Brandbrief

Neuköllner Lehrer senden Hilferuf an Zöllner

Nicht die Rütli-Schule, aber wieder Berlin-Neukölln: Die Lehrer der Heinrich-Mann-Schule wenden sich in einem Brandbrief an Bildungssenator Zöllner. Es herrschten Respektlosigkeit, Gewalt und Zerstörungswut. Dies betreffe nicht nur Einwandererkinder.

Es ist ein Akt der Verzweiflung. Die Pädagogen der Neuköllner Heinrich-Mann-Schule haben sich in einem Schreiben an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gewandt, um die zunehmende Respektlosigkeit, Gewalt und Zerstörungswut unter Schülern anzuprangern. Das berichtet das Nachrichtenmagazin „ Der Spiegel “. Wenige Wochen vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus beklagen die Lehrer in dem „Brandbrief“ eine „gesteigerte Missachtung gegenüber der Institution Schule“. So werde das Mobiliar zerstört, Müll auf den Boden geworfen und sogar in Aufgängen uriniert.

Auch bei deutschstämmigen Schülern seien „geringe Lernbereitschaft“ und „mangelhafte Sprachkenntnisse“ zu beobachten, heißt es weiter. Inzwischen fühlten sich die Lehrer nicht nur „erschöpft und frustriert“, sondern auch persönlich gefährdet. Im April habe laut „Spiegel“ ein Schüler seinen Lehrer mehrfach beleidigt und körperlich bedroht.

Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, bestätigte am Sonntag gegenüber Morgenpost Online den Eingang des Schreibens. Laut Stoffers sei der Brief allerdings bereits vor den Sommerferien abgeschickt worden. „Seitdem ist sehr viel passiert“, sagte sie. So habe die Schule drei neue Sozialarbeiter bekommen, zudem gebe es wieder eine regelmäßige Sprechstunde mit einer Schulpsychologin. Auch das Amt des Schulleiters, das seit November 2009 vakant war, sei wieder besetzt. „Die Schule ist auf einem guten, richtigen Weg“, sagte Stoffers. Im November gebe es zusammen mit der Schulaufsicht eine Zukunftskonferenz, um weitere Schritte zu planen. Vor zwei Jahren war die Schule laut Stoffers aus dem Bildungsverbund Gropiusstadt ausgetreten. Seitdem lag die Sozialarbeit an der Heinrich-Mann-Schule brach. Der Bildungsverbund setzt sich in dem sozial schwierigen Gebiet dafür ein, die Arbeit zwischen Schulen, Verwaltung, Sozialeinrichtungen und Unternehmen zu verzahnen.

„Unerträgliche“ Raumtemperatur

In dem „Brandbrief“ beklagen die Lehrer laut Magazinbericht aber nicht nur das zunehmend raue soziale Klima, sie monieren auch den baulichen Zustand der Schule. In den Räumen sei die Temperatur „unerträglich“. Senatssprecherin Stoffers verwies auf die energetische Sanierung, die gemeinsam mit dem Bezirk geplant sei.

Die Heinrich-Mann-Schule ist nicht die erste Berliner Bildungseinrichtung, die die unhaltbaren Zustände unter Schülern anprangert. Bereits vor fünf Jahren hatte die Neuköllner Rütli-Schule in einem öffentlichen Schreiben Alarm geschlagen. 80 Prozent der Schüler waren nichtdeutscher Herkunft. Die Pädagogen berichteten im Frühjahr 2006 von einem Klima der Angst und sozialen Verwahrlosung, das an der Schule herrsche. Der „Brandbrief“ der Rütli-Schule sorgte für eine bundesweite Diskussion über Bildungs- und Integrationspolitik. Die Rütli-Schule wurde auf diese Weise zu einem Symbol für eine gescheiterte Sozial- und Einwanderungspolitik. Inzwischen konnte die Schule aber erfolgreich gegen ihr Image ankämpfen. Zusammen mit einer Realschule, einer Grundschule und zwei Kindergärten hat sich die ehemalige Hauptschule unter neuem Namen zu einer Gemeinschaftsschule zusammengeschlossen.

Reibungsloser Start ins neue Schuljahr

Indes läuft das neue Schuljahr in Berlin bereits seit einer Woche. Und der Start ist offenbar reibungsloser verlaufen als in der Vergangenheit. Wochenlange Notstundenpläne und Unterrichtsausfall gebe es laut dem Vorsitzenden der Berliner Schulleiter, Paul Schuhkecht, diesmal nicht. Allerdings fehlen den Schulen immer noch 150 Lehrer. Viele junge Pädagogen, die in den Sommerferien bereits zugesagt hatten, sind kurz vor Beginn des neuen Schuljahrs doch wieder abgesprungen. Grund sind offenbar bessere Angebote aus anderen Bundesländern und die Chance auf eine Verbeamtung im öffentlichen Dienst, die Berlin seinen Pädagogen nicht mehr bietet.

Vor allem in den Mangelfächern wie Mathematik und Physik drohen laut Paul Schuhknecht schon bald größere Engpässe. Aus diesem Grund fordert der Vorsitzende der Berliner Schulleiter wieder eine Rückkehr zur Verbeamtung. Das könne die Abwanderung von Lehrern in andere Bundesländer stoppen.