Nutzung

Ein "Bürgerkrieg" tobt um den Berliner Mauerpark

Es gibt Streit um die Nutzung des Parks. Der Grünstreifen ist eine Bühne für Selbstdarsteller, andere wieder wollen das Areal zivilisieren.

Foto: Amin Akhtar

Ein Kriegsgebiet sieht anders aus. Eine Gruppe vor sich hin brabbelnder Kleinkinder zieht von Norden her den Pflastersteinweg hinunter, ein paar Jungs kicken einen Fußball über den Rasen und am Stadionhang genießt ein Pärchen die Aussicht auf den Fernsehturm. Bei Sonne betrachtet ist der Mauerpark vor allem das, was ihn für viele Berliner so unersetzlich macht: eine grüne Bühne.

An diesem Morgen mitten unter der Woche merkt man dem breiten Streifen zwischen Bernauer Straße und Ringbahn nicht an, dass sich seit mehr als 20 Jahren Menschen erbittert um ihn streiten. Ein bisschen verlottert ist der Mauerpark, klar, aber das gehört zu seinem weltweit berühmten Image.

In den meisten Parks gibt es Bäume und Hecken und Bänke. Im Mauerpark gibt es Perspektive, eine Flaniermeile und jede Menge freie Fläche. Von dem Hügel, der sich fast den gesamten Park entlangzieht, kann man wunderbar über die Wiese schauen. "Leben findet in Zwischenräumen statt, nicht in hochorganisierten Strukturen", schrieb der Landschaftsarchitekt Gustav Lange 1994 an seinen Park. Wegen dieser Freiheit ist der Mauerpark so anziehend für die Selbstdarsteller, die ihn Wochenende für Wochenende bevölkern. Für Musiker, Feuer-Jongleure, Kiez-Fußballclubs und alle anderen Arten von Leuten, die sich gern zeigen.

"Bürgerkrieg" um Nutzung

Und genau deswegen nervt der Mauerpark andere Menschen, die ihn gern zivilisierter hätten, ohne Scherben auf der Wiese, ohne Kiffergrüppchen im Birkenwäldchen, ohne Brandflecken im Gras. Aber auch die, die den Park gern als Künstlerpark sehen, sind sich über seine Nutzung nicht einig. Früher gab es hier am Wochenende überall auf der Fläche verteilt Musiker und Bands und Sänger. Heute dominiert jeden Sonntag die Karaoke Show im Amphitheater. Manche lieben das, andere hassen es. Aber das ist momentan noch nicht mal der größte Konflikt um diesen Park. Der spielt gerade im Norden.

Am Dienstagmorgen sitzt Alexander Puell, vom Verein der "Freunde des Mauerparks" im Café Frau Krüger, an der Schwedter Straße Ecke Kopenhagener, also direkt an einem der potenziellen Grenzübergänge in diesem "Bürgerkrieg". Anders kann man den Konflikt kaum mehr nennen – Bürger streiten gegen andere Bürger, alle gegen den Senat. Jeder fordert Demokratie, aber keiner will eine Entscheidung, die nicht in seinem Sinne ist, akzeptieren. Keine hundert Meter weiter, hinter dem Kinderbauernhof, liegt der Teil des Gewerbegebiet, der gerade soviel Unruhe auslöst. Auf den 3,5 Hektar soll nach Wunsch des Eigentümers, des österreichischen Immobilienunternehmens CA Immo, ein Wohngebiet entstehen. Im Gespräch sind bis zu 600 Wohnungen.

Horrorszenarien und Propaganda

Und die wecken Ängste. Der Park selbst soll bebaut werden, so wird es von den Gegnern des Investors immer wieder kolportiert. Und viele Anwohner und Besucher glauben das. "Manche entwickeln regelrechte Horrorszenarien", sagt Puell.

