Gasometer-Areal

Wind und Sonne bringen die Energiewende in Schöneberg

Immer mehr Firmen und wissenschaftliche Institute ziehen auf das Euref-Gelände in Schöneberg. Dort wird ihr Stromverbrauch genau analysiert.

Foto: Christian Kielmann

Noch können die Mieter auf dem Euref-Gelände ohne Strom aus dem öffentlichen Netz nicht auskommen. Doch das könnte sich in absehbarer Zeit ändern. Fünf Windräder drehen sich bereits auf dem Gelände und der Wunsch von Euref-Chef Reinhard Müller ist es, dass er demnächst auch noch welche auf dem fast 80 Meter hohen Gasometer installieren lassen darf. Noch fehlt dafür allerdings die Genehmigung. Mit der Nutzung von Wind und Sonne hat die Energiewende auf dem Euref-Gelände dennoch längst begonnen.

Christian Balint vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), das auf dem Euref-Areal im sanierten Messelbau seine Räume hat, hat alles im Blick. Auf der Bildschirm-Leitwarte des neuen sogenannten „Micro Smart Grid“ sieht er in Echtzeit, wer auf dem ehemaligen Gasag-Gelände wann wie viel Strom verbraucht. Die Realdaten wertet die NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mit Sitz am Hackeschen Markt aus.

Talk-Show als Stromfresser

Einen „Wahnsinnsausschlag“ gibt es beispielsweise jeden Morgen um sechs Uhr, wenn die Putzfrauen das Licht anmachen. Außer am Wochenende. Das Ziel ist zwar, irgendwann mit lokalen regenerativen Energien unabhängig vom Stromnetz zu sein, doch das Pilotprojekt ist erst vor wenigen Wochen gestartet. Jetzt geht es darum, erst einmal Transparenz zu schaffen und zu schauen, wann die hohen Ausschläge sind und wie man sie besser, das heißt günstiger und vor allem umweltschonend, steuert. So sollen möglichst viele Speicher zur Verfügung stehen, um die produzierte Wind- und Sonnenenergie zu sammeln. In den Hochlastzeiten kann man sich dann daraus bedienen.

Auf dem Bildschirm des „intelligenten Stromnetzes“, wie das Smart Grid auch genannt wird, wird die lokale Erzeugung der Energie durch Wind und Sonne grün dargestellt. Die fünf Windräder, die extrem leise sind, damit sie in der Stadt niemanden stören, bringen dabei jeweils eine maximale Leistung von einem Kilowatt, also 1000 Watt. „Momentan messen wir auf Haus 4, wo die Anlage steht, 570 Watt, damit können fast zehn Laptops laufen“, sagt Balint. Wie hoch der Anteil von grünem Strom an dem Energiemix ist, der auf dem Gelände verbraucht wird, soll demnächst ausgerechnet werden. Ebenso die überschüssige regenerative Energie, die derzeit noch ins öffentliche Netz eingespeist wird. Denn noch gibt es auf dem Euref-Gelände außer einer Riesen-Batterie für die Elektro-Autos keine ausreichenden Kapazitäten, um den grünen Strom zu speichern.

Gerade das Aprilwetter mit Wolken und ständiger Verschattung gilt als unbeständig: „Solch ein wechselhaftes Wetter spiegelt sich sofort in einer kleiner werdenden Erzeugung wieder. Schnell geht es von 40 Kilowatt auf 13 runter“, so Balint. Diese würden erst mal ins Netz gehen und später dann wieder herausgezogen werden. „Statt den Strom einzuspeisen, wäre es besser, ihn zu speichern und ihn dann bei Schwankungen zu nutzen.“ Eine zweite Batterie solle deshalb für zusätzliche Speicherkapazitäten angeschafft werden.

Mit Groß-Batterien könnten auch die großen Verbrauchsspitzen abgefedert werden, die an jedem Sonntag erzeugt werden. Talkfans wissen warum: Immer sonntags talkt Günther Jauch live aus dem Schöneberger Gasometer. Wenn die Scheinwerfer angehen, die Büros und der Besucher-Container sich füllen und die Fernsehsendung produziert wird, geht damit ein Riesen-Stromverbrauch einher. Die Scheinwerfer erzeugen eine enorme Hitze. Deswegen muss die durchsichtige Zeltkuppel im Gasometer, in der fast 300 Besucher Platz haben, besonders gut durchlüftet werden.

