Kreuzberg

Frau in Berlin zerstückelt – der Tatort Köthener Straße

Einen Steinwurf vom Potsdamer Platz köpfte ein kurdischer Familienvater seine Frau. Wie konnte das geschehen? Porträt eines verlorenen Kiezes.

Am dritten Tag nach dem Tod von Semanur S. stehen sich in dem Innenhof der Köthener Straße zwei Männer gegenüber. Der Dickere der beiden macht eine Ringerpose und kneift hasserfüllt die Augen zusammen. Der Schmächtige hebt mit drohender Geste eine umgedrehte Bierflasche. Zwischen den Männern liegt ein Blumenmeer, darin drei große Farbfotos einer Frau mit Kopftuch: Semanur S., die in der Nacht zu Montag hier starb, getötet hat sie ihr Mann. Orhan S. stach nach einem Streit auf der Dachterrasse ihrer gemeinsamen Wohnung im fünften Stock auf seine Frau ein, tötete sie, trennte dann Kopf und eine Brust ab und warf sie in den Innenhof. Die sechs Kinder des Paares waren währenddessen in der Wohnung, zahlreiche Nachbarn haben die Tat mit angesehen oder -gehört.

Der Duft der Rosen und Lilien hängt schwer über der Szene. Sie liegen exakt dort, wo Semanur S.' Kopf aufprallte. Daneben steht ein handgeschriebenes Schild: „Hilfe! Nicht wegsehen!“ Die beiden Männer starren sich an. „Du willst dich mit mir prügeln, an diesem Ort? Dann komm doch!“, brüllt der mit der Bierflasche. Der andere kommt einen Schritt näher. Es ist leise, nur die getragenen Melodien islamischer Trauermusik dringen durch ein Fenster in den Hof. Jemand spielt Korangesänge von einer CD ab.

Hinter dem Blumenmeer sitzen auf Wohnzimmerstühlen sieben schmächtige Jungen in Sporthosen und Jacken und schauen stumm den Drohgebärden zu. Sie seien Nachbarskinder, sagen sie. Zwei Männer, einer ist Vater einiger der Jungs und ein Nachbar, reden auf die Streitenden ein. Jemand sagt: Holen Sie die Polizei. Die Antwort ist ein stummes Kopfschütteln, was vielleicht heißen soll: Wir kümmern uns hier selbst um unsere Probleme. Das Problem der Streitenden ist offenbar vor allem eines: dass sie nicht wissen, wohin mit ihren Gefühlen. Schließlich beendet eine Frau die gewaltgeladene Situation. Die zierliche Frau im Kopftuch hängt sich an den Arm des dicken Mannes, spricht auf Arabisch flehentlich auf ihn ein. Als der Dicke abzieht, schaut ihm der Dünne hinterher, in seinen Augen stehen Tränen. Einen Moment schluckt er, hebt dann die Bierflasche und brüllt: „Dieser Schwanzlutscher! Ich könnte den umbringen!“ Die Jungen auf den Stühlen wenden peinlich berührt die Blicke ab. Brüllen ist einfacher als weinen.

Absurde Gastgeberrolle

Die Bewohner der Köthener Straße 37 sind plötzlich in einer absurden Gastgeberrolle. Den ganzen Tag schon sind Menschen gekommen, manche allein, manche zu mehreren, um ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Die meisten wollten still trauern, manche – Frauen – haben geweint. Andere sind wütend: „Stimmt es, dass er gar nicht ins Gefängnis kommt, sondern nur in ein Krankenhaus?“, fragt ein Mädchen. Der Vater der Jungen sagt: Sozialarbeiter gebe es in dem Block nicht, in dem sie leben, auch wenn das nötig wäre. Dass es an Problemen und Gewalt reichlich gibt, davon zeugen die beschmierten Aufzüge der Häuser, vermüllte Treppenhäuser, aufgebrochene Briefkästen. Ein Junge sagt: Wenn es Probleme gebe, seien da nur die Frauen am Spielplatz hinter dem Haus. Die Frauen sind Mütter, wie Semanur S., die auch oft dort saß. Dort hat sie wohl auch von ihrer Ehe gesprochen, in der es große Probleme gab. Orhan S. hat mit einer weiteren Frau zwei Kinder, die Frau soll zeitweise mit den Kindern sogar bei Familie S. gelebt haben. Es ist die Rede von psychischen Problemen, wegen denen Orhan S. zeitweise auch in Behandlung war, und dass er die Behandlung aber abbrach.

