SEK-Einsatz

Dieses Kommando schützt den Papst in Berlin

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Michael Behrendt

Foto: Massimo Rodari

Die Einheiten SEK und MEK der Berliner Polizei bereiten sich zurzeit auf den Besuch von Benedikt XVI. in Berlin vor. Von technischen Überwachungen bis zur operativen Bekämpfung von Terroranschlägen übt die schlagkräftige Truppe alle möglichen Szenarien.

Eben sahen sie noch ganz nett aus. Junge Männer, durchtrainiert. Ihre Körperhaltung macht deutlich, dass Gefahr zu ihrem Alltag gehört und sie trotz lockerer Sprüche zumindest im Job keinen Spaß verstehen. Dann verschwinden bunte T-Shirts unter kugelsicheren Westen, freundliche Gesichtszüge hinter schwarzen Masken und unter Titanhelmen. Bewaffnet mit Pistolen und Sturmgewehren und geschützt durch ein 16 Kilo schweres Eisenschild, üben die vier Männer des Berliner Spezialeinsatzkommandos (SEK) an einem geheimen Ort das Eindringen in Wohnungen. Sie arbeiten an Taktiken, gehen das Ganze nochmals durch, obwohl all dies in den Einsätzen schon zur Routine geworden ist. Kollegen schauen zu, geben hier einen Tipp, machen da eine scherzhafte Bemerkung. Siegfried-Peter Wulff, Chef aller rund 700 Kräfte vom LKA6 der Berliner Polizei – darunter 69 Frauen – und von drei SEK-Hunden ist zufrieden. „Die Angehörigen der Spezialeinheiten müssen sich immer wieder aktuell auf neue Bedrohungslagen einstellen. Die kriminelle Welt hat sich verändert“, sagt Wulff.

Eine schlagkräftige Truppe mit riesiger Verantwortung und großen Aufträgen. So werden sie am 22. und 23.September, unterstützt von zahlreichen Bereitschaftspolizisten und weiteren Einsatzkräften, den sicheren Ablauf des Papstbesuches in Berlin gewährleisten müssen. Im vergangenen Jahr wurden sie zu insgesamt 2500 Einsätzen angefordert. Der Berliner Morgenpost gewährten die Spezialeinsatzkräfte jetzt einen Einblick in die Vorbereitungen.

Die Männer vom SEK stellen mit rund 100 Beamten im LKA6 nur einen kleinen personellen Posten dar. Mehrere Mobile Einsatzkommandos (MEK) – ursprünglich für Observationen ausgebildet – bilden jetzt nach einer Umstrukturierung den Großteil der Abteilung. Neben den beiden Bereitschaftspolizeiabteilungen ist das LKA6 die dritte Operativabteilung der Hauptstadt-Polizei.

Die Aufgaben des LKA6: Hochrangige technische Überwachungen, spezielle Aufklärungsaufträge im Rocker- und Türstehermilieu, Observationen im Bereich der organisierten Kriminalität sowie Personen- und Zeugenschutzaufgaben. Bei der operativen Bekämpfung schwerer und schwerster Gewaltkriminalität wie Geiselnahmen, Erpressungen, Entführungen und Amokläufen sowie Terroranschlägen arbeiten das SEK und die MEKs eng zusammen. Allein in Berlin gab es in den vergangenen 20 Jahren etwa 20 Geiselnahmen, 100 Erpressungen und 50 Entführungen, bei denen die Berliner Spezialeinheiten eingesetzt wurden. Die terroristische Bedrohung hat sich seit den Anschlägen des 11.September 2001 verändert – und ist deshalb Schwerpunkt im täglichen Trainingsplan dieser Einheiten.

Bereits 20.000 Einsätze absolviert

Bundesweit wurden die Spezialeinheiten ursprünglich zur Bekämpfung des Terrorismus aufgestellt. Seit dem ersten Berliner SEK-Einsatz am 11. April 1973 hat diese Truppe ungefähr 20.000 Einsätze bewältigt. Dabei musste fünf Mal die Schusswaffe eingesetzt werden, wurde ein Täter getötet und zwei leicht verletzt. Im Jahr 2003 wurde der Elitepolizist Roland Krüger bei der Erstürmung einer Wohnung in Neukölln erschossen. 29 Terroristen der RAF und der Bewegung 2.Juni konnten in den 70er-Jahren in Berlin festgenommen werden.

