Vorweihnachtszeit

Berliner Adventskalender mit Lesung, Glühwein und Rikscha

Es geht auch ganz ohne Schokolade: In Berlin gibt es Adventskalender, mit denen man die einzelnen Bezirke kennenlernen kann.

Foto: Massimo Rodari

Das Wort Weihnachtszeit stimmt auf Lebkuchen, Zimt und Geschenke ein. Es vermittelt Wärme, Besinnlichkeit. Kindheitserinnerungen werden wach. Reduziert man es auf einen Gedanken, dann werden viele Menschen – egal ob christlich oder nicht – wohl diesen nennen: miteinander Zeit verbringen.

In einigen Berliner Kiezen kann man das vom 1. Dezember an jeden Abend. In Wedding, in Kreuzberg und Pankow öffnen sich abends Türen – nicht nur die kleinen an den Adventskalendern aus Pappe oder Plastik, sondern Kirchentüren, Wohnungstüren, Ladentüren, Cafétüren. Bei diesen lebendigen Adventskalendern geht es nicht um vorweihnachtliche Völlerei, sondern um Nachbarschaftlichkeit und Zusammenkommen.

Eine Rikscha-Fahrt mit selbstgemachtem Glühwein über das Tempelhofer Feld, ein Kinoabend, ein Abend gefüllt mit Literatur: Anna Ißelburg (29) und Lia Pack (28) organisieren, unterstützt von Grafikdesignerin Tanja Ritzki (27), ihren „KreuzbergKalender“ in diesem Jahr zum zweiten Mal. Neben einem „echten“ Weihnachtskalender, an dem man 24 Tütchen mit Kleinigkeiten aus Manufakturen, Cafés sowie von lokalen Künstlern aufmachen kann, veranstalten sie in der Adventszeit sechs gemeinschaftliche Abende an verschiedenen Orten zwischen dem Schillerkiez und dem Moritzplatz.

Kleine Kunstwerke

Nachmittags in einem Atelier in Neukölln: Von Weihnachtsstimmung keine Spur, draußen regnet es, doch die Freundinnen sind schon seit einigen Wochen mit ihrem Kalender beschäftigt. „Wir wollten ein Projekt starten, etwas Eigenes anfangen“, sagt Anna Ißelburg. Ihre Stimme klingt kräftig, obwohl sie sich in dem großen Fabrikgebäude fast verlieren müsste. Eines Abends im September 2011 kam den beiden Freundinnen aus Köln in ihrer WG in Kreuzberg die Idee eines selbstgemachten Adventskalenders, der nicht nur für einen selbst ist.

Viele der 24 Inhalte, beispielsweise Postkarten und Paketanhänger, sind zum Verschenken gedacht. Auch Künstlerin Anna Virnich (28), die in dem Neuköllner Atelier arbeitet, steuert kleine Kunstwerke für einen Tag bei. „Ich fand Adventskalender schon als Kind super und mir gefällt, wie sie die Idee ins Erwachsenenalter übertragen“, sagt sie. Insgesamt werden die Frauen bis zum 1. Dezember 2400 kleine Tüten für 100 Kalender packen und stempeln – das sind mehr als dreimal so viel wie im vergangenen Jahr.

In ihrer WG haben sie dafür extra ein kleines provisorisches Büro eingerichtet. „Wir werden wohl einige Nacht-Sessions einlegen“, sagt Anna Ißelburg. Sie selber ist Psychologin, Lia Pack ist Filmwissenschaftlerin und freie Redakteurin. Der Kalender zum Preis von 25 Euro ist jetzt schon ausverkauft. „Den Erlös spenden wir an den Kältebus in Kreuzberg. Wir wollten, dass das Geld in den Kiez zurückfließt“, sagt Lia Pack. In diesem Jahr gingen über das Internet auch Bestellungen aus Leipzig und sogar aus Frankreich ein, in Köln startete ein kleiner Ableger.

Bei ihren Weihnachtsevents in Kreuzberg hingegen öffnen sich die Türen für jeden, der vorbeikommen will. Dann wird beispielsweise gemeinsam gekocht. An einem anderen Abend wird Schauspieler Simon Mantei eine Lesung halten. „Wir sind keine Weihnachtsfundamentalisten“, sagt Lia Pack. Ihre Adventskalender-Events spiegeln vielmehr die Sehnsucht nach Verwurzelung und Geborgenheit wieder: „Im vergangenen Jahr haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Freunde zur Familie wurden“, sagt Grafikdesignerin Tanja Ritzki.