Deswegen möchte er mit seinem Verein "Freunde des Mauerparks" vermitteln. Er will verhindern, dass die Bebauung dem Park zu sehr schadet und dass falsche Propaganda dazu führt, dass am Ende der Investor die Parkerweiterung verhindert. Dass ein privates Unternehmen darauf verzichten wird, aus einem Grundstück in dieser Lage Geld zu machen, daran glauben die Freunde des Mauerparks nicht mehr. Zum Null-Tarif wird es den Park nicht geben. Und deswegen werde auf jeden Fall gebaut, jetzt gehe es darum, wie. Zum Beispiel die Erschließung. Würde das Wohngebiet nämlich über die Kopenhagener Straße, also den Prenzlauer Berg zugänglich gemacht, dann bedeutet das für die Anwohner erst mal mehrere Jahre Baulärm und Lastwagen, von denen einige beschreien, sie würden direkt durch den Park fahren. Es bedeutet auch mehr Verkehr durch eine Straße, die jetzt eine Sackgasse ist, und deren Bürgersteige die Anwohner an warmen Sommertagen wie diesem zu ihrem Wohn- und Esszimmer umfunktionieren.

"Neue Anwohner klagen gern", sagt Puell. Wie sehr werden die Zuziehenden die sich selbst verwirklichende Bongogruppe schätzen, wenn sie Abend für Abend unter ihrem Fenster trommelt? Wie stehen sie zu dem Taubengurren vom "Flying Tippler"? Auf der Jugendfarm Moritzhof lebt der Hahn Oliver, der bekräht jeden neuen Tag. Und da wo Tiere sind, sind Fliegen nicht weit. Wie viele, davon bekommt man eine ziemliche gute Vorstellung an diesem Morgen im Krüger.

Vom Investor kaufen

Aber Alexander Puell hofft, dass man mit dem Eigentümer noch über die Dichte der Bebauungspläne verhandeln kann. "Nur die Hälfte der Wohnungen, das wäre doch ein Angebot über das man sprechen könnte", sagt er.

Wenn man mit Puell redet, dann klingt alles sehr vernünftig. Seit Jahren schon setzt der 37-Jährige sich für den Park ein. Er verteidigt seinen Ruf auf Podien, Diskussionsabenden und in Workshops, er hat dort Feste zum 1. Mai veranstaltet, mit Zauberern und Seifenblasen und ähnlichem, damit der Park nicht wieder wie in der Vergangenheit so oft zur Krawall-Zentrale wird.

2010 hat Puell bei der Bürgerwerkstatt "Mauerpark Fertigstellen" zusammen mit Architekten und Investoren an Plänen gebastelt, damit die Hängepartie endlich zu Ende geht. Er weiß auch wie: "Das Problem Mauerpark wäre mit einem Schlag gelöst, würde das Land seine Versprechungen einlösen und die Fläche schlicht und einfach vom Investor kaufen", sagt Puell. "Zwölf Millionen Euro – das wäre für das Land ja kein Ding."

Siebzehnter Entwurf droht zu scheitern

Puell zeichnet eine kleine Skizze auf ein Blatt: Hier der breite Streifen des Mauerparks im Bezirk Pankow, getrennt durch den Gleimtunnel in ein großes Gebiet im Süden und ein kleineres im Norden. Und auf der anderen Seite, zum Bezirk Mitte gehörend, gestrichelt, das momentane Gewerbegebiet, mit Biergärten wie dem Mauersegler, dem Schönwetter, dem Blumenhändler und dem Flohmarkt – ein noch mal ebenso großer Streifen.

Der Deal, erklärt Puell, ist folgender: Das Bezirksamt erlaubt der CA Immo im Norden des jetzigen Gewerbegebiets zu bauen, dafür verzichtet der Eigentümer darauf, auch im Süden zu bauen und rückt darüber hinaus die fünf Hektar große Fläche dort raus damit der Mauerpark in Mitte hineinwachsen kann. Für einen symbolischen Preis. Der Rest soll dann vom Senat an die Gewerbetreibenden verpachtet werden, wünscht sich Puell. Immerhin haben die den Park in den vergangenen Jahren auch verschönt. Menschen haben sich da selbstständig etwas zusammengebastelt. Auch das macht den Park aus, ein Stück organisch gewachsene Kultur, auch die will man schützen.

