Berlin-Premiere

Dokumentarfilm zeigt neue Facetten Bernd Eichingers

„Der Bernd” feierte Premiere in der Hauptstadt. Die deutsche Filmszene verarbeitet in dem Film kollektiv Eichingers überraschenden Tod.

Foto: Getty

Einmal schrieb er ihr auf eine Serviette: „Es gibt drei Dinge, die eine Frau haben muss: Eleganz. Humor. Sex. Du hast alles.“ Katja Flint war erst einmal geschmeichelt. Was für eine Liebeserklärung! Aber dann schwante ihr auch, das war wirklich seine Vorstellung von Frau. Sie hatte so eine Art Beuteraster erfüllt. „Er hat jeden Abend dasselbe gegessen, jeden Abend dasselbe getrunken. Und bitte keine Veränderungen“, schmunzelt Doris Dörrie. Und Katja Eichinger gesteht: „Ich habe oft gesagt, ich bin mit einem Atomkraftwerk verheiratet. Weil Bernd immer unter solcher Spannung stand.“

Drei Frauen, drei Statements. Und alle über denselben Mann: Bernd Eichinger. Der Produzent ist im Januar 2011 völlig überraschend gestorben. Zum Jahresende plant die Constantin, deren langjähriger Chef Eichinger war, eine DVD-Box mit seinen größten Erfolgen. Dabei stellte man fest, dass man eigentlich auch eine Doku über ihn haben müsste. So kam dieser Film zustande: „Der Bernd“. Keine herkömmliche Dokumentation. Gleich fünf Filmemacher werden als Regisseure verzeichnet: vier davon gehören zum Hause Constantin, der fünfte, Carlos Gerstenhauer, ist Fernsehjournalist. Eher ein Film von Freunden über einen Freund also, könnte man meinen. Und doch ist er mehr als nur ein reiner Freundschaftsdienst.

War alles nur ein Spiel

60 Interviews wurden geführt, mit Weggefährten und Freunden, mit seinen Frauen, seiner Tochter, seinen – das darf man ruhig mit demselben Personalpronomen so sagen – Regisseuren und Schauspielern. Montiert wird das immer wieder mit mühsam zusammengesuchtem Archivmaterial, in dem Eichinger über sich selbst spricht. Daraus ergibt sich eine hochinteressante Collage. Sie folgt keiner Chronologie, keiner sonstwie nachvollziehbaren Struktur, aber das macht den 90-Minüter nur umso kurzweiliger.

Man lernt den jungen Eichinger kennen, als er noch lange Haare hatte, sich wie ein Rockstar gab und die Sonnenbrille auch im Raum nicht abzog. Man sieht ihn selbst als Darsteller in seinen frühen Studentenfilmen. Man sieht ihn bei Dreharbeiten, wie er sich liebevoll um alle Beteiligten kümmert – und dann doch gleich wieder unwirsch werden kann: „Weg da. Raus aus dem Bild.“ Hannelore Elsner erzählt mit Lust von der wilden Zeit an seiner Seite, von den vielen Partys, die er gab, und deren Quintessenz der Moment war, als er aus ihrem Schuh Champagner trank. Doris Dörrie aber revidiert das wieder: „Das war doch alles nur ein Spiel. Alles nur inszeniert.“ Nina Eichinger, die Tochter, erzählt, wie auch sie schon früh immer wieder in seinen Stamm-Italiener mitgenommen wurde, weil der Papa nicht wusste, was er sonst mit dem Kind anfangen solle: „Man kann gar nicht früh genug lernen, auf einem Barstuhl zu hocken.“ Bei allen hieß er immer nur und heißt er immer noch „der Bernd“. Nur wenn Milla Jovovich eines der wenigen Interviews auf Englisch gibt, ist plötzlich vom „Bernie“ die Rede. Das klingt genauso herzlich, aber weniger ehrfurchtsvoll. Und passt ganz gut zu der ehrlichen Überraschung, von der Eichinger selbst erzählt, als er sich nach Amerika aufmachte: In Deutschland, ja da sei er schon jemand, aber dort in Amerika gebe es plötzlich Leute, die seinen Namen noch nie gehört hätten. Das musste ‚der Bernd' auch noch lernen.

