Obdachlosigkeit

Rumänen leben auf Matratzen im Görlitzer Park

Nachdem sie ihre Bleibe in Tiergarten räumen mussten, haben mehrere rumänische Familien in der Anlage in Kreuzberg ihr Quartier aufgeschlagen. Der Bezirk hat Schwierigkeiten, eine geeignete Unterkunft für die 50 obdachlosen Menschen zu finden.

Foto: Massimo Rodari

Drei Matratzen liegen dicht beieinander auf dem Gitterboden. Darauf lehnen zwei ältere Frauen, drei Mädchen und fünf Jungen im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren. Auf einer Kante sitzt ein kleiner Junge mit Wintermütze und spielt zwischen den schmuddeligen Decken mit seinen Plastikautos. Daneben steht ein Tisch. Töpfe, Teller, Zucchini und ein gebrauchter Grill stecken in großen Kisten. Was sich auf den zehn Quadratmetern unter dem Dach des alten Bahngebäudes im Görlitzer Park befindet, ist alles, was die rumänische Großfamilie besitzt.

Etwa 50 Rumänen, darunter mindestens 20 Kinder, leben seit zwei Wochen in der öffentlichen Grünanlage in Kreuzberg. Weit und breit gibt es keine Toilette, kein fließendes Wasser. Um die Mülltonnen des Café Edelweiss, hinter dessen Mauern die Familie wohnt, stapeln sich Kisten, Kleidungsstücke, Wäscheständer und weitere Matratzen. Anwohner und Gastronomen beschweren sich zunehmend über die Übernachtungsgäste im Park. Andere kommen immer wieder vorbei und bringen Äpfel, Brot, Brei für die Kinder und frisches Wasser. „Ich bekomme selbst Hartz IV, aber ich wollte mal sehen, ob ich denen hier helfen kann“, sagt eine Anwohnerin und verteilt Joghurt an die Kinder. Ein Junge in Trainingshosen und Badeschlappen sagt: „Wir sind keine Zigeuner, wir brauchen eine Wohnung.“

Unterkunft wurde gekündigt

Ihre Bleibe an der Genthiner Straße 4 in Tiergarten musste die Familie zum 1. August räumen. Vermieter ist der gemeinnützige Verein Humanitas in Teltow. Der Vorsitzende Lutz Thinius verteidigt den Rauswurf. „Das Hauptproblem war der Lärm“, sagt Thinius. „Die Wohnungen, die ich an die Familien vermietet habe, waren restlos überbelegt.“ Bis zu 100 Menschen sollen in den drei Wohnungen zusammengelebt haben. Anwohner hätten sich immer wieder über den Geräuschpegel in dem Haus beschwert. Außerdem seien Windeln aus dem Fenster in den Hof geworfen worden, Fäkalien hätten im Treppenhaus gelegen und Nachbarn seien körperlich angegriffen worden.

600 Euro habe er für eine der unsanierten Wohnungen verlangt, „die Miete ist aber immer pünktlich gekommen“, sagt Thinius. Vor zwei Jahren habe der Humanitas-Vorstand die Wohnungen unrenoviert zur Verfügung gestellt, weil die Not der Familien so groß war und sie sofort einziehen wollten. Woher die Familie das Geld für die Miete habe, könne er auch nur vermuten: „Betteln, Autoscheiben putzen, Prostitution.“ Am Ende habe der Vermieter den Familien eine Ersatzwohnung in Spandau angeboten, die hätten die Rumänen aber abgelehnt.

"Unter Vorwand" aus der Wohnung gelockt

Das stimme nicht, sagt der Psychologe Pavao Hudik vom Verein Südost Europa Kultur. „Die Familien sind unter dem Vorwand, dass andere Wohnungen bereit stehen, aus der Wohnung gelockt worden. Kaum waren sie draußen, wollte der Vermieter von seinem Angebot nichts mehr wissen.“ Die Wohnungen an der Genthiner Straße seien in einem desolaten Zustand gewesen und normalerweise unvermietbar. Hudik bestätigt aber die Lärmbelästigung durch die Großfamilien an der Genthiner Straße. Als Touristen seien die Rumänen ursprünglich nach Deutschland gekommen. Später hätten sie ein Gewerbe für Gebäudeabriss und -reinigung angemeldet, wo sie allerdings keine Arbeit finden konnten.

Hudik arbeitet auch bei der Mobilen Anlaufstelle für Wanderarbeiter und Roma, die der Senat 2009 gegründet hatte, nachdem eine Wanderfamilie tagelang durch die Stadt gezogen war und ebenfalls im Görlitzer Park übernachtet hatte. Wichtig ist dem Psychologen, von Rumänen zu sprechen, auch wenn viele unter ihnen Roma seien. „Der rumänische Staat soll sich für seine Bürger verantwortlich fühlen und sich kümmern“, sagt er.

Schutz vor Verwahrlosung

Die FDP-Abgeordneten Sebastian Czaja und Sebastian Kluckert fordern, die Kinder der campierenden Familien in Obhut nehmen zu lassen, um sie vor Verwahrlosung zu schützen: „Das hätte zusätzlich den positiven Effekt, dass die Kinder von ihren Eltern und organisierten Kriminellen nicht zu Straftaten und Ordnungswidrigkeiten missbraucht werden können.“ Mitarbeiter des Jugendamtes und des Kindernotdienstes in Friedrichshain-Kreuzberg haben die Familien im Park besucht, sehen aber noch keinen akuten Grund, die Kinder von ihren Eltern zu trennen.

Franz Schulz (Grüne), Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, sagt: „Wir müssen dringend eine Lösung finden, um die Familien unterzubringen.“ Eine geeignete Unterkunft werde aber nur schwer zu finden sein, schließlich „reichen die Notwohnungen für so viele Menschen räumlich nicht aus“, sagt Schulz. Außerdem seien die Familienmitglieder in Mitte gemeldet, die Kinder gingen dort zur Schule. „Der Bezirk, in dem die Obdachlosen zuletzt gewohnt haben, ist für ihre Unterbringung zuständig.“

Unterdessen macht die FDP Druck auf den Senat. Er sollte die Probleme endlich anpacken anstatt die Bevölkerung vor Ort – insbesondere am Görlitzer Park – damit allein zu lassen. „Unterstützung bei der Suche nach neuen Wohnungen oder Heimkehrprämien gehören aus unserer Sicht nicht dazu, da sie zusätzliche Anreize für weitere Roma aus Rumänien und Bulgarien schaffen, nach Berlin zu ziehen“, so die FDP-Politiker. Psychologe Hudik vermutet: „Egal, wo sie wohnen, am Ende werden die Familien immer wieder rausgeschmissen.“