Es wirkt so, als wäre die lang ersehnte Lösung endlich in Sicht. Doch das täuscht. Denn das, was Puell da aufzeichnet, ist der siebzehnte Entwurf zur Lösung. Seine 16 Vorgänger scheiterten, weil immer wieder jemand nicht mit dem einen oder anderen Punkt der Pläne einverstanden war. Auch dieser ist bereits zweifelhaft. Im Norden, auf der Pankower Seite, wohnen Familien mit kleinen Kindern. Dieses Stück Mauerpark ist erst vor ein paar Jahren gestaltet worden. Jetzt soll es schon wieder weichen?

Bürger sind resigniert

Die Aussicht, auf mehr Grün und Biergärten und Blumenhandel im Süden, scheint vielen kein Gewinn. In diesem Streit geht es nämlich nicht um drei Parteien, also Investor, Bürger und Politiker. Auch das zeichnet Puell auf die Skizze: In jedem Viertel gibt es einen eigenen Bürgerverein mit eigenen territorialen Vorstellungen, wie es weitergehen soll. Hier das Gleimviertel, dort das Brunnenviertel, die Bürgerwerkstatt, verschiedenen Bündnisse, der Bezirk Pankow, der Bezirk Mitte, dazu die Bezirksvertreter und Senatspolitiker unterschiedlicher Parteien. Die handelnden Personen sind oft dieselben, nur die Seiten und die Meinungen ändern sich. Ähnlich wie Regierungen. Natürlich geht die Interessenslage der Bürgervereine längst über die Geografie hinaus: Die beiden wichtigsten sind momentan die "Freunde des Mauerparks" und die "Mauerpark Stiftung Welt-Bürger-Park", jeweils federführend sind zwei Männer, die einmal beide im Bürgerverein Gleimviertel aktiv waren. Er zitiert aus dem Film "Das Leben des Brian": "Wir sind wie die judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa", sagt Puell.

Immer wieder in den vergangenen Jahren schlossen sich Bündnisse zusammen, wurden Arbeitsgruppen moderiert, im Gespräch mit dem Eigentümer und den Bezirken Lösungsvorschläge entwickelt. Viele der Mitspieler sind mittlerweile so frustriert, dass sie keine Lust mehr haben, über den Mauerpark zu reden. Sie gehen nicht mehr zu den Versammlungen, sie ziehen sich aus den Gruppen zurück und wenn ihnen jemand erzählt, dass es jetzt bald einen neuen Beschluss gebe, dann winken sie ab. Sie glauben nicht mehr daran, dass sich der Konflikt einmal lösen lassen wird. Schließlich war er schon vor allem anderen da.

Bevor es den Mauerpark, das Gewerbegebiet oder die Farm gab, lange bevor die heutigen Protagonisten auf der Bildfläche erschienen, gab es den Konflikt. Er entstand, als aus den zwei verschiedenen Staaten, dem Schauplatz der Handlung, ein Land werden sollte. Er entstand aus den Wünschen, mit denen die Anwohner des geteilten Landes dieses Gebiet frei gesehnt haben. Und den Sehnsüchten derer, die nach ihnen kamen. Denn die widersprachen sich von Anfang an.

Stille Kämmerlein des Magistrats

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Sie machte ein Gebiet frei, das viele Begehrlichkeiten weckte und das von Anfang an umkämpft war. "Auf dem 180 Kilometer langen Grenzstreifen rund um West-Berlin wird es künftig weder einen Grünstreifen noch eine Autobahn geben", erklärte am 20. März 1990 Ingrid Pankraz, die damalige Stellvertreterin des Oberbürgermeisters in Ost-Berlin. Zu groß sei die Nachfrage nach Bauland, zu groß der Bedarf an Wohnungen. Entgegen anders lautenden Gerüchten sei selbstredend noch nichts "im stillen Kämmerlein des Magistrats" verplant worden. Doch die Bürger sahen das anders. Sie hatten den Todesstreifen längst gestürmt und Bäume da gepflanzt, wo einst Grenzwächter Patrouille schoben. Das sollten sie bitte lassen, sagte Pankraz. Jetzt übernehme die Politik.