„Früher hatten wir es mit der RAF zu tun. Diese war zwar äußerst brutal und hat zahlreiche Morde begangen, allerdings hat diese Organisation gezielte Anschläge gegen Einzelpersonen und ihre Personenschützer begangen“, sagt LKA-6-Chef Wulff. „Heute wollen Terroristen möglichst viele Opfer mit einem Anschlag treffen. Massengeiselnahmen wie beispielsweise im russischen Beslan sind zu befürchten, der Einsatz von sogenannten Selbstmordattentätern stellt neue Anforderungen an die Spezialeinheiten.“

Mindestens einmal im Jahr findet in Berlin eine Großübung mit allen Einheiten des LKA6 statt, in denen solche Szenarien nachgestellt werden. „Machen wir uns nichts vor, Deutschland hat im Hinblick auf den Terrorismus bislang auch Glück gehabt“, sagt Wulff weiter. „Dass wir zumindest Rückzugsgebiet für Terroristen sind, zeigt der Aufenthalt der Todespiloten des 11.September in Hamburg. Dass Deutschland aber auch im Fokus steht, haben die gescheiterten Anschlagspläne der beiden Kofferbomber im Juli 2006 gezeigt.“

Irgendeiner von Wulffs Beamten ist eigentlich immer zum Informationsaustausch oder gemeinsamen Training im Ausland unterwegs – sei es bei den kroatischen, niederländischen und britischen Polizei-Spezialeinheiten oder gar den amerikanischen Navy Seals, die sich vor einigen Jahren beim SEK Berlin aufhielten. Daneben misst man sich bei internationalen Vergleichswettkämpfen. Zuletzt fand im Juni 2011 zum 11. Mal die von der GSG9 ausgerichtete „Combat Team Conference der Spezialeinheiten“ in St.Augustin bei Bonn statt. Diese gilt als inoffizielle Weltmeisterschaft der Spezialeinheiten. Berlins Elitepolizisten belegten den achten Platz.

Im täglichen Einsatz beschäftigt vor allem die zunehmende organisierte Kriminalität die Spezialeinheiten. „In Berlin war die Rocker-Auseinandersetzung zwischen den Hells Angels und den Bandidos besonders deutlich zu spüren“, sagt ein MEK-Angehöriger. „Unsere Aufgabe besteht unter anderem darin, zusammen mit der Fachdienststelle bewaffnete Auseinandersetzungen zu verhindern, von Waffen- und Drogenlieferungen zu erfahren und zusammen mit dem SEK und den Aufklärern Clubräume und Privatanschriften zu durchsuchen.“ Wegen der Brisanz der Einsätze werden Identitäten und Taktiken der Beamten geschützt. Doch gerade die gut betuchten Großfamilien, die sich in Berlin durch Waffengeschäfte und Schutzgelderpressungen, durch Drogen- und Menschenhandel zu einer Gefahr für die Sicherheit der Stadt entwickeln, versuchen durch geschickte Manöver regelmäßig, hinter diese Geheimnisse zu kommen. So ist es nach Auskunft von Wulff keine Seltenheit, dass bei Prozessen gegen Angehörige dieser Clans gleich mehrere Anwälte sitzen und mit geschickten Fragen versuchen, das Vorgehen der Polizei zu durchleuchten.

Die Einsatzbeamten selbst sind in erheblicher Gefahr. Immer wieder werden in entsprechenden Internetportalen Bilder von Angehörigen der Spezialeinheiten veröffentlicht, um diese und deren Familien einzuschüchtern. „Vor vielen Jahren wurde ein MEK-Beamter, der in der Rockerszene zur Aufklärung eingesetzt war, von einem Rocker in seiner Freizeit gezielt angegriffen und schwer verletzt“, berichtet Wulff. „Ein zur Aufklärung in der rechten Szene eingesetzter Beamter wurde auf seinem Heimweg von mehreren Personen von hinten angegriffen, bewusstlos geschlagen und in einem nahe gelegenen Waldstück liegengelassen. Der Polizist musste aufgrund seiner erlittenen Verletzungen vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden.“ Ein ähnliches Schicksal traf einen Aufklärer in der linksextremistischen Szene, der von mehreren maskierten Personen attackiert worden war.

