Kunsthaus

Tacheles-Macher begehren ein letztes Mal auf

Mit Musik und guter Laune wehren sich die Unterstützer des Kunsthauses in Berlin-Mitte gegen die Zwangsräumung.

Foto: DPA

Martin Reiter fegt noch einmal die Straße. Wenige Minuten später beginnt die wohl letzte Kundgebung zur Rettung des Tacheles in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte. Für Dienstag (4. September 2012) haben sich Gerichtsvollzieher und Polizei zur Zwangsräumung der Kunstruine angesagt. „Wir sind nur ein kleines Rädchen“, sagt Reiter. „Es geht um den Umbau der Stadt.“ Seit Jahren schwelt der Streit um die Zukunft des legendären Kunsthauses. Am 20. Juni hatten die verbliebenen Künstler den letzten Rechtsstreit verloren, das Ende scheint beschlossene Sache.

Auch die Kunstszene glaubt offenbar nicht mehr an eine Rettung. Rund 150 Sympathisanten haben sich am Sonnabendnachmittag zur Kundgebung eingefunden. Die Tacheles-Macher haben eine Bühne auf der Straße aufgebaut. Die aus den Lautsprechern wummernden Technobeats locken Touristen an, die die Fassade der Ruine fotografieren und sich an den Ständen Postkarten und handgefertigten Schmuck ansehen.

Reiter spricht vom „Investorenwahn“, der die kulturellen Nischen in der Stadt verdränge. Verzweifelt ist der letzte Vorstand des Tacheles-Vereins aber nicht. Er hat einen Feuerlöscher mit auf die Bühne gebracht. „Mein persönlicher Brandschutz. Auflage erfüllt“, sagt er. Der letzte Streit zwischen den Künstlern, den Behörden und dem Zwangsverwalter des Hauses hatte sich am Brandschutz entzündet.

Mängel beim Brandschutz

Das Bezirksamt Mitte hat das Kunsthaus im Juli wegen unhaltbarer Zustände bei der Brandsicherheit gesperrt. Fluchtwege seien verstellt oder verschlossen, Alarmanlagen und Rauchabzugsklappen seien nicht erreichbar. Der Zwangsverwalter hatte das Bezirksamt informiert. Nach Überzeugung der Künstler hat der Zwangsverwalter selbst die Brandschutzmängel herbeigeführt. So habe er Notausgänge mit Ketten verschließen lassen und den Strom abgestellt, weswegen die Notbeleuchtung nicht mehr funktioniere.

Die Ruine wurde auf Antrag des Hauptgläubigers, der staatlichen HSH Nordbank, unter Zwangsverwaltung gestellt, nachdem zuvor das Projekt des Immobilienentwicklers Enno August Jagdfeld und seiner Fundusgruppe gescheitert war, das Areal für 300 Millionen Euro zu einem Quartier mit Hotel, Wohnungen und Geschäften zu entwickeln. Jetzt soll ein weiterer Investor bereitstehen. Einige Künstler, darunter auch die Macher des ehemaligen Café Zapata im Erdgeschoss des Gebäudes haben sich in den vergangenen Jahren von einem Anwalt aus ihren Verträgen herauskaufen lassen. Bis zu 500.000 Euro sollen dabei geflossen sein.

Das heute als Tacheles bekannte Gebäude an der Oranienburger Straße ist Teil eines bis 1909 erbauten Kaufhaus-Komplexes. In den 20er-Jahren wurde es von der AEG genutzt. Nach dem Mauerfall wurde das Haus von Künstlern und Aktivisten besetzt und entwickelte sich zu einem Touristenmagnet. Zwischen „Berlin und Peking“ werde über das Tacheles berichtet, sagt Reiter.

Dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und seinen Staatssekretären sei das Areal dagegen egal. Immerhin hätten es die Künstler geschafft, das Gebäude unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Ein Investor könne das Traditionshaus in der Oranienburger Straße also nicht einfach abreißen lassen. Dann lädt Reiter alle Unterstützer für Dienstag ab 7 Uhr zum Räumungsfrühstück in das Tacheles – dem wohl letzten Akt in der Geschichte des Künstlerhauses.