Infrastruktur

Berlin und seine Großprojekte – Eine Bilanz des Scheiterns

Von der Sanierung des ICC bis zur A-100-Verlängerung – Berlin tut sich schwer mit Großprojekten. Eine Übersicht der Probleme.

Foto: Michael Brunner

Der künftige Großflughafen BER ist buchstäblich die größte Baustelle des Senats. Aber nicht das einzige Problem. Berlin und seine Großprojekte – das ist eine lange Geschichte. Große Pläne waren stets schnell konzipiert, in der Wirklichkeit stellte sich die Umsetzung meist problematischer dar als gedacht.

Das Millionengrab Steglitzer Kreisel, die Bankgesellschaft und der Neubau des Tempodroms sind dafür Beispiele aus der Vergangenheit. Die jetzige Koalition aus SPD und CDU hat sich zum Infrastrukturbündnis erklärt, das wichtige Weichen für die Zukunft der Stadt stellen will. Doch die ersten Monate verliefen ernüchternd. Bislang liefert der Senat vor allem Fehlermeldungen, auch wenn nicht alle selbst verschuldet sind.

Zukunft der S-Bahn

Das Dauerthema des Senats ist die S-Bahn. Seit drei Jahren ist der Betrieb wegen technischer Mängel immer wieder gestört. Unklar ist, in welche Zukunft die S-Bahn steuert. 2017 laufen die Verträge des Landes mit der Deutschen Bahn über den Betrieb der S-Bahn aus. Zwar hat der Senat die Teilausschreibung des S-Bahn-Netzes beschlossen. Doch offen ist, wer die rund 600 Millionen Euro für den Kauf der neuen S-Bahn-Wagen vorstreckt. Die Zeit drängt. Schon jetzt ist klar, dass es wohl zu weiteren Engpässen bei der S-Bahn kommen wird, da die neuen Wagen nicht rechtzeitig fertig werden – obwohl der Termin seit Jahren bekannt ist.

Verlängerung der A 100

Zusammen mit der CDU will die SPD die Autobahn bis 2016 um einen 3,2 Kilometer langen Abschnitt zwischen Neukölln und Treptow verlängern. Derzeit ist jedoch ein Baustopp verhängt. Das Bundesverwaltungsgericht untersagte die Fortsetzung der Bauarbeiten, bis es in der Hauptsache über eine Klage gegen den Ausbau entschieden hat. Die Entscheidung soll in diesem Jahr fallen. Sollte das Gericht den Weg frei machen, steht noch die Bereitstellung des Geldes – immerhin 450 Millionen Euro des Bundes – aus. In dessen Verkehrswegeplan rutschte das Vorhaben auf der Prioritätenliste nach vorn. Aber von den bundesweit rund 20 Projekten, die vorrangig realisiert werden sollen, wurden in den vergangenen Jahren nur zwei bis drei jährlich finanziert. Es könnte also auch bei der A 100 länger dauern als erwartet.

ICC-Sanierung

Der Streit über das Internationale Congress Centrum (ICC) in Charlottenburg beschäftigt die Stadt ebenfalls seit Jahren. Abriss und Neubau oder Sanierung, lauten die Alternativen für den asbestverseuchten Bau. Verfechter der einen wie der anderen Seite haben verschiedene Gutachten veranlasst, die die jeweils eigene Haltung unterstreichen. Das Land hat 180 Millionen Euro für die Sanierung versprochen, doch schon jetzt ist klar, dass das Geld nicht reicht. Die Landespolitiker befürchten ein „Fass ohne Boden“, von bis zu 400 Millionen Euro ist inzwischen die Rede, die nötig wären, das ICC vollständig zu sanieren.

