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Offline unterwegs mit Interneterklärer Beckedahl

40.000 Menschen klicken täglich seine Seite netzpolitik.org an. Morgenpost Online war mit dem Netzaktivisten Markus Beckedahl spazieren.

Foto: M. Lengemann

Markus Beckedahl sagt beim Spaziergang durch Prenzlauer Berg, er sei als Kind ein „Nerd“ gewesen. Er sagt: „Nööörd“. Nerd, dieses englische Wort ist ungefähr so alt wie das Internet. Es beschreibt meist Männer, die schon mit vier Jahren eine Brille tragen, die so gut in Mathematik sind, dass ihre Mitschüler sie hänseln. Die als Jugendliche schon mit Aktien handeln, wenig Sport machen und sozial als, nun ja, schwierig gelten.

Aber wenn Markus Beckedahl gleich zu Beginn unseres Treffens am Pfefferberg in Prenzlauer Berg sich selbst so bezeichnet, nimmt er dem Wort irgendwie die giftige Kraft. Er trägt erst seit seinem neunten Lebensjahr eine Brille, aktuell ein eher unscheinbares Kassenmodell mit dunklem Rand, Stärke minus 4,5. Für das Foto nimmt er sie ab. Auch mit Aktien hat er nie wirklich gehandelt. Mit 23 Jahren hatte er sich für 100 Euro in einen „todsicheren Fonds“ eingekauft, so das Versprechen einer Bankberaterin. Nun ist er 35 Jahre alt, und die Anteile sind 20 Euro wert. Auch beim Thema Sport passt Beckedahl nicht in das Nerd-Klischee. Er hat als Jugendlicher sechs Jahre Karate-Unterricht genommen, sich nacheinander den gelben, orangefarbenen, grünen und blauen Gürtel erkämpft. Ihn in der Schule zu hänseln war keine gute Idee. Dabei hat er noch nie zugeschlagen in seinem Leben. Aber er könnte es, wenn er muss, sagt er.

Den ersten Nerd-Test hat er zunächst einmal bestanden. Wir können loslaufen. Das Ziel des Spaziergangs will er nicht in der Zeitung lesen. Es ist seine Wohnung, die im Kiez am Helmholtzplatz liegt. Dort will er sich später noch etwas auskurieren. Er hat eine Erkältung, und in ihm wüten gerade die Wirkstoffe Acetylsalicylsäure gegen ein Fieber und Pseudoephedrin gegen die anschwellenden Nasenschleimhäute. Der Onliner macht also gerade eine wirklich grundsätzliche Offline-Erfahrung. Aber diesen Schutz seines Privatlebens macht er nicht aus Eitelkeit. Er will nur seine „Daten“ schützen. Für einen Netzaktivisten und Deutschlands bekanntesten Blogger ein ganz normaler Wunsch.

Auf seiner Website netzpolitik.org schreibt er fast täglich über die Veränderungen in der digitalen Welt, rund 40.000 Menschen klicken die Seite jeden Tag an. Beckedahl ist Mitglied im Medienrat der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, ist Mitgründer des Vereins Digitale Gesellschaft, Ende Mai erscheint sein erstes Buch mit dem gleichen Namen, und er hat zusammen mit dem Blogger Johnny Häusler die dreitägige Konferenz „re:publica“ gegründet, die am 2. Mai zum sechsten Mal in Berlin beginnt.

Dieser Mann hat also zurzeit so viel gleichzeitig zu tun, dass es nichts Besonderes ist, dass fünf Minuten nach Beginn des Spaziergangs sein Mobiltelefon klingelt. Er schaut es aber nur an und stellt es ab. Markus Beckedahl ist nun offline. Das ist selten der Fall, doch er ist nicht der Einzige, dessen Leben sich häufig online abspielt. Wir leben in einer Zeit, in der die meisten Deutschen über eine Stunde pro Tag bei Google, Twitter, YouTube, Facebook und Co. verbringen. Die Zahl der Nerds dürfte sich vervielfacht haben.

Kohleheizung und WLAN-Anschluss

Wir überqueren die Straße und laufen in einen alten Hinterhof. Dort stehen Blumenkübel, ein Stuhl, eine kleine Badewanne mit Regenwasser, und es gibt schmutzige, blind gewordene Fenster. In diesem Haus tragen vielleicht heute noch Menschen Kohleeimer in ihre Wohnung, in der es zwar keine Fernheizung, aber dafür einen WLAN-Anschluss gibt.

WLAN, das sind die kleinen Funknetze, über die man schnell ins Internet kommen kann. Sie sind meist durch ein Passwort geschützt, aber mit dem Smartphone kann man zumindest sehen, welche Namen sie haben. Acht Netze sind hier im Hof zu erreichen, ihre Namen sind kryptisch: „Dcm“, „Ntc“, „Rmx“.