Diese teure Spitzenlast könnte zukünftig durch Strom abgefedert werden, der am Sonnabend und am Sonntagvormittag in Batterien gespeichert wird. „Unter Umständen muss nachts geladen werden, wenn sonntags keine Sonne scheint. Aber diese Spitze abzuschneiden, wäre klug, denn die kostet richtig viel Geld“, sagt Christian Balint. Er und seine Kollegen freuen sich, wenn es windig ist und die Sonne scheint. Ihre Devise lautet: Strom sparen kann Spaß machen, und Mobilität von morgen macht nur Sinn, wenn mit grünem Strom geladen wird. Doch bis dahin werden noch eine Menge Zahlen analysiert werden müssen. Das Smart Grid, das intelligente Stromnetz, läuft erst seit wenigen Wochen im Probebetrieb.

Auch für die Elektro-Auto-Flotte, die das InnoZ als Forschungsprojekt betreibt, spielt Energie die Hauptrolle. „Da wir den Grünstrom noch nicht speichern können, müsste eigentlich dann geladen werden, wenn der größte Anteil grün vorhanden ist, nämlich als Schnellladung in der Mittagssenke“, hat Balint ausgerechnet. Dann würden die Autos tatsächlich emissionsfrei fahren. Schon heute werden der sanierte Messelbau und die transparente Veranstaltungskuppel im Gasometer nahezu klimaneutral versorgt – mittels eines Biogas-Blockheizkraftwerks und zweier Wärmepumpen mit Kraft-Wärme-Kopplung.

Studierende ziehen ins Kesselhaus

Reinhard Müller, Eigentümer des Euref-Campus, steht unterdessen im historischen Maschinen- und Kesselhaus, in dem sich einst die Heizzentrale für das gesamte Areal befand und das inzwischen komplett entkernt ist und gerade für seine neue Nutzung mit Hörsälen und Seminarräumen umgebaut wird. Ab Sommer wird hier die Technische Universität mit einem An-Institut einziehen und ab Herbst Masterstudiengänge zu Energiethemen anbieten. Das Audimax ist fast fertig. Ende April wird dort der Deutsche Hochschultag tagen. Gerade bespricht Müller, der von Hause aus Architekt und Stadtplaner ist, wie das Bauteam in dem mehr als 100 Jahre alten Gebäude mit den Rissen in den Steinen verfahren soll: „Ich würde das lassen. Die Risse haben statisch keine Bedeutung. Wo die Fuge ist, da müssen wir ausbessern, aber die Steine bleiben, die Wand soll steinsichtig bleiben“, sagt er. Auch die mit viel Lackfarbe überstrichene Holzdecke in dem alten Industriegebäude hat Müller sandstrahlen lassen und so das ursprüngliche Aussehen wieder hervorgeholt. Gerade bei Altbauten darf man nicht „kaputt bauen“, ist seine Devise. Die These von manch anderen Architekten, es sei einfacher neu zu bauen als ein Denkmal zu sanieren, teilt er nicht. Man müsse nur mit den Fehlern, die die Zeit mit sich gebracht hat, richtig umgehen, findet er. Seine Handschrift tragen auf dem Euref-Campus auch schon die sanierte Schmiede und der ebenfalls denkmalgeschützte Messelbau.

Das neue Campus-Cafe hat Müller genau in die Mitte zwischen TU und dem Mercator Research Institute geplant, das in Kürze den linken Teil des alten Kesselhauses beziehen wird. Bis zu 45 Mitarbeiter werden in dem Forschungsinstitut arbeiten. Die Leitung hat Ottmar Edenhofer, der Vize-Direktor des Potsdamer Instituts für Klimaforschung, übernommen.

„Mercator ist aus wissenschaftlicher Sicht die spektakulärste Ansiedlung, die wir auf dem Gelände haben. Berlin kann ungeheuer stolz darauf sein, dass die Mercator Stiftung 17 Millionen Euro für dieses Klimaforschungsprojekt ausgegeben hat“, sagt Müller. Zusammen mit der TU Berlin und dem bereits angesiedelten Klimaforschungsprojekt der EU, dem Climate-KIC, sei bereits jetzt ein europaweit einmaliger Verbund zwischen nachhaltiger Wachstumsforschung, Klimaforschung und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Stadt von Morgen auf dem Euref-Campus angesiedelt.