Jüdische Gemeinde

Lala Süsskind will nicht mehr kandidieren

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Brigitte Schmiemann

Foto: Christian Kielmann

Nach vier Jahren gibt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, ihr Amt auf. Im Dezember sind Wahlen. Ihr Nachfolger muss sich dann erst einmal mit den Finanzproblemen der Gemeinde auseinandersetzen.

Vier Jahre hat Lala Süsskind an der Spitze der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gestanden. „Es war eine intensive Zeit, aber die Familie ist total zu kurz gekommen“, sagt die noch amtierende Vorsitzende. Aus diesem Grund kandidiere sie nicht mehr.

Am 4. Dezember wird die Repräsentantenversammlung, das Parlament, neu gewählt. 62 Kandidaten stehen für die 21 Sitze in dem Gremium zur Wahl. Sie haben sich teils in Wahlbündnissen zusammengeschlossen. Die Aufgaben, die die neuen Repräsentanten zu lösen haben, sind nicht einfach. Der Sparkurs muss fortgesetzt werden, um die massiven Finanzprobleme in Griff zu bekommen.

Das sieht auch Mirjam Marcus (58) so. Bislang ist sie die stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde und Dezernentin für Schule, Jugend und Erziehung. Jetzt tritt sie als Spitzenkandidatin des Wahlbündnisses „Verantwortung Jetzt!“ an. Die in Berlin geborene Dozentin wünscht sich, dass möglichst viele Menschen in die neue Repräsentantenversammlung gewählt werden, die sich bereits dort engagiert haben: „Die wissen nämlich, dass neben den alltäglichen Gemeindebelangen die Sicherung der Finanzen für die Zukunft das wichtigste Thema ist“, sagt sie. Im selben Wahlbündnis engagiert sich auch Micha Guttmann (64), ehemaliger Generalsekretär des Zentralrats. Wegen der desolaten Finanzsituation sei die Jüdische Gemeinde zu Berlin existenziell bedroht. Der Zuzug der Zuwanderer aus den ehemaligen Gus-Staaten, der die Gemeinde vor große – auch integrative – Herausforderungen gestellt hatte, sei dennoch richtig gewesen: „Wir haben eine lebendige Gemeinde und können auch auf die Arbeit des jetzigen Vorstands aufbauen.“

Es muss weiter gespart werden

Wirtschaftswissenschaftler Gideon Joffe, der die Gemeinde vor Lala Süsskind zweieinhalb Jahre führte, tritt ebenfalls an. Er ist der Spitzenkandidat des Wahlbündnisses „Koach!“, was hebräisch ist und „Stärke“ oder „Kraft“ bedeutet. Gideon Joffe will erneut an die Spitze und sagt: „Eine Lösung der Betriebsrenten kann nur in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und dem Senat erfolgen.“ Wegen des Sparkurses dürften bewährte Einrichtungen wie das jüdische Pflegeheim aber nicht geschlossen werden. Vor allem brauche die Gemeinde nicht nur ein Gymnasium, sondern auch wieder eine Schule für Kinder, die kein Abitur anstreben.

Sergey Lagodinsky, Spitzenkandidat der Gruppe „Schalom“, würde als neuer Vorsitzender als erstes einen Kassensturz machen und möglichst die Einnahmen durch verstärktes Einwerben von Spenden erhöhen. In seiner Gruppe gebe es die unterschiedlichsten Meinungen, aber alle würden letztlich an einem Strang ziehen: „Uns geht es nicht darum, andere schlecht zu machen. Wir wollen mit Fantasie, Herz und Seele die Aufgaben lösen.“ Bei Neubesetzungen von Stellen müsse man restriktiv sein, bei der Rentenfrage auch die Rechte der Arbeitnehmer verteidigen, so der Anwalt und Publizist.

Die Finanzprobleme sind enorm: 27,57 Millionen Euro beträgt der Haushalt der Jüdischen Gemeinde im kommenden Jahr. Davon sind fast 16,3 Millionen Euro Personalkosten und Renten. 835.000 Euro, wovon der größte Anteil von rund 800.000 Euro allein für Betriebsrenten bereitgestellt werden muss, sind noch nicht gedeckt. Übernommen hatte die Geschäfte der Vorstand Anfang 2008 mit einem jährlichen Defizit von mehr als 2,5 Millionen Euro. Schulgelderhöhung, Personalabbau – die Jüdische Gemeinde musste sparen, weil durch überhöhte Betriebsrenten jedes Jahr neue Minusbeträge anfallen und in vielen Bereichen auch eine Reorganisation nötig war. Im April 2008 wurde die Notbremse gezogen, neue Beschäftigte erhalten keine Zusatzrente mehr.

Einschnitte für Mitarbeiter

Doch das Problem der bestehenden überhöhten Renten ist bislang noch nicht gelöst, weil Rentenzusagen nicht einfach zurückgenommen und reduziert werden können. Der Senat fordert jedoch die zuviel gezahlten Summen zurück. Von der vom Senat ursprünglich zurückgeforderten Summe in Höhe von 5,9 Millionen Euro muss die Gemeinde noch den Rest von 4,5 Millionen Euro zahlen. „Das geht nur durch Erhöhung der Einnahmen oder durch Vermögensverkäufe“, sagt Jochen Palenker, Finanzdezernent und Vorstandsmitglied.

Zum Ende der Amtszeit ist ein Antrag eingebracht worden, der Einschnitte in die Pensionsverpflichtungen vorsieht. Etwa die Hälfte der Mitarbeiter ist betroffen. Gab es im Jahr 2007 noch 407 Beschäftigte, sind es heute nur noch 323 in 292 Vollzeit-Stellen. Von ihnen arbeitet der Hauptteil als Lehrer, Erzieher und Pflegekräfte in Schulen, Kitas und Heimen sowie auf den Friedhöfen der Jüdischen Gemeinde. Senat und Gemeinde verhandeln noch über ein Sanierungspaket.