Start-ups

In Berlin kann man Korken und Bratwurst abonnieren

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Julia Friese

Foto: Reto Klar

Neuer Trend: Berliner Start-up-Unternehmen versenden Nahrung, Bastelzeug oder auch Kleidung. Im Abonnement, per Kiste.

Tanja Bogumil glaubt, dass viele Männer ihre Box mögen. Weil sie keine Lust oder keine Zeit zum Kaufen von Kleidung haben. Von ihrem Büro am Senefelderplatz aus verschickt sie deshalb personalisierte Outfit-Kisten. Nach dem Vorbild des amerikanischen Boxen-Dienstes The Trunk Club gründete die 27-Jährige gemeinsam mit ihrer früheren Studienkollegin Kareen Günther im vergangenen Herbst den Personal-Shopping-Box-Dienst Modemeister. Ihr Versprechen: Service und Versand kosten nichts, die Kleidung ist aktuell und kostet genauso viel wie im Geschäft.

Der Modemeister ist nicht das einzige Berliner Start-up-Unternehmen, das diesen Service anbietet. Auch sämtliche anderen Produkte – wie Rezepte inklusive all ihrer Zutaten oder auch Bastelsets für die Kleinen – gibt es inzwischen. Der Kunde soll sich an den monatlichen Service gewöhnen und trotzdem jedes Mal überrascht werden. Denn anders als bei einer gewöhnlichen Bestellung weiß man bei den Abo-Kisten nie genau, was sich in ihnen befinden wird.

Die Idee stammt aus den USA

„Der Abo-Commerce-Trend kommt aus den USA“, sagt Alexander Hüsing, Chefredakteur des Onlineportals Deutsche Start-ups. „In den Staaten gibt es beispielsweise bereits seit 2010 die Birchbox. Eine monatliche Abo-Kiste mit fünf größeren Kosmetikproben für zehn Dollar. Berliner Gründer kopierten die Birchbox letztes Jahr für den deutschen Markt.“

Mit Erfolg. Rund 200.000 Kosmetikprobenboxen senden die Berliner von Glossy Box nach Angaben ihres 27 Jahre alten Geschäftsführers Charles von Abercron jeden Monat über den Globus. Deutschland, Brasilien, Frankreich und Großbritannien gehörten dabei zu den stärksten Märkten. Kosmetikproben, eingewickelt in Papier und Schleife, garniert mit bunter Dekostreu und Werbezetteln – Marken profitieren von der günstigen, zielgerichteten Marketingplattform. Und die zumeist weiblichen Kunden über ihre Bestellung. Manche von ihnen teilen das sogar auf YouTube, in sogenannten Unboxing-Videos.

Der Erfolg von Abercrons Team sorgte für einen Abo-Commerce-Trend innerhalb der Berliner Gründerszene. Erst im April startete die 29-jährige Philippa Pauen aus Mitte mit der Gründerhilfe Team Europe die Wummelkiste: Aus Korken ein Wikingerschiff bauen oder mit Magneten eine Figur durch ein selbst gebautes Labyrinth führen – die studierte Europawissenschaftlerin beliefert Deutschland von der Mohrenstraße aus mit Bastelboxen. „Unsere Kiste soll berufstätige Eltern mit Ideen versorgen. Man muss nicht mehr selber kreativ werden, wir liefern Bastelanleitungen sowie hochwertige Materialien wie Kork, Holz und Knete“, sagt sie. In sechs einfachen Schritten folgt man der Wummelmaus durch drei Bastelanleitungen pro Kiste.

Bei der Planung der etwa anderthalb Stunden in Anspruch nehmenden Basteleien hilft der kinderlosen Pauen ein Expertenteam aus Pädagogen und Eltern.

„Ein Kind wollte der Wummelmaus mal Käsewürfel schicken. Weil Wummel ihm jeden Monat etwas sendet, wollte es etwas zurückgeben“, erzählt Philippa Pauen. Gerade bei Kindern funktioniere die Idee der abonnierten Überraschungsbox besonders gut. Wie viele Kisten die drei helfenden Werkstudenten in Pauens Büro in Mitte monatlich zusammenpacken, will die Gründerin trotzdem nicht verraten. Dabei ist auch die Wummelkiste keine Berliner Idee. Kiwicrate heißt das kalifornische Pendant für Kinder.

Ebenfalls seit Anfang April auf dem Markt ist die Kochzauber-Kiste. „Die Familie, bei der abends gemeinsam gekocht und gegessen wird, wird immer mehr zum Mythos“, sagt Gründerin Steffi Keuler aus Mitte. Vor allem berufstätigen Eltern fehle es oft an Zeit und Muße. In Schweden stieß die Betriebswirtin auf Linas Matkasse. Ein Lebensmittel-Abo-Service, der schnelle Kochrezepte in einer Kiste mit dazugehörigen Zutaten nach Hause schickt. Keuler war begeistert. Wenig später adaptierte sie das Konzept gemeinsam mit einer Start-up-Hilfe sowie ihrem Studienfreund Frederic Knaudt für den deutschen Markt. In ihrem Büro am Nordbahnhof entsteht unter der Mitarbeit von Ernährungsberatern und Profiköchen jede Woche eine neue Kochkiste mit saisonalen und regionalen Zutaten. Ob Maispuffer mit Kräuterdip, Nudeln in Zitronensauce oder Bartwurstschaschlik an Rote-Bete-Couscous – alle Gerichte sollen in 30 Minuten zuzubereiten sein. Das Konzept der von einem Boten gelieferten Kochbox geht auf. Die Küche ist alltagstauglich, schmackhaft und tatsächlich schnell. Aber nicht ganz günstig: 39 Euro kosten drei Gerichte für zwei Personen.

Die Abo-Bindung des Start-up-Trends bietet gerade für junge Unternehmer eine gute Kalkulierbarkeit. Experte Hüsing sieht trotzdem Schwierigkeiten: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man beispielsweise eine Bastelkiste über Jahre hinweg abonnieren möchte. Hier müssen langfristig dann doch immer wieder neue Kunden angesprochen werden. Und bei den Kochanbietern drängen momentan sehr viele auf den Markt. Es wird sich zeigen, wer sich durchsetzen kann“, sagt er.

Stilgespräch um sechs Uhr früh

Wie die Preise für Kleidung im Geschäft und Kleidung bei ihrem Start-up trotz des Mehraufwands gleich bleiben können, darauf möchte Tanja Bogumil nicht eingehen. Sie erzählt aber, wie sie, ohne den Kunden selbst zu treffen, seinen Stil einschätzt. Per Telefonat. Dann fragt sie, welche Maße die Lieblingsjeans hat, ob er es eher bequem oder elegant mag und welche Farbe im Kleiderschrank am häufigsten vertreten ist. „Wir sind auch schon mal um sechs Uhr morgens aufgestanden, um so ein Stilgespräch zu führen. Der Kunde musste seinen Flug bekommen, kurz vorher hat er bei uns noch eine neue Garderobe geordert“, erzählt Tanja Bogumil. Teile im Wert von mindestens 600 Euro seien in jeder Box enthalten. Internationale Marken wie Boss und Hilfiger können in der Kiste vertreten sein, aber auch kleinere Berliner Labels. „Eine Jeans war ein bisschen eng, aber die Auswahl hat voll und ganz meinen Geschmack getroffen“, sagt ein Tester. Bei Nichtgefallen können Box und Ware auch wieder zurückgeschickt werden. Aber: „Momentan müssen wir Neukunden auf eine Warteliste setzten“, sagt Tanja Bogumil.