Landeszentralbibliothek

Ein neuer zentraler Standort für die Landesbibliothek ist das Lieblingsprojekt des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD). Derzeit ist die Bibliothek auf vier Standorte verteilt. 270 Millionen Euro soll der Neubau kosten und nach dem Willen Wowereits auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof entstehen und das Gelände zu einem „Ort des Wissens“ machen. Doch innerhalb der SPD ist das Projekt umstritten. Ob in Zeiten knapper Kassen und nach wie vor großer Arbeitslosigkeit eine Bibliothek das richtige Zeichen sei, wird weitgehend bezweifelt. Auch über den Standort besteht keine Einigkeit. Für viele Bürger ist zudem unverständlich, dass es einen Neubau an jenem Ort geben soll, der mit dem ehemaligen Terminal des Flughafens über eines der größten zusammenhängenden Gebäude Europas verfügt, in dem Tausende Quadratmeter Fläche leer stehen. Die Bibliothek wäre das größte Neubauprojekt, das Berlin ausschließlich aus seinem eigenen Haushalt bestreiten will. Es gilt allerdings als erster Kandidat auf der Streichliste, sollte es beim Flughafen zu erheblichen Mehrkosten kommen.

Entwicklung von Tegel

Die CDU möchte in dieser Legislaturperiode einen Schwerpunkt bei der Anschlussnutzung des Flughafens setzen, der 2013 geschlossen werden soll. In Tegel will die Union beweisen, dass sie etwas von Wirtschaft versteht, dass sie in der Lage ist, zielgerichteter zu agieren als Rot-Rot nach der planlosen Schließung von Tempelhof. Die ersten Weichen sind gestellt, die CDU-Fraktion hat zusätzliche fünf Millionen erstritten, um den schwierigen Standort mit Terminal und Hangars für die ersten Nutzer schnell attraktiv zu machen. Die eigens gegründete Tegel Projekt GmbH geht aber auch hier von einem Langzeitprojekt aus und spricht von 20 bis 30 Jahren Entwicklungszeit.

Verlängerung der U5

Laut und sandig präsentiert sich Berlins Boulevard Unter den Linden in diesen Tagen. Die Bäume mussten einem der ambitioniertesten und teuersten Bauvorhaben Berlins weichen – der Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor. Die Arbeiten laufen seit April. Bis 2019 soll die nur 2,2 Kilometer lange Tunnelstrecke fertig werden. Ihr Bau ist mit 433 Millionen Euro veranschlagt. Der Nutzen des Projekts ist bis heute umstritten. Seit Wiederinbetriebnahme der Berliner S-Bahn im Westteil der Stadt 1984 sei klar, dass ein Ausbau des U-Bahn-Netzes keinen Sinn ergebe, bemängeln die Kritiker. Es gibt zudem bei den Erdarbeiten viele Unwägbarkeiten. U-Bahn-Bauten in Berlin kamen bislang noch nie ohne Preissteigerungen aus.

Humboldt Forum

Am Donnerstag haben die Bauarbeiten am Humboldt Forum zum Neubau des Stadtschlosses begonnen. Es soll rund 590 Millionen Euro kosten. Berlin übernimmt davon 32 Millionen Euro. Der Zeitplan ist ambitioniert: Bis Frühjahr nächsten Jahres sollen die komplexen Fundamentarbeiten für das Großprojekt abgeschlossen sein. Die offizielle Grundsteinlegung für den Wiederaufbau ist für Mai 2013 avisiert. Ende 2013, Anfang 2014 soll dann bereits der Neubau sichtbar aus dem Boden in die Höhe wachsen. 2019 soll das Museumsschloss fertig sein. Doch kürzlich wurden unter dem geplanten Neubau Holzpfähle entdeckt, die beseitigt werden müssen. Alle Beteiligten versichern, dass das keine Auswirkungen auf den Bauplan habe. Aber das sagten die Flughafenplaner bis vier Wochen vor dem geplanten Eröffnungstermin auch.

Neubau der Staatsoper

Die Oper an Berlins Boulevard Unter den Linden muss ein Jahr länger als geplant in ihrem Provisorium im Schiller Theater ausharren. Auch der Staatsoper machen die Holzpfähle aus der Berliner Vorgeschichte zu schaffen. Und auch hier zeichnet sich eine Kostensteigerung ab. Die schloss Senatsbaudirektorin Regula Lüscher unmittelbar nach Bekanntwerden der Verzögerung zunächst aus, wenig später relativierte sie die Aussage jedoch. Zurzeit sei man im Kostenplan, hieß es. Wie lange noch, verriet sie nicht. Von den 242 Millionen Euro, die Sanierung und Erweiterung kosten, sind bereits Leistungen von mehr als 170 Millionen Euro vergeben, die einjährige Verzögerung ist da noch nicht berücksichtigt.