Am Sonntagabend hat Semanur S. ihrem Mann gesagt, sie wolle sich trennen. Danach gab es Streit, dann wieder Ruhe. Bis dann das Schreckliche geschah. Seitdem strömen die Menschen in den Innenhof des Gebäudes, in das bisher – offenbar viel zu lange – niemand hineingeschaut hat.

Der dunkel geklinkerte Häuserblock an der Köthener/Ecke Bernburger Straße steht nicht nur äußerlich wie ein Monolith zwischen den protzigen Türme des Potsdamer Platzes und den letzten Relikten des alten Berlin. Direkt nebenan steht der denkmalgeschützte Meistersaal, in den legendären Hansa-Tonstudios haben einst Iggy Pop, Depeche Mode oder David Bowie gespielt. Für sie war Berlin, die geteilte Stadt, aufregende Kulisse – das wilde Leben vorm Symbol des Kalten Krieges. Die Mauer stand gleich um die Ecke.

Alle Berlin-Klischees

Heute bietet die Köthener Straße ein Berlin-Erlebnis der anderen Art. Wie im Zoom schieben sich hier alle Berlin-Klischees aufeinander. Am Landwehrkanal haben sich Obdachlose unter der Hochbahn eingerichtet, samt Schränken, Stühlen und Matratzen. Es folgt das Studentenwohnheim am Hafenplatz, ein heruntergekommener Waschbetonklotz aus den 70ern: Zu Mauerzeiten endete hier die Zivilisation vor der Wüste namens Potsdamer Platz.

Am anderen Ende der Straße hat gerade ein gigantischer schneeweißer Komplex eröffnet: Luxus-Appartements mit Portier, Büros, Wellness mit Ausblick. Was an der Köthener Straße 37 passiert sei, sagt der Pförtner, wisse er nicht: „Nur dass es dort eine Straßensperre gab.“

Der Monolith, in dem Familie S. lebte, hat acht Eingänge. Nach außen hin hat das Gebäude dennoch nichts Einladendes, im Gegenteil – obwohl es genau so gedacht war. „Torhaus zur Friedrichstadt“ nannte Architekt Oswald Mathias Ungers das Gebäude, entworfen wurde es zur Internationalen Bauausstellung 1984, als bezahlbarer und dennoch schöner Wohnraum für West-Berlin gefragt war. Finanziert wurde der Bau unter anderem mit großzügiger öffentlicher Förderung und dem Versprechen, einst traumhafte Mieten zu erzielen. Doch der Plan ging nicht auf. Kommende Woche wird das Haus zwangsversteigert, die Mieter sagen, der Eigentümer sei insolvent.

Irgendetwas ist an dem Plan schiefgegangen vom schönen Wohnen an der Köthener Straße, obwohl die Wohnungen tatsächlich schön sind. Mit bis zu sieben Zimmer auf zwei Etagen, Fußbodenheizung, Balkonen und Dachgärten. Doch die viele Mieten tragen die Ämter, den Wohnungen ist anzusehen, dass hier viele wohnen, die woanders nicht gewollt waren. Auch Familie S. hatte einen Dachgarten. Auf dem Rasen liegen jetzt neben Kinderspielsachen das rot-weiße Flatterband und die Plane, mit dem die Polizei den Tatort abschirmte. Glasscherben zeugen davon, wie Orhan S. noch versuchte, durch ein Glasfenster ins Treppenhaus zu fliehen – vorbei an dem Schrank voller Schuhe, die seiner Familie gehören. Das jüngste Kind starb im Bauch seiner Mutter. Semanur S. war zum siebten Mal schwanger.

Nie nach Hilfe gefragt

Unten im Hof des Torhauses wächst der Berg der Blumen unaufhörlich. Frauen mit Kopftüchern und ohne kommen, viele mit Kinderwagen. Eine schiebt ein Fahrrad mit Kindersitz und weint. Sie sagt: Die Kinder haben alles verloren, Mutter und Vater. „Egal, ob man ihm nun einen Prozess macht oder nicht.“ Zwischen den Besucherinnen stehen die Nachbarinnen, die immer und immer wieder die schrecklichen Ereignisse der Nacht erzählen, wie um die Bilder zu bannen – oder die Angst. Als sich eine große Gruppe türkischer Frauen in den Hof schiebt, beobachten sie den Besuch aus der Distanz.

