Repräsentantenversammlung

Geringe Wahlbeteiligung bei Jüdischer Gemeinde

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin bekommt eine neue Führung. Rund 9000 Mitglieder waren am Sonntag aufgerufen, eine neue Repräsentantenversammlung zu wählen. Doch nicht einmal jeder dritte Wahlberechtigte kam.

Eine Thorarolle-

Eine Thorarolle-

Foto: Jens Büttner/ZB/dpa

Lediglich 27,03 Prozent der 9134 Wahlberechtigten haben sich am Sonntag an den Wahlen für die neue Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin beteiligt. Dies teilte der Wahlausschuss am Montag mit. Gewählt wurden 21 Gemeindevertreter. Die meisten Stimmen entfielen dabei auf die beiden früheren Vorsitzenden der Gemeinde, Alexander Brenner und Gideon Joffe.

Ob einer von ihnen Nachfolger der nicht mehr kandidierenden Vorsitzenden Lala Süsskind wird, ist offen. Ihre bisherige Stellvertreterin Mirjam Marcus verpasste knapp den Einzug in die Repräsentantenversammlung. Im Januar 2012 soll diese einen neuen Vorstand bestimmen. Die bisherige Vorsitzende Lala Süsskind trat nach vier Jahren im Amt nicht erneut an.

Die Verantwortung der 21 künftigen Repräsentanten und ihres Vorstandes ist beachtlich, hat Deutschlands größte Jüdische Gemeinde neben Fragen der Integration unterschiedlicher kultureller und religiöser Strömungen doch vor allem millionenschwere Finanzprobleme zu lösen.

Streitpunkt sind in erster Linie überhöhte Renten, die die Gemeinde vor Jahren ihren Mitarbeitern zusicherte, dauerhaft aber gar nicht zahlen kann. Rund 16 der insgesamt 27,6 Millionen Euro im Haushalt der Gemeinde sind allein für Personalkosten und Renten verbucht. 800.000 Euro für Betriebsrenten sind im aktuellen Budget noch nicht gedeckt. Dazu kommen 4,5 Millionen Euro zu viel gezahlter Altersbezüge, die die Gemeinde dem Land Berlin ersetzen muss.

Um die Verschuldungsspirale zu stoppen, leitete der scheidende Vorstand unter Lala Süsskind 2008 einen konsequenten Sparkurs ein. Rund 100 Personalstellen wurden abgebaut, Immobilien verkauft. Zusatzrenten erhalten neue Beschäftigte nicht mehr. Das ehemals aufgelaufene Defizit von mehr als 2,5 Millionen Euro konnte so immerhin weitgehend abgebaut werden. Diese Politik allerdings entfachte heftige Auseinandersetzungen, die im Wahlkampf auch in Form anonymer Mails Blüten trugen. 62 Kandidaten haben sich für die 21 Repräsentantensitze zur Wahl gestellt, einige haben sich zu Wahlbündnissen zusammengeschlossen.

Eigentlich wollen alle Frieden

Um das Amt des Vorsitzenden bewerben sich derzeit für die Gruppe „Koach!“ der Süsskind-Vorgänger und Wirtschaftswissenschaftler Gideon Joffe, in dessen Amtszeit die Schulden immer weiter gewachsen waren, sowie Süsskinds Stellvertreterin Mirjam Marcus. Die 58-Jährige tritt für das Wahlbündnis „Verantwortung Jetzt!“ an, dass den Konsolidierungskurs fortsetzen will.

Zur bisherigen Opposition der Repräsentantenversammlung gehört der aus Russland eingewanderte Sergey Lagodinsky. Der Rechtsanwalt stellt sich im Namen der Gruppierung „Schalom“ zur Wahl. Das Wahlbündnis namens „Hatikwa“, welches ebenfalls zu den Kritikern des alten Vorstands gehört, hat noch keinen Spitzenkandidaten benannt, kämpfte dafür aber bis zur letzten Minute um Stimmen. So wurden Gemeindemitglieder, die ins Gemeindehaus in Charlottenburg gekommen waren, noch am Tor von einer „Hatikwa“-Werberin empfangen, was lautstarke Empörung bei Anhängern konkurrierender Gruppierungen auslöste. Dabei wollen eigentlich alle nichts mehr als Frieden. Sie hoffe, dass endlich Ruhe einkehre, meinte eine 37 Jahre alte Schönebergerin, die mit ihrem Mann und Sohn in die Fasanenstraße gekommen war.

Die Jüdische Gemeinde brauche eine Spitze, die vermitteln könne, sagte auch eine russischstämmige Jüdin aus Steglitz. Dass dies in Kürze zu erreichen sei, glaubt die 34 Jahre alte Mutter allerdings nicht. Streit gehöre in jeder politischen Gemeinschaft dazu, meinen dagegen Michael und Marina Birow. Letztere kandidiert für „Verantwortung Jetzt!“ und macht sich für die Einheitsgemeinde stark. Fremdenführer Dov-Bernhard Galmor-Geier, der seine Stimmabgabe gleich dazu nutzte, Besuchern aus Israel das Zentrum an der Fasanenstraße zu zeigen, sorgt sich allerdings um die Außenwirkung der zerstrittenen Gemeinschaft. „Das Wichtigste ist der Kopf “, plädierte Galmor-Geier für eine Person an der Spitze, die die Berliner Juden würdig und wirksam repräsentiere. Man müsse beweisen, „dass wir weiter demokratisch und verantwortungsbewusst hier leben wollen“.