Pankraz stellte Interessensgruppen in Aussicht, die mit hoher Transparenz an der Zukunft des ehemaligen Grenzbereichs arbeiten würden. An verschiedenen Gebieten werde die Problematik der Planungsarbeit verdeutlicht. Das erste Beispiel, das Pankraz in dem Zusammenhang nannte, war das Umfeld Bornholmer Straße und der Güterbahnhof Eberswalder Straße.

22 Jahre später lässt sich eines mit Gewissheit sagen: Die Planungsprozess für das genannte Gebiet ist nicht beispielhaft geworden für den Umgang mit der gefallenen deutsch-deutschen Grenze. Vieles, was hier verhandelt wird und wurde geschah durchaus in stillen Kammern – nicht immer nur die von Politikern auch die von Teilen der Bürgerbewegung. Was hier in den letzten zwei Jahrzehnten passiert ist, ist beispiellos. Glücklicherweise.

Allianz verlangt 2,3 Millionen Euro

Schon 1990 gab es erste Beschlüsse, dass eine "Mauerpark" genannte Anlage entstehen sollte. Großspurig versprach der Senat eine "toskanische Landschaft" auf 15 Hektar - 7,5 auf der einen 7,5 auf der anderen Bezirksseite. Beide Teile waren damals noch in öffentlicher Hand. 1992 beschloss die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einen Vier-Stufen-Plan für die Anlage. Erst sollte der Osten umgestaltet werden, mit rund 2,3 Millionen Euro (damals 4,5 Millionen Mark) von der Allianz Umweltstiftung, nach der Jahrtausendwende dann auch der westliche Teil.

Über den begannen also die Verhandlungen. Doch der Senat konnte sich nicht mit dem Eigentümer, der Deutschen Bahn AG, über den Preis einigen. Mit 900 Mark pro Quadratmeter sei der überhöht, hieß es vom Senat. Die sehr aktiven Bürger Initiativen allerdings vermuteten, dem Senat fehle der Wille zur Vollendung.

Im November 1999 erklärte "Grün Berlin", die Gesellschaft des Landes Berlin für Stadtentwicklungsstrategien, dass sie mit einer Fertigstellung des Parks nicht mehr rechneten. Zwei Jahre später kam heraus, dass es seit Dezember 1999 einen Vertragsentwurf zwischen Bahn und Senat gab, in dem die Bahn als Ersatzmaßnahme dem Senat das Grundstück nicht nur schenken wollte, sondern auch noch die Parkgestaltung darauf finanzieren wollte. Der Finanzsenator jedoch zögerte, weil er auf dem Grundstück Altlasten vermutete. Auch ein anderslautendes Gutachten konnte ihn nicht umstimmen. 2001 wurde die Gesellschaft Vivico gegründet, um nicht genutzte Grundstücke aus Eisenbahnbeständen entwickeln und verkaufen zu können. 2007 wurde die Vivico an die CA Immo verkauft – und somit auch die umstrittenen Hektar entlang des Mauerparks. Berlin verhandelt also seit Jahren über dieselbe Fläche, nur mit immer neuen Politikern auf der einen und neuen Eigentümern auf der anderen Seite.

Doch langsam wird es eng: Die Allianz hat eine Frist gesetzt. Es ist bereits die zweite: Wenn bis Ende Dezember 2012 der Park nicht mindestens zehn Hektar groß wird, dann verlangt die Allianz Stiftung ihre 2,3 Millionen Euro zurück.

