Kriminalität

In Berlin werden immer weniger Straftaten aufgeklärt

Die Zahl der Diebstähle in Berlin ist auf einem Rekordhoch. Gleichzeitig wurden so wenige Fälle aufgeklärt wie seit zehn Jahren nicht.

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Für Michael Purper ist die Nachricht nicht überraschend. Deshalb flüchtet er sich in Sarkasmus: „Das ist ein deutliches Zeichen, dass die Politik der Vergangenheit Früchte trägt“, sagt der Berliner Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP). In den vergangenen zehn Jahren habe Berlin insgesamt 4000 Stellen bei der Polizei eingespart. „Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich das in einem Anstieg der Straftaten niederschlägt“, so Purper. „Wir haben einfach zu wenig Polizei in der Stadt“, sagt der GdP-Chef.

Die Zahlen, die in der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) stehen und Morgenpost Online vorliegen, haben es in sich. Insgesamt 494.385 Straftaten registrierte die Polizei im vergangenen Jahr. Gegenüber 2010 ist das eine Zunahmen von 4,1 Prozent. Die Kriminalitätsexperten führen dies besonders auf die starke Zunahme von Diebstählen zurück.

Insgesamt wurden bei der Polizei 213.008 Diebstähle angezeigt – ein Plus von 11,9 Prozent. Besonders im Bereich Fahrraddiebstahl gab es mit insgesamt 25.988 eine Steigerung von rund 30 Prozent. Dagegen stieg die Anzahl von gestohlenen Kraftfahrzeugen mit 2,2 Prozent (7340 Straftaten) nur leicht.

Deutlich wird auch, dass die Polizei bei Einbrüchen in Wohnungen und Einfamilienhäuser im vergangenen Jahr einen sprunghaften Anstieg erlebte. So wurde im Jahr 2011 insgesamt 11.006 Mal eingebrochen, eine Zunahme um 26,3 Prozent. Das heißt, alle zweieinhalb Minuten erfolgt in Berlin ein Einbruch. Laut Ermittlern sind dafür vor allem osteuropäische Banden verantwortlich. Die meisten Wohnungseinbrüche verzeichnen die Bezirke Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf. In Einfamilienhäuser wird besonders häufig in den Außenbezirken eingebrochen. So weisen Zehlendorf, Lichtenrade, Rudow, Mahlsdorf und Lichterfelde die höchsten Fallzahlen auf.

Taschendiebstahl bei Touristen

Dadurch, dass Berlin immer beliebter bei Touristen wird, steigt auch die Zahl der Taschendiebstähle. „Aufgrund ihrer Sorglosigkeit stellen diese oft willkommene Opfer für Taschendiebe dar“, schreiben die Experten. 15.127 Fälle verzeichnen die Beamten, fast 2000 mehr als 2010. Die Diebe haben es dabei besonders auf Smartphones abgesehen. Auch die EU-Osterweiterung und der damit verbundene Wegfall der Grenzkontrollen erleichtert Dieben die Arbeit. Berlin biete nach Polizeiangaben aufgrund der Nähe zum osteuropäischen Ausland und der Anonymität der Großstadt günstige Voraussetzungen. So können Fahrzeuge unbemerkt gestohlen und ins Ausland gebracht werden. Insgesamt 7340 Mal schlugen die Täter zu, ein Anstieg von 2,2 Prozent.

Bemerkenswert ist auch, dass immer mehr Fahrräder entwendet werden. Um rund ein Drittel sind diese Delikte auf knapp 26.000 Fälle gestiegen. Im Vergleich zu den vergangenen zehn Jahren ein Rekordwert. Alarmierend ist darüber hinaus die zunehmende Zahl von Brandstiftungen, die im vergangenen Jahr um 242 auf 1090 Fälle gestiegen ist. Nach einem Rückgang im Jahr 2010 haben dazu besonders die Autobrandstiftungen beigetragen. So wurden insgesamt 117 Fahrzeuge aus politischen Motiven angezündet. 420 weitere Fahrzeuge wurden darüber hinaus in Brand gesetzt. Hier wurde kein politisches Motiv ermittelt. Die Polizei konnte im vergangenen Jahr auch dank der Unterstützung der Bundespolizei mehrere Brandstifter festnehmen. Erst Anfang April wurde ein 28 Jahre alter Küchenhelfer zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er im vergangenen Sommer innerhalb weniger Wochen 102 Autos in Brand gesetzt hatte.

Trotz der Zunahme vieler Delikte gibt es aber auch positive Entwicklungen. Denn in den Bereichen Körperverletzung, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, Internet-Betrug und Rauschgiftdelikte sind die Zahlen rückläufig. So gab es mit 41.771 Straftaten knapp 1500 weniger Fälle von Körperverletzung. Auch die Zahl der Sexualdelikte wie Vergewaltigung und sexuelle Nötigung sind um 7,8 Prozent zurückgegangen (635 Fälle). Ebenso rückläufig ist die Zahl der Kindesmisshandlungen (minus 20 Prozent auf 491 Fälle). Allerdings geben hier die Experten zu bedenken, dass die Zahl dieses Delikts generell starken Schwankungen unterliege. Viele Straftaten seien stark von der „Anzeigenbereitschaft“ der Menschen abhängig. Positiv ist auch, dass die Betrügereien im Internet um 2831 auf 15.608 Fälle zurückgegangen sind. Ebenso verhält es sich bei den Rauschgiftdelikten (minus 2,7 Prozent) und dem Drogenschmuggel (minus 13,4 Prozent).

Der Anteil von männlichen und weiblichen Tatverdächtigen ist nahezu gleich geblieben. So waren 26,3 Prozent der Täter Frauen. Knapp 31 Prozent der Verdächtigen waren nach Angaben der Polizei nichtdeutscher Herkunft.

Fälle immer seltener gelöst

Dramatisch jedoch ist, dass immer weniger Fälle aufgeklärt werden. So sank die Aufklärungsquote um 2,3 Prozentpunkte auf 46,1 Prozent. Damit ist die Quote zum wiederholten Male seit 2007 gesunken. Und: Seit zehn Jahren wurden noch nie so wenige Fälle aufgeklärt. GdP-Chef Michael Purper warnt davor, dass die Polizei kaum noch präventiv tätig werden könne. „Die Zahlen zeigen, dass wir die Aufgaben nicht mehr so bewältigen können, wie wir es gerne hätten“, sagt er. Die von Innensenator Frank Henkel (CDU) zugesicherten 250 zusätzlichen Polizisten bezeichnet der Gewerkschafter als „Tropfen auf den heißen Stein“. Noch seien die jungen Kollegen in der Ausbildung. „Aber auch wenn sie den Dienst antreten, werden sie nicht viel bewirken können“, so Purper.