Markus Beckedahl zeigt auf den ersten Stock im Vorderhaus. Dort sei ein Internet-Start-up eingezogen. Vielleicht wird dort, während wir hier stehen, gerade das nächste große Internetding geplant. Vielleicht ist es eines, an dem sich Hollywood-Stars wie Ashton Kutcher beteiligen, der auch hier investiert hat, an der sogenannten „Silicon Allee“, wie die Schönhauser Allee wegen der vielen IT-Unternehmen genannt wird. Es ist eine Straße mit sehr vielen Nerds.

Der Sitz von Markus Beckedahls Firma ist im Nachbarhaus: Dort geht es nicht um das nächste große Ding, sondern um das Internet insgesamt. „Newthinking“ heißt die Firma, die er zusammen mit Freunden vor neun Jahren gegründet hat. Sie alle glauben an das „neue Denken“ im Netz. Neben netzpolitik.org wird dort an Konzepten gearbeitet. Zum Beispiel daran, wie man möglichst viele Menschen auf einer Konferenz mit dem Internet verbindet. Die Mitarbeiter denken auch darüber nach, wem ein Zitat im Netz gehört oder ob es wirklich die Internetgemeinde war, die den einen, den anderen oder beide Bundespräsidenten gestürzt hat. Diese Themen sind sehr komplex, und die Ergebnisse ihres Nachdenkens teilen Entwickler wie Beckedahl dann mit Politikern, mit Lobbyisten, mit Journalisten.

Als wir an der Schönhauser Allee weiter Richtung Norden laufen, wo die WLAN-Netze ausgefallene Namen tragen wie „Br@inc@ndy“ oder „Blechfrosch“, wird Markus Beckedahl für kurze Zeit zu dem, was unter seinem Namen auf der Visitenkarte steht: ein „Interneterklärer“. Das steht dort wirklich. Er habe zuvor den englischen Begriff hierfür benutzt: „Evangelist“.

Ähnlich wie die Überlieferer der frohen Botschaft muss er seine Ansichten häufig wiederholen. Aktuell spricht er viel vom Urheberrecht, also dem Recht von Künstlern an ihrem Werk. „Das muss einfach komplett reformiert und ans Internetzeitalter angepasst werden“, sagt er. „Natürlich sollen Autoren an ihren Büchern im Netz weiter Geld verdienen können“, sagt er. „Aber wenn ich ein E-Book kaufe, dann kann ich es auch nicht verschenken oder verkaufen, ich kann es noch nicht einmal verleihen.“ Ähnlich sei es bei Musik oder Filmen. „Als damals die Leerkassette auf den Markt kam, haben damals auch alle geschrien, dass so der Musikmarkt einbrechen würde, das ist nicht geschehen.“ Da sei aber das goldene Zeitalter der Musikindustrie mit der Erfindung der CD gerade erst angebrochen.

Derzeit ist die Aufregung in der Kulturwelt groß. Einer, der sich am lautesten meldete, war kürzlich Sven Regener. Der Berliner Sänger (Element of Crime) und Buchautor („Herr Lehmann“) hat zum Urheberrecht in einem Radiointerview gesagt, was er von denen hält, die sich seine Musik kostenlos herunterladen: „Das ist nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt.“ Seitdem haben sich auch andere Künstler geäußert. Die Musikindustrie sagt, dass drei Millionen Deutsche ihre Musik illegal aus dem Netz holen.

Markus Beckedahl hält dagegen und sagt, dass der Verkauf von Musik im Netz stark gestiegen sei, als die Preise für Musikdownloads sanken und der Kopierschutz für die Lieder entfernt wurde. Generell hält er wenig davon, dass sich Künstler zu diesem Thema äußern wie in dieser Woche auch im „Handelsblatt“. Sie verstünden im Zweifel ähnlich wenig davon wie Politiker. Es sei heutzutage fast unmöglich, mit einem Facebook-Account keine Urheberrechtsverletzung zu begehen, weil man schnell bei Videos oder Texten auf „Share/Teilen“ klickt. „Vielleicht wäre tatsächlich eine Pauschalabgabe auf Kulturnutzung im Internet eine Lösung.“

Beckedahl hat noch viel mehr zu diesem Thema zu sagen. Als wir die Schönhauser Allee, die Straße der Internetnerds, verlassen und Richtung Kollwitzkiez laufen, erklärt Beckedahl noch, was es mit Acta auf sich hat, dem Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen. Dieses Abkommen soll EU-weit umgesetzt werden und wird jeden Internetnutzer betreffen. Es geht dabei wieder um Urheberrecht, aber auch um die Überwachung der WLAN-Netze. Hier, mitten im Kollwitzkiez, haben sie sehr sympathische Namen: „Boulegott“, „Ewige_Blumenkraft“ oder „Drei_blinde_Mäuse“.

