Vierbeiner zu Gast

Wo Berliner Hunde ins Hotel einchecken können

In Berlins größtem Hundehotel in Charlottenburg kümmern sich die Tierpsychologin Astrid Lutz und elf Mitarbeiter stunden- oder tageweise um Hunde, wenn ihre Herrchen beschäftigt beziehungsweise verreist sind. Beliebt bei den Vierbeinern ist die Hotel-Fressbar.

Foto: Marion Hunger

Loumi kündigt sich mit einem Quietschen an. Dann schießt sie wie vom Katapult abgeschossen um die Ecke auf ihr Herrchen zu, der im Rezeptionsbereich des „Hundehotel Berlin“ auf sie wartet. Immer wieder springt sie an Michael Schäfer hoch. Als er in die Knie geht, drückt sie ihm mit ihrer Schnauze nasse Hundeküsse auf. Der 42-Jährige fährt mit den Fingern durch ihr goldbraunes Fell. Es ist 19 Uhr – Zeit für die dreijährige Mischlings-Dame, nach Hause zu gehen. Wie dreimal die Woche hat sie den Tag zusammen mit 28 weiteren Vierbeinern verbracht.

Das „HHB“ in Charlottenburg ist das größte Hundehotel im Zentrum Berlins. Hier kümmern sich die Tierpsychologin Astrid Lutz und elf Mitarbeiter stundenweise oder für mehrere Tage um die Hunde, wenn ihre Herrchen beschäftigt oder verreist sind. Vom auf der Website angekündigten „Luxusstandard“ ist aber auf den ersten Blick wenig zu spüren. Die Räume sind groß, mit beigefarbenem Linoleumboden ausgelegt und wirken fast steril. Der Geruch von Hundefell und Putzmittel vermischt sich in der Nase. „Luxus hat bei uns nichts mit Pling-Pling und goldenen Wasserhähnen zu tun“, sagt Astrid Lutz. Die 42-Jährige trägt Jeans und Turnschuhe und hat ihre langen, braunen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Ihre Stimme ist klar und hell. Sie klettert ein paar Töne höher, wenn sie mit ihren vierbeinigen Gästen spricht. Exklusivität bedeute für sie, dass die Hunde rund um die Uhr in der Gruppe betreut werden. Deswegen gebe es keine Einzelzwinger, sondern Hundekörbchen mit braunen Fließdecken. Blaue Druckbuchstaben an den Wänden verraten, in welchem Raum man sich befindet. „Wilde Kerle“ – hier sollen vor allem die jungen Hunde spielen. Für gemächlichere Naturen ist „Alte Hasen“ das Richtige.

Der Hund soll nicht allein sein

Es ist halb neun Uhr morgens. In der „Fressbar“, in der eine Parade blecherner Näpfe steht, liegt Labrador Benjie allein in einem Hundekörbchen. Angeleint. Er wirkt etwas bedrückt. Denn vom Hinterhof hört man Hundegebell. Benjie will raus. Aber Lutz erklärt, dass die Hunde um der Gesundheit willen nach dem Fressen eine Stunde ruhen müssen.

Viele Kunden der Tierpsychologin sind berufstätig. „Sie wollen ihre Hunde nicht mit ins Büro nehmen. Bei uns sollen sie sich wie zu Hause fühlen“, sagt sie. Loumis Herrchen Michael Schäfer ist Architekt, seine Frau arbeitet bei einer Modekette. „Wir bringen sie hierher, weil wir sie nicht den ganzen Tag allein lassen wollen“, sagt Schäfer. Rund 20 Stammkunden nutzen das Hotel als Tagesstätte. Elf Hunde sind derzeit Übernachtungsgäste. Auch Touristen bringen ihre Tiere vorbei, wenn sie etwa in die Oper gehen möchten. Eine Stunde kostet drei Euro, ein Pensionstag 35 Euro.

Um halb zehn sind alle Tagesgäste eingetroffen. Jetzt geht es zusammen mit den Übernachtungsgästen auf die Spielwiese. Astrid Lutz und zwei Tierpflegerinnen laden die Hunde in einen Kleinbus. Loumi scheint das suspekt zu sein. Schüchtern sitzt die Hündin in einer Ecke. „Sie ist unsere Grande Dame“, sagt Lutz. Vor dreieinhalb Jahren machte ihr Herrchen Michael Schäfer mit seiner Lebenspartnerin Urlaub auf Zypern. An einer Autobahnraststätte sticht ihm ein Welpe mit einer Wäscheleine um den Hals ins Auge. Als er abends zurückkehrt, ist die Raststätte menschenleer. Aber die kleine Hündin sitzt immer noch da. Schäfer fasst sich ein Herz und nimmt sie mit.