Die Damen sind vom Kreuzberger Verein Akarsu, der Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund Beratung, Bildung und Hilfe bietet. Angesprochen sind Frauen wie Semanur S., von der die Nachbarinnen aber sagen: Sie habe nie nach Hilfe gefragt. „Sie war immer fröhlich, kümmerte sich sehr liebevoll um ihre Kinder“, sagt eine deutsche Nachbarin. Und eine andere: Ja, das Ehepaar S. habe gestritten, aber nicht schlimmer als andere Ehepaare auch. Wobei man nicht weiß, was „schlimm“ bedeutet. Am linken Kinn hat die junge Frau ein grünblaues Hämatom, das auch das Kopftuch nicht verbirgt. Darüber sprechen möchte sie nicht.

Es ist nicht einfach, zu Menschen wie der Familie S. vorzudringen, die der kurdischen Minderheit der Türkei entstammen. Sie gehören zu einer Großfamilie, arrangierte Ehen sind Tradition, oft werden Verwandte miteinander verheiratet. Auch Semanur und Orhan S. sind durch die Eltern verheiratet worden, ebenso wie Semanur S.' Bruder und Orhan S.' Schwester, die ebenfalls ein Paar sind. Überkreuz-Ehe heißt ein solcher Bund, der die Paare noch enger an die Familien binden soll. Alle Probleme sollen in der Familie gelöst werden. Nur was, wenn die Familie selbst das Problem ist? Und Probleme gab es immer. Schon ein Cousin von Orhan S. hat vor sieben Jahren seine Frau getötet, Mutter seiner fünf Kinder. Er ging nicht ganz so bestialisch vor wie Orhan S., jedoch ebenfalls mit dem Messer.

Am Rande der improvisierten Trauerveranstaltung zieht Bernd Fleischer seine Runden, im Blaumann und bewaffnet mit einem Müllpicker. Er ist Hausmeister und kommt täglich hierher, sagt er, „um für Ordnung zu sorgen“. Ein Jahr, sagt er, sei er jetzt hier beschäftigt, ein Jahr, in dem er täglich versucht habe, Kontakt zu den Bewohnern zu knüpfen. Er klingt frustriert. Er habe verstanden, dass manche arabische Frauen mit ihm nicht sprechen dürften, sicher. Und auch, warum die bodentiefen Fenster der Wohnung so oft kaputt gehen – weil die Kinder drinnen Fußball spielen. Und dass es im Fahrstuhl der Nummer 37 immer nach Urin stinkt – nicht Männer machten das, sagt er, und schaut fast mitleidig, sondern ein kleiner Junge, der es offenbar nicht bis zum Klo schaffe.

Bernd Fleischer, der Hausmeister, weiß all diese Dinge. Kleinigkeiten oft. Er sagt: Er habe versucht, an der Köthener Straße wenigstens Grundregeln von Anstand und Ordnung zu vermitteln. Dass die Schuhberge der Großfamilien im Treppenhaus wenigstens montags weggeräumt werden, damit er putzen kann. Dass man Müll in die Tonne wirft, und zwar in die richtige, nicht auf den Hof. In Nummer 37 hat man kürzlich neue Lichtschalter montiert, nachdem die alten immer wieder herausgebrochen wurden. Die neuen sind aus Stahl, hässlich und unkaputtbar. Und noch etwas hat Nummer 37: ein neues Türschloss. Ob es helfen wird, den Vandalismus draußen zu halten? Bernd Fleischer winkt ab. Ein Hausmeister kann Lichtschalter reparieren, aber nicht die Gesellschaft.

Im Haus von Semanur S. sind während der Woche Politiker gewesen und auch Mitarbeiter der evangelischen Kirchengemeinde um die Ecke. Sie haben handgeschriebene Beileidsbekundungen in die Briefkästen geworfen: „Wir wünschen Euch eine Schulter, an die Ihr Euch anlehnen und Gottes Güte, auf die Ihr vertrauen könnt“. Eine der Karten liegt weggeworfen im Hausflur, wütend zerknüllt. Es ist nicht einfach, an einem Ort wie diesem den richtigen Ton zu finden.