Inklusion

Warum Berlin mehr Schulhelfer braucht

Seit ihr Sohn in die Grundschule geht, hat Nicole Atmaca keine ruhige Minute mehr: Sinan leidet an einer Entwicklungsstörung, hat Herzprobleme. Eigentlich stünde ihm ein Betreuer zu. Doch dem Bezirk fehlt dafür das Geld.

Foto: David Heerde

Nicole Atmaca ist mit ihren Nerven am Ende. Seit ihr Sohn Sinan die erste Klasse der Lichtenrader Grundschule am Dielingsgrund besucht, hat sie keine ruhige Minute mehr. Ständig ist sie in Sorge, dass es Sinan schlecht gehen könnte oder die Schule sie anruft, weil etwas mit seinem Blutdruck nicht stimmt. „Ich bin immer auf dem Sprung“, sagt die Mutter.

Sinan leidet an einer Entwicklungsstörung, hat Herz- und Darmprobleme. Vor der Einschulung wurde ihm deshalb ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert. Einen Schulhelfer aber hat er nicht bekommen. Das ist auch der Grund, weshalb sich seine Mutter zunehmend Sorgen um ihn macht. „Mein Sohn braucht einen medizinisch geschulten Helfer, der seinen Blutdruck kontrolliert und mit ihm zur Toilette geht“, sagt sie. Die Schule am Dielingsgrund habe zwar eine Schulhelferin, die müsse sich aber um mehrere Kinder in verschiedenen Klassen kümmern und sei daher oft nicht rechtzeitig zur Stelle.

Viele Eltern sind in Not

Die bezirkliche Schulaufsicht hat Frau Atmaca zwar zugesichert, dass bei Bedarf ein Schulhelfer aus der Nachbarschule schnell mit dem Auto kommen würde. Im Notfall könne die Schule außerdem den Notruf der Feuerwehr in Anspruch nehmen, hieß es. Für die Mutter ist das aber keine Lösung. „Oft ergibt sich von einer Minute zur anderen, dass Sinan Hilfe braucht“, sagt sie. Da könne er nicht warten, bis der Schulhelfer aus der anderen Schule da ist. In einem solchen Fall die Feuerwehr anzurufen sei unverhältnismäßig und obendrein viel zu teuer.

Für Frank Heldt vom Landeselternausschuss (LEA) ist Sinan kein Einzelfall. Als Sprecher der LEA-Arbeitsgruppe Inklusion, die sich dafür einsetzt, dass behinderte Kinder an Regelschulen lernen können, kennt er viele Eltern, deren Anträge für Schulhelferstunden abgelehnt worden sind. „Es ist einfach nicht genug Geld dafür da“, sagt Heldt. In Spandau und Tempelhof-Schöneberg sei zu Anfang dieses Schuljahres nicht einmal die Hälfte der beantragten Schulhelferstunden bewilligt worden. In den anderen Bezirken sehe das ähnlich aus.

Eine neue Vorschrift der Bildungsverwaltung verschärft jetzt die schwierige Situation. Laut Heldt dürfen die Jugendämter keine zusätzlichen Betreuungsstunden für förderbedürftige Kinder mehr bewilligen. „In der Vergangenheit war das möglich, wenn die Schule des Kindes nicht ausreichend mit Schulhelfern ausgestattet war“, sagt Heldt. Das Jugendamt habe dann Einzelfallhilfe genehmigt und damit eine angemessene Betreuung des Kindes gesichert.

Monika Herrmann (Grüne), Jugendstadträtin in Friedrichshain-Kreuzberg, bestätigt, dass die Jugendämter keine rechtliche Handhabe mehr haben, Eltern mit förderbedürftigen Kindern zusätzliche Unterstützung für den Besuch einer Regelschule zu gewähren. Viele Familien kämen deshalb in Notsituationen.

„Wir müssen umdenken“, fordert Herrmann. Bei der Entscheidung darüber, wie viel Hilfe einem Kind gewährt wird, müssten dessen Bedürfnisse ausschlaggebend sein und nicht die Vorschriften der Bildungsverwaltung. Ihr Vorschlag: Jeder Bezirk sollte einen Förderausschuss einrichten, in dem Vertreter des Jugendamtes, der Schulaufsicht und Eltern gemeinsam festlegen, wie viel Hilfe ein Kind braucht.

Sinan soll an der Regelschule lernen

„Der Ausschuss sollte zunächst über den Umfang der Eingliederungshilfe entscheiden, den das Jugendamt bewilligt“, sagt Herrmann. Danach müsse festgestellt werden, welche Hilfe das Kind darüber hinaus an der jeweiligen Schule benötigt.

In der Bildungsverwaltung geht man indes davon aus, dass die Schulen ausreichend gut mit Schulhelfern ausgestattet sind. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), sagt, dass es darauf ankomme, die eigentliche Zielgruppe gut zu versorgen. Schulhelfer seien vor allem für die integrative Beschulung von schwerbehinderten Kindern da. Kindern mit sonderpädagogischem Förderstatus und verhaltensauffälligen Kindern stünden indes nur noch zehn Prozent des Etats für Schulhelfer zu, der in diesem Jahr insgesamt 8,7 Millionen Euro betrage.

Für Nicole Atmaca sind derartige Aussagen ein Schlag ins Gesicht. Die 40 Jahre alte Mutter kann derzeit weder arbeiten gehen, noch den Hortplatz in Anspruch nehmen, der ihrem Sohn bis 14.30 Uhr zusteht. „Die Situation an der Schule lässt mir einfach keine Ruhe“, sagt sie. Schließlich sei sie für Sinan verantwortlich und könne nicht zulassen, dass er nur unzureichend betreut wird. Die Mutter weiß, dass das an einer Förderschule anders gewesen wäre. Doch sie hat sich bewusst dafür entschieden, Sinan an einer Regelschule anzumelden. „Er hat bereits einen integrativen Kindergarten besucht und dort viel von den anderen Kindern gelernt“, sagt sie. Sie habe sich gewünscht, dass es so auch an der Schule weitergehen wird. Leider sei das nicht der Fall. „Die dortige Schulhelferin tut zwar ihr Bestes und rennt zwischen den einzelnen Klassen hin und her, in denen hilfebedürftige Kinder auf sie warten. Doch sie schafft es einfach nicht, für alle gleichermaßen da zu sein.“ Hinzu komme, dass die Situation vollkommen ins Kippen gerät, wenn die Schulhelferin krank wird.

Nicole Atmaca ist verzweifelt. Und sie weiß, dass viele Eltern ähnliche Probleme haben. „Wir wollen keine Rundumbetreuung für unsere Kinder“, sagt sie. Wichtig sei aber, dass geschulte Helfer da sind, wenn die Kinder sie brauchen. Dafür werde sie auch weiterhin kämpfen. „Wenn das gemeinsame Lernen aller Kinder gewollt wird, muss die Schule auch entsprechend ausgestattet werden“, sagt die Mutter. Die Feuerwehr sei dafür jedenfalls nicht zuständig.

Die Eltern wollen diese Zustände nicht mehr länger hinnehmen. Geplant ist, dass Vertreter des Landeselternausschusses und verschiedener Behindertenverbände sich am 28. Oktober mit Mitarbeitern der Abteilung 2 der Bildungsverwaltung treffen, die für Schulentwicklung zuständig sind. Gegenstand der Diskussion sollen sowohl der Einsatz von Schulhelfern als auch die Umsetzung des gemeinsamen Lernens von behinderten und nicht behinderten Kindern sein.