Bergunglück

Vater aus Frohnau sah seine Kinder in den Tod stürzen

Wegen gesundheitlicher Probleme musste Peter S. zurückbleiben und mitansehen, wie seine beiden Kinder 400 Meter tief fielen. Berlin trauert.

Foto: DAPD

Das schwerste Bergsteigerunglück in den Schweizer Alpen seit Jahren hat zwei jungen Berlinern das Leben gekostet. Unter den insgesamt fünf tödlich am Lagginhorn Verunglückten sind nach Angaben der Schweizer Polizei ein 19-Jähriger und dessen 14 Jahre alte Schwester aus Frohnau. Der einzige Überlebende aus der sechs Personen zählenden Gruppe, die am Dienstagmittag unterhalb des Berggipfels in die Tiefe stürzte, ist der 48 Jahre alte Vater der beiden.

Von den drei anderen Opfern stammten ein 43-Jähriger und dessen 16 Jahre alter Sohn aus einem kleinen Ort bei Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) sowie ein 21-Jähriger aus Oerlinghausen bei Bielefeld in Nordrhein-Westfalen. Nach Informationen von Morgenpost Online handelt es sich bei den Berliner Opfern um den Ingenieur Peter S. und dessen Kinder Maximilian und Marie. Vor ihrem Haus am Zerndorfer Weg in Frohnau legten Freunde und Bekannte am Mittwoch Blumen und Kerzen ab.

Regen und Quellwolken

Das Unglück hatte sich am Dienstag gegen 13 Uhr ereignet, als die Gruppe bereits auf dem Abstieg des 4010 Meter hohen Berges war. Nach Angaben des Bergführers Rolf Trachsel sei die Gruppe etwa 400 Meter tief in Richtung Fletschhorn abgestürzt. Der Schnee sei sehr weich gewesen. „Es hat reingeregnet, und gegen Mittag zogen Quellwolken auf“, sagte Trachsel, der Chef der Bergrettung Saas-Fee.

Nur weil Peter S. etwa 100 Meter unterhalb des Gipfels gesundheitliche Probleme bekommen hatte und zurückgeblieben war, überlebte er die Katastrophe. Er musste dann aber den tödlichen Absturz seiner Kinder mitansehen. Der Familienvater aus Berlin rief umgehend die Berghütte an, berichtete der dort tätige Mitarbeiter Norbert Burgener. „Ich habe dann sofort den Rettungsdienst alarmiert.“ Die Bergretter seien mit Hubschraubern zur Unglücksstelle geflogen, wo sie aber nur noch die Leichen gefunden hätten. Die Toten wurden ins Tal gebracht.

Unglücksursache weiter unklar

Die Unglücksursache war auch am Mittwoch noch unklar. Die zuständige Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Nach ersten Erkenntnissen der Kantonspolizei Wallis waren die Opfer zum Unglückszeitpunkt nicht angeseilt. Polizeisprecher Renato Kalbermatten widersprach am Mittwoch anderslautenden Darstellungen. Die Polizei geht von zwei Möglichkeiten des Unfallhergangs aus: Entweder sei die Gruppe in die Tiefe gerissen worden, weil sich der Untergrund bewegt habe, etwa durch den Abbruch eines Schnee- oder Eisbretts. Oder ein Mitglied der Fünfer-Gruppe sei ausgerutscht und habe die anderen mitgerissen, so Kalbermatter. Andere Bergsteiger in der Lagginhorn-Region hatten Schweizer Medien am Dienstag gesagt, sie seien wegen Nebels sicherheitshalber umgekehrt. Es habe zudem in diesem Teil der Walliser Alpen Neuschnee gegeben.

Die sechs deutschen Bergsteiger waren am Dienstag bereits gegen 5 Uhr zum Gipfel aufgebrochen. Die Nacht hatten sie in der Weissmieshütte verbracht, die in 2726 Meter Höhe liegt. Über die Westflanke wollten die Alpinisten den Berg angehen. Als die Gruppe aufgebrochen sei, habe jedoch im Gebiet der 2700 Meter hoch gelegenen Weissmieshütte bestes Wetter geherrscht, sagte eine Hütten-Mitarbeiterin. „Der Morgen war fantastisch.“ Erst im Laufe des Tages sei leichter Nebel um die Berggipfel aufgezogen. Dies bestätigte auch ein Sprecher der Polizei.

Strecke gilt als ungefährlich

Am Mittwoch wurde ein zunächst geplanter Aufklärungsflug mit einem Helikopter über der Unglücksstelle wetterbedingt wegen Wolken und Nebel verschoben. Die Angehörigen der Opfer wurden von der Schweizer Polizei informiert und trafen am Mittwoch in Saas-Fee ein.

Die Internationale Union der Alpinismusvereinigungen (UIAA) bewertet den Weg über den Westsüdwestgrad am Lagginhorn als „wenig schwierig“. Allerdings könne die Passage zum Berggipfel in der Frühsaison häufig noch mit Schnee und Eis durchsetzt sein, berichteten Bergexperten vor Ort. Der größte Teil des Weges zum Gipfel könne gegangen werden, die wenigen Kletterstellen über steile Hänge seien übersichtlich und problemlos, so die Alpinisten.

Im vergangenen Jahr waren in der Schweiz beim Bergsteigen oder Bergwandern 151 Menschen bei Unfällen ums Leben gekommen. Darunter 29 ausländische Staatsangehörige. Das Lagginhorn liegt etwa zehn Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Es gilt als „Seilbahn-Viertausender“ – der Name kommt daher, dass man mit der Bergbahn relativ weit nach oben gelangt. Gerade wegen der Bergbahn ist dieser Gipfel sehr beliebt und wird oft begangen.