Interview

Warum Berliner am Sonnabend aufs Rad steigen sollten

Der ADFC ruft am Sonnabend zu einer Kreisfahrt auf. Landeschefin Scheel erklärt, wie sich Mobilität in Berlin verändert.

Foto: David Heerde

Zum Abschluss der europäischen Woche der Mobilität sollen die Menschen in hunderten Städten am Sonnabend auf das Auto verzichten.

Morgenpost Online: Frau Scheel, warum sollen die Berliner an diesem Sonnabend ihr Auto stehen lassen?

Eva-Maria Scheel: Wir fordern die Berliner auf, aufs Auto zu verzichten und aufs Rad zu steigen. Mit der Teilnahme an der ADFC-Kreisfahrt sollen sie ein Zeichen setzen für die Anerkennung des umwelt- und klimafreundlichen Fahrrades als gleichwertiges Verkehrsmittel.

Morgenpost Online: Die Fahrt steht unter dem Motto „Fahr Rad – für eine lebenswerte Stadt“. Was muss passieren, um Berlin lebenswerter zu machen?

Eva-Maria Scheel: Mehr Radverkehr erhöht tatsächlich deutlich die Lebensqualität in der Stadt. Seit den 60er Jahren wurden immer mehr Flächen dem Kraftfahrzeugverkehr zugeschlagen. Der wachsende Radverkehrsanteil bewirkt, dass diese Flächen jetzt wieder frei werden. Schmale Bordsteinradwege, Parkplätze und überdimensionierter Verkehrsraum können wieder dem Stadtleben zurückgegeben werden. Radfahrer verursachen wie auch Fußgänger keinen Lärm und keine Luftschadstoffe.

Morgenpost Online: Europaweit beteiligen sich mehr als 280 Städte am autofreien 22. September. Von welchen Metropolen kann Berlin lernen?

Eva-Maria Scheel: Der Grundgedanke ist 1998 in Frankreich entstanden. Dem ersten europaweiten Aufruf folgten 35 Städte. Jede teilnehmende Stadt hat ihre ganz eigenen Strukturen, die nicht in allen Fällen übertragbar sind. Als Vorbild steht natürlich immer Kopenhagen mit seinem enorm hohen Radverkehrsanteil im Mittelpunkt. In Berlin sind die Verhältnisse aber andere. Wir leben in einer Millionenstadt, die ganz anders gewachsen ist. Man muss sich deshalb genau anschauen, welche erfolgreichen Modelle man übernehmen kann, und was berlinspezifische Lösungen erfordert.

Morgenpost Online: Was können wir aus Kopenhagen lernen?

Eva-Maria Scheel: Vor allem eines: das langfristige Denken auch bei der Verteilung des Geldes für verschiedene Verkehrsmittel. Die Dänen geben prozentual viel mehr für den Radverkehr aus. Dahinter steckt der Gedanke, dass sich diese Investitionen in der Zukunft in ganz anderen Bereichen auszahlen werden – vor allem durch eine deutliche Reduzierung der Kosten im Gesundheitsbereich. Das ist aber Zukunftsmusik. Kurzfristig müssen die Senatsverwaltung für Finanzen und Inneres die Fahrradstrategie unterzeichnen. Hier sind pro Einwohner fünf Euro für die Radverkehrsstruktur festgeschrieben. Das Geld wird dringend für die Sanierung maroder Radwege, Markierung von Radspuren und den Ausbau fahrradgerechter Kreuzungen benötigt

Morgenpost Online: Die Konflikte, so scheint es, nehmen zu. Autofahrer gegen Radfahrer, Fußgänger gegen Autofahrer, Radfahrer gegen Fußgänger, selbst die BVG ist unglücklich mit Rädern auf ihren Busspuren. Wäre es nicht sinnvoller, gemeinsam an Mobilitätskonzepten für die Zukunft zu arbeiten?

Eva-Maria Scheel: Das ist genau unser Thema. Deshalb unterstützen wir bewusst die Kampagne des Senats für mehr Rücksicht auf allen Seiten. Das Modellprojekt ist auf zwei Jahre angelegt, neben anderen ist auch der ADAC dabei. Zum Problem der Busspuren führen wir intensive Gespräche mit der BVG. Breitere Busspuren könnten sowohl den Radverkehr sicherer machen als auch den Busverkehr beschleunigen. Die Infrastruktur ist aber nur ein Problem, das wir gemeinsam lösen müssen. Auch an der Kommunikation, also dem Umgang miteinander, müssen wir massiv arbeiten. Es geht um das Verhalten jedes einzelnen, ganz gleich, ob er Auto, Rad oder Bus fährt oder zu Fuß geht.

Informationen zur Kreisfahrt des ADFC gibt es hier.