Dienstleistung

Berliner Agentur hilft über Liebeskummer hinweg

Mit Gesprächen, Reisen und einem Hund will Elena Sohn Berlinern das Leiden erleichtern. „Liebeskummer ist eine Lebenskrise”, sagt sie.

Foto: Massimo Rodari

Eigentlich wollte Elena Sohn ihren Hund Lasse mitbringen, Lasse, den Liebeskummerhund. Aber Lasse hatte nun doch keine Zeit, eine Kundin hat ihn kurzfristig gebraucht – zum Kuscheln, Trösten und für einen Spaziergang im Wald. Die Zuneigung, die der Liebeskummer-Hund gibt, ist kostenlos, genauso wie Mitgefühl per E-Mail oder der Besuch beim monatlichen Liebeskummerstammtisch mit Elena Sohn und Leidensgenossen.

„Liebeskummer ist eine ernste Lebenskrise“, sagt die 32-Jährige, „etwas, das einen richtig umhauen kann und das schlimmer ist als so manche körperliche Krankheit.“ Um Menschen in dieser Situation zu helfen gründete die PR-Beraterin vor gut einem Jahr in Berlin ihre Liebeskummer-Agentur „Die Liebeskümmerer“. Auch die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete schon über Elena Sohn, denn ihre Dienstleistung ist in dieser Form völlig neu: Wer mit akutem Liebeskummer zu kämpfen hat und Hilfe braucht, einfach weg möchte oder nach Ablenkung sucht, wendet sich an sie, bucht über sie eine Gruppen- oder Individualreise mit speziellen Liebeskummer-Extras. Liebeskummer soll hier nicht verniedlichend klingen – es handelt sich schließlich um eine schwere psychische und biochemische Beeinträchtigung, vergleichbar eine akuten Depression.

Darum ist auch stets eine Therapeutin auf den Reisen dabei. Und es gibt auch in anderer Form Trost. So gibt es jeden Abend ein besonderes Betthupferl, zum Beispiel ein aufmunterndes Buch, einen kleinen Brief oder hübsch verpackte Schokolade – und natürlich den Kontakt zu Menschen, die gerade das gleiche fühlen und durchmachen. Elena Sohn begleitet die Reisen, fährt abends jedoch stets wieder nach Hause: „Ich kalkuliere ganz knapp, Übernachtungen für mich sind im Preis nicht drin“, sagt sie. Daher gehen die Reisen meist ins Berliner Umland, die nächste nach Netzeband in Brandenburg, an der Autobahnausfahrt Herzsprung.

Sie war selbst betroffen

Natürlich hat auch Elena Sohns Herz einmal einen ganz gewaltigen Sprung abbekommen, sie kennt die Probleme und Gefühle ihrer Kunden also genau. Als ihr damaliger Freund sie vor vier Jahren verließ, musste sie selbst einen schweren Liebeskummer durchleben. „Das kam zwar nicht aus heiterem Himmel – aber der Schock war trotzdem überraschend groß. Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen“, erzählt sie. Mehrere Monate war sie krank geschrieben, so heftig quälte sie der Liebeskummer. „Ich konnte es kaum ertragen, in Berlin zu sein, an den Orten, an denen ich mit ihm war“, sagt Elena Sohn. Also reiste sie viel, aber alleine. In dieser Zeit des eigenen Leidens reifte bei Elena Sohn die Idee, kurze Gruppenreisen mit der Begleitung einer Therapeutin zu organisieren oder für Verzweifelte, die ganz schnell Abwechslung möchten, SOS-Trips in kleine Hotels zu vermitteln.

Vor einem Jahr nahm sie dann ihr Erspartes und kündigte ihren Job bei einer renommierten PR-Agentur. Der Unternehmensstart war schwierig, die erste Gruppenreise musste Elena Sohn wieder absagen, weil sich nicht genug Interessenten angemeldet hatten. Inzwischen läuft das Geschäft besser, im Durchschnitt treten alle sechs Wochen fünf bis acht Personen eine Liebeskummer-Reise an. Die haben, trotz knapper Kalkulation, ihren Preis. Die nächste Reise etwa kostet 525 Euro, dafür gibt es drei Übernachtungen, zwei Einzelgespräche mit einer von fünf Therapeutinnen, die zum Team gehören, eine Fahrradtour und tägliche Liebeskummer-Tipps.

Neben den Reisen bietet Elena Sohn inzwischen auch Kochkurse, Personal Shopping oder Make-Up-Beratung für all jene an, die nicht mehr nur trauern, sondern sich ablenken wollen. Auch einen Box-Kurs gibt es demnächst. Außerdem möglich: Die „Auszeit weltweit“, für schlimme Fälle, die ganz lange und ganz weit weg wollen.

Schwarze Zahlen schreibe sie noch lange nicht, sagt die Unternehmerin, aber die Sache sei auch vielmehr, im besten Sinne, ein „Herzensprojekt“. Sie sei nie auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee gewesen. Doch dann kam ja der Liebeskummer: „Als ich damals so gelitten habe, habe ich gemerkt, dass es etwas gibt, was ich unbedingt machen möchte – egal, ob lukrativ oder nicht.“ Und daher zeigt sie Einsatz rund um die Uhr. Wer eine Mail an ihre SOS-Adresse schreibt, erhält, so verspricht Sohn, innerhalb einer halben Stunde eine Antwort. Ein Radiosender testete dies kürzlich in seiner Morning-Show – und bekam nach drei Minuten die Rückmeldung. „Meist schreiben die Leute etwas wie ‚Mir geht es so schlecht, ich will sofort weg'“, erzählt Elena Sohn. Ein spezieller SOS-Ton ihres Handys meldet ihr solche Nachrichten dann auch mitten in der Nacht. Sie biete sich an, damit die Menschen sich den Kummer von der Seele schreiben könnten, auch wenn sie dann keine Reise buchen.

Praktisch jeden erwischt es mal

Dabei ist der Markt groß. Liebeskummer trifft – genau wie die Liebe eben – irgendwann jeden, mindestens einmal, oft auch mehrfach im Leben. Rund ein Viertel der Teilnehmer der Gruppenreisen sind männlich, zu den Stammtischen kommen sogar oft Männer und Frauen in gleichen Teilen. Trotzdem haben sich dort noch nie neue Paare gebildet: „Dazu geht es meinen Kunden meist wirklich noch zu schlecht.“

Elena Sohn, die sich übrigens ein Jahr nach ihrer Trennung neu verliebt hat, plant nun, die außergewöhnlichsten Liebeskummer-Geschichten, die ihr erzählt wurden, aufzuschreiben für ein Buch. Wie die der Frau, deren Partner einfach wortlos verschwand und sich nie mehr meldete, oder die des Mannes Mitte fünfzig, der sich mit 15 verliebt hatte, das Mädchen nach der Schule aus den Augen verlor und noch immer darunter leidet, ihr seine Gefühle nicht gestanden zu haben. Auch wenn es für die akut Betroffenen unvorstellbar erscheint: Der Liebeskummer heilt bei den meisten irgendwann gänzlich ab, der geliebte und schmerzlich vermisste Mensch wird emotional unbedeutend. Und dennoch ist sicher: Tröste-Hund Lasse wird weiter gut zu tun haben.