"Wir sind am Ende angekommen"

Und noch von anderer Seite könnten Forderungen auf das Land Berlin zukommen: Nach eigenen Angaben hat die CA Immo mittlerweile 500.000 Euro in Planleistungen, Moderationen, Runde Tische und Ähnliches investiert, um mit Bezirk und Bürgern zu einer Lösung zu kommen. Es gibt Gerüchte die besagen, dass die CA Immo es sich vom Land Berlin bezahlen lassen wird, falls sie all die Jahre umsonst Geduld für den Bürgerwillen aufgebracht hat. In den Schubladen liegt ein Vertragsentwurf, über dessen Inhalt viel spekuliert wurde. Angeblich steht darin, dass der Bezirk der CA Immo die Bebauung in einer erhöhten Dichte zusichert. Die CA Immo, darin sind sich fast alle der Aktivisten einig, hat sich sehr offen den Vorstellungen der Bürgern gestellt. Doch je länger diskutiert wurde, desto mehr Fehlinformationen wurden auch von Einzelnen gestreut. So ist nach drei Jahren intensivster Debatte seitens des Unternehmens die Geduld mit dem Prozess vorbei. Zu dem Thema weitere Verhandlungen sagt Henrik Thomsen, Leiter der CA Immo in Berlin, "Wir sind am Ende angekommen. Jetzt muss entschieden werden." Die besondere Situation habe er lange verstanden. "Das ist ein Ort, auf den alle ihre Wünsche projizieren." Aber jetzt sei es genug.

Dennoch dürfte auch die CA Immo weiterhin großes Interesse an dem Gebiet haben: Auch wenn die Wohnungen in Gesundbrunnen liegen, wenn man sie über den Prenzlauer Berg erreichen kann, dann kann man sie auch teurer verkaufen. Denn auch das ist eine Wahrheit des Widerstands gegen das Neubaugebiet: Auch wenn die Mauer weg ist, eine deutliche Grenze gibt es hier immer noch. Nur ist jetzt das Gefälle umgekehrt. Im Westen liegt Wedding, die Wohnungen sind mit Verwandtschaft bevölkert, die Trainingshosen glänzen und die Autos sind tiefer gelegt. Der Osten hat die Dachterrassen ausgebaut, die Lattes lactosefrei gemacht und die Kitas privatisiert. Nicht jeder ist glücklich über so eine neue Verbindung, die mit dem Wohngebiet geschaffen wird. Aber auch das ist, wie alles an dieser Geschichte, nur ein Aspekt des Konflikts.

Jeder Kompromiss ein Fehler

Am Mittwochnachmittag sitzt Heiner Funken bei Frau Krüger. Allerdings will er nicht bleiben, es ist zu heiß. Außerdem will er seine Position lieber vor Ort verdeutlichen. Funken ist Mitbegründer der "Mauerpark-Stiftung Welt-Bürger-Park", die Geld sammeln will, damit der noch fehlende Teil des Mauerparks dem Eigentümer abgekauft werden kann.

Gerade hat Staatssekretär Christian Gaebler von der Stadtentwicklungsverwaltung erklärt, die Baustelle werde über die Lortzingstraße zugänglich gemacht. Das schauen wir uns an. Wir radeln durch den denkmalgeschützten Gleimtunnel auf die andere Seite. Das ist noch ein Streitpunkt: Wird der Tunnel die Laster aushalten, die demnächst über ihn hinwegdonnern sollen? Klar, sagen die einen, da fahren jetzt schon täglich schwere Wagen eines Gerüstbau-Unternehmens, sagen die einen. Niemals, das seien komplett andere Belastungen, sagen die anderen. Hinter dem Gleimtunnel bremst Funken ab. Rechts, vor einer Parkplatzeinfahrt, ist eine steile Böschung. "Hier soll die Rampe hin, über die die neuen Anwohner dann in ihr Viertel fahren", sagt Funken. Man kann sich in der Tat nur sehr schwer vorstellen, wie das bei dem engen Raum funktionieren soll. Vielleicht doch eher mit einer Hebebühne? In dieser Frage hatte die Bürgerwerkstatt "Mauerpark Fertigstellen" sich auch Autofreiheit fürs neue Wohngebiet gewünscht. Unrealistisch, meinte der Investor. Funken gilt in dieser Geschichte als der Radikale. Jeder Kompromiss ist für ihn ein Fehler. "Die 'Freunde des Mauerparks' sind die 'Freunde der Bebauung des Mauerparks'", sagt er.