Man erfährt auch einige wirklich neue Facetten von dem Mann. Etwa dass seine Eltern ihn in ein Internat gaben, weil sie mit dem widerspenstigen Jungen nicht fertig wurden, und zwar in ein wirklich hartes Internat. Das erste Jahr dort hat er jede Nacht im Bett geweint. Und noch Jahrzehnte später hat in seinem Büro in L.A. jener Plastikzahnbecher gestanden, den er im Internat benutzen musste. Als Zeichen für ihn, dass die schlimmste Zeit schon lange vorbei war. Eichingers kämpferischer Geist, seine Unerbittlichkeit, das suggeriert der Film, wurzelt aus dieser Internatszeit. Auch sein allererster Halbstünder, mit dem er sich für die Filmhochschule bewarb, handelte von diesem Internat.

Kaum kritische Töne

Es gibt, das ist ein Schwachpunkt, kaum kritische Stimmen in „Der Bernd“. Keiner, der unter ihm gelitten hat und dies einmal verbalisiert. Gelitten haben einige unter ihm, vielleicht hat sich aber niemand gefunden, der postum nachtreten wollte. Lediglich Oliver Berben deutet einmal kurz an, ‚der Bernd' habe es einfach nicht verstanden, dass er für viele so ein rotes Tuch gewesen sei. Dazu hätte man gern ein paar Beispiele, denn wirklich: In einer Filmszene wie der deutschen der siebziger, achtziger Jahre, die dem Autorenfilm huldigte, war ein Produzent alten Stils, wie ihn Eichinger verkörperte, tatsächlich so etwas wie ein Feindbild, Verhinderer und Störer. Doch dazu fällt kein weiteres Wort. Und Martin Moszkcowicz, sein Mitstreiter bei der Constantin, gesteht, dass er den Hitler-Film „Der Untergang“ nicht habe machen wollen: „Da habe ich mich“, so eine der wenigen selbstkritischen Momente dieses Films, „vielleicht auch geirrt.“

Dafür wartet der Film mit anderen Erkenntnissen auf. Es ist überraschend, dass die Frauen, mit denen ‚der Bernd' sich umgab, in ihren Statements sehr stark wirken, sehr komische Anekdoten erzählen und doch auch wieder ganz feine Analysen ziehen. Die Männer dagegen geben ein eher trauriges Bild ab. Wenn Til Schweiger erklären will, warum ‚der Bernd' so cool war, kommt nur ein Stammeln heraus, Moritz Bleibtreu reibt sich ständig am Auge. Und dann gibt es diese irritierenden Momente, wo beide fast weinen.

Der Film war gedacht als ein Monument für den Verstorbenen, für den letzten deutschen Film-Tycoon. Doch je länger der Film dauert, desto mehr ahnt der Zuschauer, dass daraus vielmehr die Bewältigung eines kollektiven Traumas geworden ist: Die deutsche Filmszene verarbeitet damit noch einmal den großen, so plötzlichen, unvorhersehbaren Verlust. Der Film endet mit Aufnahmen von der Trauerfeier, und doch ist „Der Bernd“ selbst so etwas wie eine zweite, erweitere Trauerfeier.

Erst die Premiere, dann der Preis

Der Film hat seine Berlin-Premiere nun ganz bewusst am Vorabend der Verleihung der First Steps Award erlebt – jenem Nachwuchspreis, den Eichinger einst mit Nico Hofmann ins Leben rief und bei dem gestern erstmals auch ein Produzentennachwuchspreis im Namen Eichingers verliehen wurde. Man hätte annehmen dürfen, dass sich zu der Premiere Stars und Sternchen drängen würden. Doch außer Iris Berben und Eva Mattes sah man nicht viel Prominenz. Nicht einmal die Tochter oder die Witwe zeigten sich.

Das mag der Sommerhitze geschuldet sein, oder der Tatsache, dass der Film vor Wochen schon eine Premiere erlebte. Dort zog er deutlich mehr Prominenz an. Das zeigt aber auch: ‚Der Bernd' war ein Tycoon noch aus jener Zeit, da das hiesige Kino überwiegend in Bayern entstand. Mit Berlin verband er stets seine Erfahrungen bei den Dreharbeiten des Drogendramas „Christiane F.“, und die, das sagt er selbst an einer Stelle, seien ihm immer schrecklich in Erinnerung geblieben.