Als einziges Bundesland hat Berlin ein SEK, das rund um die Uhr im Einsatz ist, um innerhalb von 30 Minuten an jedem Ort der Stadt sein zu können. Die Anforderungen für einen Einstieg in diese Einheit sind extrem hoch, nicht selten überstehen gerade einmal 40 Prozent der Aspiranten den Aufnahmetest und den folgenden sechsmonatigen Basislehrgang. Ähnlich sieht es mit dem Nachwuchs für den Personenschutz aus. Für beide Bereiche sucht die Polizei gerade mit einer Ausschreibung geeigneten Nachwuchs. Der finanzielle Anreiz in Form einer Erschwerniszulage scheint kein Grund für die Bewerber der Spezialeinheiten zu sein, gerade einmal 153,39 Euro bekommt ein fertig ausgebildeter Elitepolizist des SEK sowie der der MEK einschließlich Personenschutz. Nach Informationen der Berliner Morgenpost haben der Bund, Thüringen, Bayern und Hessen die Zulage inzwischen deutlich erhöht.

Altersgrenze liegt bei 42 Jahren

Die Altersgrenze für die Verwendung beim SEK liegt bei 42 Jahren, danach warten andere Dienststellen. „Mittlerweile haben wir es eingerichtet, dass jeder SEK-Mann im Laufe seiner Dienstzeit ein vier Wochen langes Praktikum auf einem Abschnitt macht. Gerade diese Männer haben einen solch großen Erfahrungsschatz, dass sie zu einem großen Sicherheitsposten im alltäglichen Streifendienst werden können“, so Wulff. Obwohl inzwischen viele Elitepolizisten nach Erreichen ihrer Altersgrenze eine Anschlussverwendung auf einem Polizeiabschnitt gefunden haben, stößt der Gedanke an den normalen Streifendienst nicht bei allen Männern der rauen Truppe auf Gegenliebe.

Andreas J., Spitzname „Jassi“, aber hat dort genau seine Berufung gefunden. „Ich war 18 Jahre lang beim SEK, später sechs Jahre bei den verdeckten Ermittlern und bin nun im Basisdienst des Abschnitts 45.“ Bei Vorgesetzten wie Kollegen gleichermaßen gilt der 51-Jährige als Lotteriegewinn, weil er jungen Kollegen viel mitgeben kann und zudem zahlreiche Gefahrensituationen erlebt hat. „Ich wollte immer Menschen helfen. Früher habe ich Schwerverbrecher umgerannt, heute helfe ich der alten Dame, die von einer Gang überfallen wird und der ich durch die Festnahme der Täter die Geldbörse zurückgeben kann.“ Und außerdem, so J. weiter, sei der Funkstreifendienst oft nicht weniger gefährlich als der Dienst beim SEK. „Wenn ich früher in den Einsatz ging, wusste ich, was mich erwartet. Im Funkwagen ist das anders. Du wirst zur häuslichen Gewalt gerufen und schaust plötzlich in die Mündung einer Schrotflinte.“

Seine Dienststelle auf dem Abschnitt 45 befindet sich gegenüber der SEK-Unterkunft in Lichterfelde. Knapp 50 Meter sind es von Tür zu Tür, und auch heute noch geht „Jassi“ hin und wieder mit einem Blech Kuchen zu seiner alten Truppe. Auch an diesem Morgen steht er vor dem Dienstgebäude und unterhält sich mit dem Team, dass nach der Heimkehr von der Übung die Ausrüstung überprüft. Genau in diesem Moment kommt ein echter Einsatz rein, die SEK-Jungs müssen los. Aus dem davonrasenden großen BMW ist noch der Refrain von Tim Bendzkos Song „Nur noch kurz die Welt retten“ zu hören. Wulff schaut seinen Leuten nach. Ja, sie seien etwas anders als andere. „Aber genau solche Typen brauchen wir hier.“