Bildung in Berlin

21 Prozent der Erstklässler haben Sprachprobleme

Tausende Schulkinder sprechen nicht richtig, zeigen Studien. Es ist Berlin nicht gelungen, die Sprachproblem-Quote deutlich zu senken.

Ein großer Teil der Berliner Schulanfänger hat Sprachprobleme. Das zeigt die Auswertung der Einschulungsuntersuchungen des Jahres 2011. Wie neue Detailuntersuchungen dieser Studienergebnisse zeigen, hängt das sprachliche Können der Erstklässler vor allem vom sozialen Status der Familie und weniger von der ethnischen Herkunft ab.

Untersucht wurden insgesamt 13.076 Mädchen und 14.165 Jungen in den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten der zwölf Bezirke. Ingesamt wurden bei 21 Prozent der untersuchten Kinder Sprachdefizite festgestellt. Die Quote hat sich in den vergangenen fünf Jahren nur leicht verändert.

Gesundbrunnen hat die größten Probleme

Im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen ist der Anteil der Kinder mit Sprachproblemen stadtweit am größten. Er liegt bei 59,7 Prozent – die Mehrheit der Erstklässler hier hat sprachliche Defizite. In Lichtenberg-Süd (Karlshorst und Rummelsburger Bucht) dagegen liegt die Quote bei nur 3,2 Prozent – der geringste Wert in ganz Berlin.

Innerhalb der Bezirke allerdings zeigen sich überraschend große Unterschiede. So haben in Lichtenberg-Mitte (Friedrichsfelde) 22 Prozent der Schulanfänger Probleme mit der Sprache. In Kreuzberg-Nord ist der Anteil der förderbedürftigen Kinder mit 33,5 Prozent doppelt so hoch wie in Kreuzberg Süd. Und während in Reinickendorf-Ost knapp 40 Prozent der Kinder Sprachdefizite haben, sind es in Frohnau und Hermsdorf nur 6,6 Prozent.

Senatorin Scheeres will die Kita-Pflicht ausweiten

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will die Kita-Pflicht für förderbedürftige Kinder ausweiten. Vorschulkinder mit Sprachproblemen sollen von 2012 an ein Jahr vor der Schule nicht mehr nur drei Stunden, sondern fünf Stunden täglich gefördert werden. Zudem will die Bildungssenatorin den Druck auf jene Familien, die sich der Kita-Pflicht entziehen, durch Bußgelder erhöhen.

Die Einschulungsuntersuchungen belegen auch, dass es einen Zusammenhang zwischen Sprachkenntnissen und Kita-Besuch gibt. Untrsucht wurde nämlich auch, wie hoch jeweils der Anteil der Kinder ist, die länger als zwei Jahre eine Kita besucht haben. Absoluter Spitzenreiter ist Lichtenberg-Süd, also der Stadtteil, der berlinweit am besten bei den Sprachkenntnissen abschnitt. In der Region Karlshorst und Rummelsburger Bucht besuchen mit 97,5 Prozent nahezu alle Kinder länger als zwei Jahre eine Kita. Am geringsten fällt dieser Anteil der Kinder in den Kitas in Gesundbrunnen aus – mit 73,9 Prozent. Gesundbrunnen ist auch der Stadtteil mit den schlechtesten Werten im Sprachtest.

Sprachlerntagebuch wird überarbeitet

Die Bildungssenatorin plädiert dafür, den Ausbau der Kita-Plätze voranzutreiben. „Statt Betreuungsgeld einzuführen für Kinder, die zu Hause bleiben, sollte das Geld eher in den Ausbau der Kita-Plätze gesteckt werden“, sagte Scheeres. Nach einem Beschluss des Senats sollen in Berlin in den kommenden vier Jahren fast 19.000 neue Kita-Plätze geschaffen werden. Dafür sind 20 Millionen Euro bereitgestellt worden. Das Problem ist allerdings der dramatische Fachkräftemangel. Schon jetzt können Tausende Kita-Plätze nicht besetzt werden, weil es nicht genügend Erzieher gibt. In Bezirken wie Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln müssen sich Eltern deshalb in lange Wartelisten einschreiben.

Sprachlerntagebuch und Bildungsprogramm werden jetzt überarbeitet, um die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in Sachen Sprachförderung einzubauen. Studien hätten gezeigt, so Staatssekretärin Sigrid Klebba, dass die Kinder Sprache am besten lernen, wenn sie im Alltagshandeln vermittelt wird, beispielsweise beim Tisch decken, anziehen oder spielen. Der verpflichtende Sprachkurs in der Kita, den Kinder im Vorschuljahr absolvieren müssen, wenn sie Defizite haben, soll deshalb ab Sommer 2013 nicht mehr drei Stunden sondern fünf Stunden umfassen. Das entspricht praktisch einem Teilzeitplatz, bei dem die Kinder den Tagesablauf vom Morgenkreis bis zum Mittagschlaf mitmachen.

Verbindlicher Deutsch-Test für Vierjährige

Die Schwierigkeit besteht aber darin, wirklich alle Kinder zu erreichen. Denn obwohl der Kurs schon jetzt Pflicht für Kinder mit Sprachschwierigkeiten ist, kommen nicht alle dort an. Vorgesehen ist, dass alle Kinder, die keine Kita besuchen, im vierten Lebensjahr einen verbindlichen Deutsch-Test absolvieren. Im vergangenen Jahr sind aber nur 645 von 1030 Kindern auch zum Test erschienen. Schon Jürgen Zöllner, Vorgänger von Senatorin Scheeres, kündigte vor einem Jahr an, ein Bußgeld einführen zu wollen ähnlich wie fürs Schulschwänzen einzuführen. Scheeres bekräftigte nach der Auswertung der Einschulungsuntersuchungen, dass sie an diesen Plänen festhalten will.

Die Opposition sieht die Pläne des Senats skeptisch. Die jugendpolitische Sprecherin der Grünen, Marianne Burkert-Eulitz, kritisiert, dass das Angebot nicht konsequent genug ausgebaut wird. „Es ist zu befürchten, dass die guten Ergebnisse jetzt durch Kitaplatz Bildung mangel und Fachkräftemangel wieder kaputt gemacht werden.“