DNA-Fragmente

Rätsel um NSU-Spuren in die Berliner Rockerszene

Hat es eine Verbindung der Zwickauer Terrorzelle zu Rockern gegeben? DNA-Fragmente sollen dies nahe legen, sind aber noch nicht zugeordnet.

Foto: BMO

Die Sicherheitsbehörden in Berlin und des Bundes prüfen derzeit intensiv mögliche Verbindungen der rechtsextremen Terrorzelle NSU mit der Berliner Rockerszene. Anlass dafür sind teilweise identische DNA-Spuren, die einen Bezug zwischen dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und Berliner Rockern nahelegen würden. Nach einer Schießerei vor dem Klubhaus der Rockergruppierung Bandidos an der Provinzstraße in Wedding am 5. Juli waren DNA-Spuren gesichert worden, die zumindest teilweise Übereinstimmungen mit DNA-Spuren aufweisen, die im früheren Versteck der NSU-Terroristen in Zwickau entdeckt wurden. Die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigte am Sonnabend, dass entsprechende Informationen bekannt seien, die nun vom Bundeskriminalamt und dem Landeskriminalamt Berlin eingehend geprüft würden, so Justizsprecher Martin Steltner. Weder die Berliner Polizei noch Steltner machten dazu jedoch weitergehende Angaben.

Nach Informationen von Morgenpost Online konnten Kriminaltechniker nach den Schüssen auf zwei Bandidos am Tatort eine Patronenhülse sicherstellen, auf der eine Teil-DNA entdeckt wurde. In der von Beate Zschäpe gesprengten Zwickauer Wohnung wurde auch eine Teil-DNA auf einer Diskette gesichert. Ein Abgleich beim Bundeskriminalamt erbrachte, dass eine vage Übereinstimmung vorliegt. Die beiden Spuren müssten nun aufbereitet werden, um sie endgültig auswerten zu können. Anschließend sei ein molekularbiologisches Gutachten zu erstellen, welches bislang nicht vorliegt. Da das DNA-Fragment aus Berlin von sehr schlechter Qualität sein soll, halten indes sowohl Ermittler des BKA als auch die Berliner Kriminaltechniker einen Zusammenhang der Spuren aus Berlin und Zwickau für eher nicht wahrscheinlich.

Zwei Männer niedergeschossen

Bei der Schießerei in der Nacht zum 5. Juli in Wedding waren ein 33 und ein 35 Jahre alter Mann in unmittelbarer Nähe des Bandidos-Klubhauses von Unbekannten niedergeschossen und schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt worden. Zum Tatzeitpunkt, etwa eine Stunde vor Mitternacht, hatten sich laut Polizei etwa 40 bis 50 Rocker unterschiedlicher Abteilungen der Bandidos auf dem Gelände des Klubheims aufgehalten. Nach dem oder den Schützen wird weiter gefahndet. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter in Reihen der rivalisierenden Hells Angels zu suchen sein dürften.

Bundesweit haben Sicherheitsbehörden seit Jahren hin und wieder Berührungspunkte zwischen Rockern und Rechtsextremisten ausgemacht. So hat das Bundeskriminalamt etwa 2010 in einer Analyse „personelle Verflechtungen, gemeinsame Aktivitäten und einzelfallbezogene Kooperationen“ auf lokaler Ebene erkannt. Eine nachhaltige Politisierung von Rockern durch Rechtsextremisten sei aber bislang nicht erfolgt, heißt es in dem Dokument weiter.

Hakenkreuze bei Rockern

Als Beispiele für Schnittpunkte in der Region kann der Fund von Hakenkreuzfahnen und rechtsextremen CDs bei Wohnungsdurchsuchungen bei zwei Rockern des MC Gremium Berlin in Brandenburg gelten. Oder die Teilnahme von Neonazis und rechtsextremen Bands bei einer Feier der Hells Angels in Potsdam. In Thüringen wechselten zwei NPD-Funktionäre zu einem Unterstützerklub der Hells Angels, meldete das Landeskriminalamt. Weiter ist bekannt, dass Rocker sich bei Treffen von Rechtsextremisten als Sicherheitsdienstler bezahlen oder ihre Klubs Neonazis für Veranstaltungen überlassen.

Der Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner hält Verbindungen der Zwickauer NSU-Terrorzelle in die Berliner Rockerszene für möglich. Der Gründer der Aussteiger-Initiative Exit sagte am Sonnabend im RBB-Inforadio, es gebe „seit vielen, vielen Jahren“ enge Verquickungen zwischen Personen, die sowohl im politischen Rechtsextremismus als auch im Bereich der Rockerkriminalität aktiv seien . Er glaube zwar nicht, dass „in toto alle Rocker“ mit Nazi-Terroristen und deren Umfeld kooperiert hätten. „Aber es gibt Schlüsselpersonen in diesem Feld, die teils eine rechtsradikale bis schwer gewalttätige rechtsextremistische Vergangenheit haben und von da aus das Ganze im Rahmen einer punktuellen Zusammenarbeit auch in einem Projekt umgesetzt haben könnten.“

Die Bundesanwaltschaft misst den DNA-Spuren aus dem Umfeld der rechtsextremen NSU-Terrorgruppe mit etwaigen Verbindungen zu Berlins Rockerszene bislang wenig Bedeutung bei. „Nach den der Bundesanwaltschaft und dem Bundeskriminalamt bislang vorliegenden Erkenntnissen sind die wenigen Merkmalsübereinstimmungen nicht als Beleg dafür geeignet, dass die Spuren von ein und derselben Person herrühren“, sagte ihr Sprecher Marcus Köhler am Sonnabend. Die bisherigen Ermittlungen hätten im Übrigen auch „keine Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante Verbindungen“ zwischen den mutmaßlichen NSU-Mitgliedern und Gruppierungen aus dem Rockermilieu ergeben, sagte der BKA-Sprecher. (mit dpa)