Wut-Bürger und Welt-Bürger

Weil ursprünglich mal alle 15 Hektar in Aussicht gestellt wurden, ist für Funken jegliche Bebauung des jetzigen Gewerbegebiets eben eine Bebauung des Parks. Und die sei nicht zu dulden. "Der Mauerpark ist alternativlos", sagt Funken. Die Formulierung gefällt ihm. Er setzt gleich noch eine drauf: "Er ist systemrelevant." Steckt er auch hinter "Otto, 11" eine mit dem Namen eines kleinen Jungen versehene Petition, in der "ein Kind" an den Bezirksbürgermeister appelliert, ihm und seinen Freunden doch bitte nicht den Spielplatz zu nehmen. "Nein", sagt Funken. Aber er wirkt nicht so, als sei er nicht zu ähnlichen Aktionen fähig. Wir fahren mit dem Rad vor zur Bernauer Straße, hier ist der Eingang zum "Mauersegler", zum "Blumen und Pflanzen-Wunder", und zum Flohmarkt. Drei blaubemalte Schafe stehen stoisch auf einem Dach und tun so, als ginge sie das alles längst nichts mehr an. Die CA Immo hatte angedacht, hier ein Motel hinzubauen. Man kann es sich nicht so recht vorstellen. Andererseits: Jenseits der Bernauer Straße entsteht ohnehin gerade ein Neubau mit Eigentumswohnungen. Einer, den keine Bürger-Initiative verhindert konnte. Es dürfte nicht lang dauern, bis die ersten Eigentümer genervt von den lauten Massen sind, die an Flohmarkttagen die Straße komplett verstopfen.

Auch wenn Funken gern polemisch argumentiert und auch, wenn man seine Methoden nicht teilen muss – wie zum Beispiel die, Sitzungen des Bezirks einfach so lange zu blockieren, bis sie verschoben werden müssen. Man kann selbst Funkens Position verstehen. Er setzt sich ein für einen Wunsch, den hier viele teilen. Den nach einem ganzen Park, nicht nach einem Dreiviertel-Park. Je mehr Wohnung, desto weniger Freiheit.

Politik kaum verständlich

Immer weniger verständlich ist hingegen die Rolle der Politik. Fragt man einen der Beteiligten, kriegt man zwar lange Antworten, aber viel klarer wird die Sache dadurch nicht. Carsten Spallek, Stadtrat in Mitte, versucht trotz allem, gute Stimmung zu verbreiten. Am 11. September gibt es eine Sondersitzung des Stadtentwicklungssausschusses. "Wir haben eine große Chance", sagt Spallek. "Es geht jetzt in die Endrunde." Damit hat er sicher Recht. Für weitere Verzögerungen fehlt längst allen Beteiligten die Kraft.

Vielleicht sollten die Verantwortlichen vor der Sitzung den wunderbaren Film sehen, den Dennis Karsten vom Mauerpark gedreht hat. Darin sieht man den israelischen Künstler Eldar Farber, der ein Landschaftsgemälde von der Sicht aus dem Park auf die Bernauer Straße malt. Wenn er mit seinem Bild vom Mauerpark nicht zufrieden ist, dann verändert er einfach seine Position. Er stellt sich mit dem Rücken zur Leinwand beugt sich vor und schaut sich sein Werk dann durch die Beine kopfüber an. Warum er das macht, kann Farber sehr schön erklären: "Wenn man die Perspektive wechselt, dann erkannt man die eigenen Fehler."

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.