Die Hündin habe das gut verkraftet, sagt Astrid Lutz. Sie fährt den Kleinbus in Richtung Spielwiese. Immer wieder stupst sie eine feuchte Schnauze an, die zwischen den Vordersitzen hervorlugt. Sie gehört zu Paul, einem Labrador. Sanft schiebt sie die Schnauze wieder zurück.

110.000 Hunde in Berlin gemeldet

Ihre Fingernägel sind rot lackiert. Ein bisschen gibt ihre Maniküre etwas von ihrer Vergangenheit preis. 14 Jahre lang machte Lutz in der Modebranche Karriere, zuletzt als Managerin für ein italienisches Modeunternehmen. Sie arbeitete in dieser Zeit 16 Stunden am Tag, fuhr 100.000 Kilometer im Jahr mit dem Auto.

Bis sie eines Tages körperlich am Ende ist. Diagnose: Burn-out. Nach einem halben Jahr kämpft sie sich zurück in die Branche, funktioniert weiter – bis sie im Flugzeug nach Paris sitzt. „Hast du auch schon das neue Sauerstoffspray?“, fragt sie ein Kollege. „Nein, wieso brauche ich das?“, entgegnet Lutz. „Damit dein Teint beim Fliegen nicht austrocknet.“ Das sei für sie wie ein Weckruf gewesen: „Ich dachte, was mache ich hier eigentlich? Bin ich das wirklich?“

Astrid Lutz steht auf dem eingezäunten Grundstück im Kronprinzessinnenweg und beobachtet Balu, einen Schäferhund. Er ist heute das erste Mal hier. „Die Hunde müssen sozial verträglich sein.“ Bis zwölfUhr toben die Tiere hier. „Hunde sind das einzige Hobby, das mich dauerhaft gefesselt und nicht mehr losgelassen hat“, sagt Lutz.

Im Fernstudium studiert sie Tierpsychologie und gründet nach ihrem Ausstieg aus der Modebranche eine Welpengruppe in Hannover. 2002 eröffnet sie eine Hundeschule in Berlin, die über die Jahre immer mehr an Zulauf gewinnt. Auch der moderne Großstädter will nicht auf einen Hund als treuen Sozialpartner verzichten. Derzeit sind in Berlin 110.000 Hunde gemeldet. „Ich hatte die Vision eines Hotels im innerstädtischen Bereich“, sagt Astrid Lutz. Seit Mitte September ist das „HBB“ in der Leibnizstraße geöffnet.

Kuscheln und erzählen

Die Hundebesitzer können auch Trainings, Tierarzt- und Friseurbesuche für ihre Lieblinge buchen. Um 22 Uhr ist Nachtruhe im „HBB“. Dann müssen die Übernachtungsgäste in ihre Körbchen im „Schlummerland“. So hat Astrid Lutz die beiden Schlafzimmer getauft. „Zum Einschlafen erzählen wir den Hunden Geschichten und kuscheln mit ihnen“, sagt sie. Was man Hunden erzählt? „Wie gut sie aussehen.“ Lutz hat eine Sechs-Tage-Woche. „Aber die Arbeit macht Sinn, und die Hunde geben einem sofort etwas zurück.“

Es ist 19 Uhr. An der Rezeption trudeln Hundebesitzer ein, die ihre Tiere aus der Tagesstätte abholen. Auch Michael Schäfer erkundigt sich, wie es heute gelaufen ist. „Es war alles entspannt. Loumi hat einen Mittagsschlaf gemacht“, erzählt Tierpflegerin Katharina. „Schön“, sagt Schäfer und krault Loumi. Dann verabschiedet er sich mit seiner Hündin. Ob es nicht schwer ist, sie wieder gehen zu lassen? Astrid Lutz nickt. „Natürlich baut man eine Bindung zu den Tieren auf, vor allem, wenn sie zwei oder drei Wochen bleiben. Aber die meisten sehe ich ja wieder.“ Auch Stammgast Loumi steht nächste Woche wieder auf der Matte.