Offene Wohnungstüren

Auch in anderen Kiezen gibt es diese vorweihnachtlichen Treffen. In Pankow veranstaltet die Freie Evangelische Gemeinde mit der Interessengemeinschaft Alt-Pankow den lebendigen Adventskalender bereits zum vierten Mal: Jeden Abend im Dezember bis zum Heiligen Abend öffnet ab 17 Uhr ein Geschäft, eine Organisation oder eine Kirche die Türen. „Das Nachbarschaftsgefühl ist toll“, sagt Timo Heimlich, Pastor an der Freien Evangelischen Gemeinde und Co-Organisator des Kiez-Kalenders. Es sei schön, in der Adventszeit abends zur Ruhe zu kommen und die eigenen Nachbarn besser kennenzulernen: „Es hat etwas Feierliches, wenn wildfremde Menschen in einem Raum zusammenstehen und Weihnachtslieder singen“, sagt er.

Im Sprengelkiez in Wedding gibt es den Kiez-Kalender sogar schon seit zehn Jahren. Klaus Wolfermann organisiert ihn seit fünf Jahren. Der 74-Jährige ist ein Kiez-Urgestein: Seit 1967 wohnt er in Wedding. Wolfermann sagt Dinge wie: „Menschen sind wie Bücher, man muss die schlechten Seiten umblättern, um die guten lesen zu können.“ Oder: „Menschen lernt man nicht auf der Straße kennen.“

Beim lebendigen Kalender im Sprengelkiez öffnen nicht nur die katholische St. Joseph-Kirche, die evangelische Osterkirche und die Baptistengemeinde sowie lokale Geschäfte ihre Türen, sondern auch private Wohnungen christlicher, muslimischer und auch nichtgläubiger Menschen. „Einige Familien bereiten ein riesiges Buffet vor und sind oft schon Tage mit der Vorbereitung beschäftigt“, sagt Wolfermann.

Er selbst beginnt im September mit der Organisation, macht Termine fest und versucht, neue Leute für das Projekt zu gewinnen. Mittlerweile kommen zu den vorweihnachtlichen Treffen insgesamt über 700 Menschen – im vergangenen Jahr war der jüngste Teilnehmer vier, der älteste 94 Jahre.

Dann sitzen Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen in einem Wohnzimmer zusammen, bei Hausmusik mit Cello und Geige in einer alternativen WG, bei einem Chanukka-Fest bei einer jüdischen Dame, bei türkischen Spezialitäten bei einer Großfamilie oder bei Wolfermann selbst in seiner Wohnung. Dort hatte der Rentner auch sein schönstes Erlebnis: „Einmal saß ich als Nichtgläubiger mit einem Moslem, einer Jüdin und einem Hindu zusammen. Wir haben über Religion diskutiert.“

Darum gehe es ihm: „Mir ist es wichtig, dass Leute aus vielen Nationen, Kulturen und Schichten zusammenkommen.“ Auch im Brunnenviertel in Mitte gibt es einen lebendigen Adventskalender. Anna Wrbanatz organisiert hier das „Abenteuer Nachbarschaft“. Als erstes Türchen öffnet sich der Stadtteilverein am 1. Dezember in den Räumen an der Ramlerstraße 20 mit einem Weihnachtsbasar.

Drei Mal öffnen sich auch Türen, die sonst den Besuchern verschlossen bleiben. Am 8. Dezember beispielsweise lädt Christian Briese seine Nachbarn ab 16 Uhr in seine private Wohnung an der Gleimstraße ein. In der fünften Etage gibt es Kaffee, Kuchen und eine grandiose Aussicht über die Dächer. Am 9. Dezember ab 15 Uhr gibt es Tee aus dem Samowar und frische Waffeln in der Wohnung der Kiezreporterin Dominique Hensel an der Jasmunder Straße. Und Cecilia Stickler Schmidt serviert am 14. Dezember schwedischen Glühwein und Gebäck am Vinetaplatz.