Wir reden über den Moment, als die Online-Rechte-Thematik plötzlich ganz real wurde. Das war am 11. Februar, als Beckedahl mit Freunden die erste Demonstration gegen Acta organisierte. Bei der Polizei waren 600 Beteiligte angemeldet. Doch durch Facebook und Twitter erfuhren mehr Menschen davon. Es kamen 10.000. „An diesem Tag ist Acta zu einem Symbol geworden“, sagt er. „Das haben viele noch nicht verstanden.“ Es geht nicht um den Künstler, dem man seine Gage nicht gönnt, für Beckedahl geht es um den Internetnutzer, der nicht bei jedem seiner Online-Schritte überwacht wird. Es ist also eine neue Freiheitsdiskussion, bei der beide Seiten nachvollziehbare Argumente haben.

Je näher wir Beckedahls Heimatkiez kommen, desto mehr erzählt er auch über sich, sein Leben, das sich ohne Internet anders entwickelt hätte. Er hat über das Netz Freunde kennengelernt, sich auch mal verliebt. Online-Netzwerke faszinieren ihn noch immer, er untersucht sie, da passt es gut, dass er 3078 Facebook-Freunde hat. Manche seiner besten Freunde aber, sagt er, seien nicht bei Facebook. „Ich merke es dann daran, dass ich sie bei Treffen fragen muss, wie es ihnen geht.“

Privates bleibt geheim

Inzwischen haben wir den Helmholtzplatz erreicht. Wir laufen in einen Kiezladen, schauen uns Magazine an. Da liegt die neue „c't“, eine Zeitschrift für Computertechnik, die mit einem Virenscanner wirbt. Ganz klar ein Heft für Nerds. Beckedahl sagt, er habe die „c't“ schon mit 16 Jahren gelesen. Damals gründete er gerade seine kleine Firma. Er hat im Großhandel Festplatten und andere Bauteile eingekauft und sie weiterverkauft. Das waren ein paar Hundert Mark im Monat extra. Seine Eltern mussten für ihn unterschreiben, damit er die Firma gründen konnte.

Neben der „c't“ liegt die „De:bug“, eine Zeitschrift für „elektronische Lebensaspekte“. Auf ihrem Titel fordert sie: „Masken runter“. Auch das ist ein Thema in der digitalen Welt und für Markus Beckedahl: die mögliche Anonymität. Er will nicht, dass zu Persönliches über ihn hier im Artikel und später im Netz steht. Er postet im Netz auch nie Privates. Ungesunde Gewohnheiten könnten die Krankenkasse interessieren, sein Familienstand kennen nur er und seine Freunde.

Wir setzen uns in ein Café. Markus Beckedahl ist immer noch offline, obwohl hier fast 20 WLAN-Netze verfügbar sind, neben „Horschti“ und „EgonOlsen“ auch das offene Netz „Wohnzimmer“. Er könnte sich hier einloggen, seine E-Mails lesen oder in seinem Blog stöbern. Doch er genießt das Abschalten.

Zum Abschalten schaltet er Serien ein, wie „Mad Men“ oder „Big Bang Theory“, eine Serie über: Nerds. Er kennt die Clubs „Berghain“ und „Kater Holzig“ von innen, war Ende März beim Konzert der Band Deichkind. Bei solchen Gelegenheiten wird er manchmal angesprochen: „Hey, ich les' dein Blog!“ Er sagt, dass seine Freundin es manchmal nicht verstehe, dass er zu Hause am Abend doch noch diesen einen Text schnell online…

Nur manchmal überlegt er, was aus ihm geworden wäre, wenn er das Abitur bestanden hätte. Er brach die Schule in der 13. Klasse ab, ausgerechnet wegen einer Sechs in Mathe. Vielleicht hätte er jetzt einen Job in irgendeiner Technikfirma. „Ohne Abitur musste ich mich mehr durchboxen“, sagt er. „Ich musste improvisieren.“ Sozial schwierig zu sein, konnte er sich jedenfalls schlicht nicht leisten.

Markus Beckedahl ist also im Grunde eher ein Anti-Nerd. Oder ein Nerd im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Es kommt vom englischen Wort für betrunken, „drunk“. US-Highschool-Schüler haben es rückwärts ausgesprochen, „knurd“, und damit ihre Freunde geärgert, die kein Bier trinken wollten. Eigentlich war es nie eine Beleidigung, sondern bedeutet: „sehr, sehr nüchtern“.

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