, sagte Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). „Wir haben 2007 ein Konzept geschrieben, ein Jahr nach dem berühmten Lehrerbrief.“ Der Senat habe das Vorhaben unterstützt, Stiftungen seien hinzugekommen, und Helfer aus dem Kiez. „Die Rütli-Schule von 2006 gibt es nicht mehr“, sagte Buschkowsky. „Campus Rütli ist noch nicht da, aber er wird gelingen.“

Buschkowsky sprach von Bussen mit ausländischen Deligierten, „die uns die Bundesregierung im Wochentakt herschickt“. Die Schule sei übermäßig nachgefragt. 40 Prozent der Schüler erreichten die Oberstufe. „Diese Schule wird einmal ein Aushängeschild von Neukölln.“ Es sei auch richtig gewesen, so Buschkowsky, den Namen „Rütli“ zu behalten, „und nicht wegzutauchen“. Die Schüler hätten damals kritisiert, dass mit einem Zeugnis der Rütli-Schule nicht viel anzufangen sei. „Die Welt ist veränderbar“, so Buschkowsky, „wenn man es will und beherzt in die Hand nimmt.“

Viele Gerichtsprozesse gegen Betriebe und Kleingärtner waren nötig

CR, die Abkürzung für Campus Rütli, könne auch für Christina Rau stehen, sagte Buschkowsky. Für die Schirmherrin des Projekts. Sie habe bei den Senatoren für Stadtentwicklung und für Bildung für diese Idee geworben und sich immer wieder dafür eingesetzt, wenn das Projekt zu stocken drohte.

Viele Gerichtsprozesse waren nötig, um das Schulgrundstück wieder komplett nutzen zu können, so der Bezirksbürgermeister. Denn dort, wo jetzt die Quartiersporthalle steht, hatten sich kleine Betriebe angesiedelt, „Schrauberwerkstätten“, die das Gelände jahrelang nutzen konnten und nicht freiwillig gehen wollten. „Für viele war es eine Existenzgrundlage.“ Auch die Kleingärtner protestierten gegen den Verlust ihrer Parzellen an der Rütlistraße. „Man wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, fremden Grund und Boden wieder herzugeben.“

Die vergangenen Jahre seien spannend gewesen, sagte Cordula Heckmann, seit 2009 Schulleiterin der Rütli-Schule. „Wir hatten viele Gestaltungsmöglichkeiten.“ Wesentlich war, dass eine Gemeinschaftsschule gegründet wurde. „Das war ein Signal an die Schüler, hier gibt es Hoffnung und Möglichkeiten. Das schafft schon mal eine andere Haltung bei den Jugendlichen.“ Wesentlich sei auch die gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung gewesen, über Grenzen der Zuständigkeit hinweg, in gemeinsamer Verantwortung. Und die Beteiligung von Stiftungen. Kollegen seien gegangen, andere seien gekommen. Nur noch wenige Schüler würden die Schule schwänzen, „was in der Hauptschule immer ein großes Problem war“.

Engagement von Eltern, Anwohnern und Vereinen

Der einstige Rektor des Einstein-Gymnasiums, Klaus Lehnert, engagierte sich im Projekt, ebenso Quartiersmanagerin Ilse Wolter. Die Halle wird nicht nur von Schülern genutzt. Dienstags, donnerstags und sonnabends werden Sportvereine trainieren. Die 2100 Quadratmeter große Halle ist in drei kleinere Flächen teilbar. Montags, mittwochs, freitags und sonntags steht sie Initiativen und Einrichtungen aus der Umgebung offen. Dazu gehören der Kinder- und Jugendtreff „Manege“ oder Gangway, ein Verein für Straßensozialarbeit. Die Volkshochschule bietet Sportkurse an, die Elterninitiative will zum Winterspielplatz einladen. „Das Material für den Fußboden ist so gewählt, dass es sowohl für Sport als auch für Veranstaltungen geeignet ist“, sagte Susanne Kronberg, Verwaltungsleiterin vom Campus Rütli. „Man kann mit Straßenschuhen reinkommen.“

Im Foyer der Quartierhalle soll „immer etwas stattfinden“, so die Verwaltungsleiterin, „sodass Besucher hereinkommen.“ Natacha, die 16-jährige Schülerin, mag die neue Halle. Das Mädchen hat ein Stück vom Wandel der Schule miterlebt. Es lernt seit vier Jahren an der Schule und geht jetzt in die elfte Klasse. „Früher gab es Streit und Kämpfe“, erzählte sie. „Jetzt ist es ruhiger geworden, man versteht sich.“ Natacha bekommt schon seit zwei Jahren ein Stipendium der Freudenberg-Stiftung. Die Schülerin singt und spielt Bassgitarre.

Voraussichtlich im Jahr 2014 werden weitere Neubauten auf dem 47.000 Quadratmeter großen Campus Rütli in Angriff genommen. Ein Erweiterungsbau für die Schule ist geplant, ein Elternzentrum soll entstehen. Gebaut werden sollen auch ein Werkstattgebäude sowie ein zentraler Platz an der Rütlistraße. 25,5 Millionen Euro stehen zur Verfügung. Anwohner, Vereine und Eltern hätten sich an der Planung und Entwicklung des Campus beteiligt, sagte Quartiersmanagerin Ilse Wolter, die seit fünf Jahren den Aufbau des Rütli Campus begleitet. „Die Zeit war stressig, aber wahnsinnig beeindruckend“, sagte Wolter.