Neue Debatte

Checkpoint-Charlie - zwischen "Halligalli" und Gedenken

Mit der Versteigerung der Grundstücke am Checkpoint Charlie im Mai ist dessen Zukunft wieder offen.

Foto: Massimo Rodari

Shai Hoffmann (30) verkauft frisch gepressten Orangensaft in einer kleinen schwarzen Hütte, die auf dem Ausstellungsgelände neben der sogenannten „Blackbox“ am Checkpoint Charlie steht. In diesem Informationspavillon, auf dem Grundstück der Friedrichstraße 47, will das Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart ab Sommer vom Kalten Krieg erzählen. „Wir grenzen uns ganz klar ab von dem ganzen Drumherum hier. Wir haben mit dem Freedom Park nichts zu tun“, sagt Hoffmann, Geschäftsführer einer Ausstellungs- und Cateringagentur. Er deutet mit einem Plastikhandschuh auf die gegenüberliegende Straßenseite.

Zu viel Fast Food und DDR-Kitsch

Dort, auf dem Grundstück der Friedrichstraße 205, wo am Osterwochenende der sogenannte „Freedom Park“ eröffnet hat, steht ein junger Mann in gläserner Bude. Ein Dönerspieß dreht sich neben ihm. „Das hier ist der neue Checkpoint Charlie“, sagt der Buden-Besitzer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er deutet auf den Platz zwischen den Glasbuden, auf dem fünf bunt bemalte Mauerstücke aufgestellt sind. „Auf der einen Ecke das Einstein-Café, ein paar Meter weiter McDonalds – Kommerz gibt es hier doch sowieso bereits“, sagt er. Warum regen sich die Leute also über die paar Buden so auf, fragt der Dönerverkäufer.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegner kann erklären, warum er sich über „Bretterbuden mit Fast Food und DDR-Kitsch“ aufregt. „Dieser Ort steht für die Teilung unseres Landes und der ganzen Welt und er symbolisiert die Freiheit“, erklärt er. Darum müsse er „würdevoll“ genutzt werden. Die Diskussion um den Kommerz am Checkpoint Charlie ist nicht neu. Sie hat nur eine neue Dimension bekommen, seit die zwei unbebauten Grundstücke an der Friedrichstraße am 10. Mai zwangsversteigert werden sollen. Ein neuer Investor könnte den Trend zum Erinnerungskitsch weiter verstärken, statt den Ort mit in eine Gedenkstätte zu verwandeln, so die Befürchtung.

Unterstützung bekommen die Kritiker der CDU von Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD). Auch er findet die aktuelle Situation „äußerst unbefriedigend“. „Am Checkpoint gibt es jetzt zu viel Halligalli“, sagt Hanke. Er würde es unterstützen, wenn sich der Bund gemeinsam mit Berlin Gedanken über eine „angemessene Würdigung“ des Ortes und über ein differenziertes Gedenken machen würde. „Man kann den Ort nicht einem privaten Investor allein überlassen“, sagt Hanke. Zwar könne der Bezirk durch Bebauungspläne und Baugenehmigung auf Neubauten an der Friedrichstraße einwirken, aber man müsse die historische Verantwortung für ein Investment an diesem Ort deutlich machen.

Kulturverwaltung ist optimistisch

Auf dem Grundstück der Hausnummer 205 haben sechs der acht Buden den Betrieb noch nicht aufgenommen. In einer noch leerstehenden Glashütte berät sich ein indischer Geschäftsmann mit seinen Mitarbeitern. Er wolle bei der Zwangsversteigerung auf jeden Fall mitbieten, sagt er. Ansonsten: kein Kommentar.

Für das Gelände gegenüber, das Grundstück mit der Hausnummer 47, war bisher ein Neubau geplant, in den auch das neue „Museum des Kalten Krieges“ einziehen sollte. Ob auch ein möglicher neuer Investor daran interessiert ist, bleibt offen. Die Kulturverwaltung zeigt sich weiter optimistisch. Monica Geyler-von Bernus dagegen sieht die Zukunft für ihr temporäres Projekt hier nun wieder in Frage gestellt. Sie ist die Geschäftsführerin des Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart, die das Grundstück Nummer 47 erst seit November vergangenen Jahres anmietet.

„Ich hoffe auch, dass der neue Eigentümer ein wenig Zeit braucht, um ein neues Gebäude auf dem Grundstück zu bauen“, sagt sie. Ihr Mietvertrag mit dem aktuellen Zwangsverwalter des Grundstücks läuft zwei Jahre, mit Option auf eine Verlängerung bis Oktober 2014. Geyler-von Bernus wünscht sich eine würdevolle Nutzung des Geländes. Man brauche nun eine kurze und heftige Debatte, sagt sie. „Viel Zeit bleibt bis zum 10. Mai ja nicht. Das sind ein paar Tage.“