Giftige Spinne

Wie eine Tarantel im Gepäck nach Berlin reiste

Ein junger Sachse hat aus Afrika einen blinden Passagier mitgebracht. Entdeckt wurde er auf dem Berliner Ostbahnhof. Aus der Reisetasche krabbelte eine Tarantel. Sie hat jetzt bei einem Experten ein neues Zuhause fern der Heimat gefunden.

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Einen solchen Einsatz hat Andreas Jacobi (34) noch nicht erlebt. Die Werkzeuge, die der Streifen- und Kontrollbeamte am Dienstag im Berliner Ostbahnhof zur Hilfe nahm, waren eine leere Margarinen-Schachtel und ein 50 Zentimeter langer Schlagstock. Damit fischte der 34 Jahre alte Beamte in einer Reisetasche. In ihr befand sich gefährliche Fracht: Eine rund sechs Zentimeter große schwarze Tarantel hatte sich in dem Gepäckstück eingenistet.

Schon kurz zuvor hatte das unerwünschte Souvenir, das in der rechten Außentasche des Gepäckstücks aus Afrika nach Berlin gereist war, den Mitarbeitern im „Service Point“ des Bahnhofs einen Schrecken eingejagt. Gleichermaßen überrascht war der Besitzer der Tasche selbst, der gerade von einem Kurzurlaub aus Mosambik und Mali zurückgekehrt war. „Der 20-Jährige hatte seine Tasche offenbar im Zug vergessen und wollte sie nun am Service Point des Bahnhofs abholen“, erzählt Jacobi. Als der junge Sachse aus dem Landkreis Meißen die Seitentasche seines Gepäcks gegen 13.55 Uhr öffnete, um sich als Besitzer ausweisen zu können, fand er darin nicht nur seinen Ausweis – sondern auch eine afrikanische rund sechs Zentimeter große Spinne. Offenbar eine Tarantel.

„Mir war sofort klar, dass es sich wahrscheinlich um eine giftige Spinne handelt“, sagt Jacobi. Gemeinsam mit zwei Kollegen sicherte Jacobi den Achtbeiner dann in einer Margarine-Schachtel. „Das ging dann innerhalb kürzester Zeit“, sagt der Bundespolizist, dem so ein Einsatz bisher noch nicht untergekommen ist.

Tatsächlich sind derartige Funde von herrenlosen und exotischen Tieren, die als blinde Passagiere nach Deutschland reisen, eine Seltenheit. Anja Pester von der Bundespolizei, die für die Öffentlichkeitsarbeit am Ostbahnhof zuständig ist, erinnert sich an nur einen vergleichbaren Fall in den vergangenen Jahren. Der hatte aber ungleich mehr Aufmerksamkeit erregte: „Vor etwa zwei Jahren musste der gesamte Bahnhof Südkreuz wegen einer Schlange gesperrt werden“, sagt Pester. In der S-Bahn-Linie 25 entdeckten Passagiere eine 40 Zentimeter lange Natter, der die Feuerwehr später ein „beißwütiges“ und „aggressives Verhalten“ bescheinigte. Eine neue Heimat fand die giftige Schlange im Berliner Zoo, der in Ausnahmefällen herrenlose Tiere aufnimmt.

Ebenfalls ein jüngerer Fall eines exotischen Fundes landete vor Kurzem im Zoo: Erst im Mai erschreckte eine gefährliche Wanderspinne, die sich in einer Bananenkiste versteckt hatte, die Mitarbeiter eines Discounters in Neukölln. Die Spinne stammte ursprünglich aus Costa Rica. Wie die Tiere genau in Reisegepäck, Taschen und Kisten gelangen, bleibt meistens ungewiss.

So auch im Fall der am Dienstag gefundenen afrikanischen Tarantel, die zwar giftig, für den Menschen aber nicht lebensgefährlich ist, wie der Spinnenzüchter Norbert Knarr (45) sagt.

Die Bundespolizei hatte den Spinnen-Experten zum Ostbahnhof gerufen. Er bestätigte den Verdacht der Bundespolizei, dass es sich um eine Tarantel handelt, und nahm das Tier mit.

Er versorgt alle Tiere zuhause, in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung in Spandau. Einsam zumindest dürfte die Tarantel in Knarrs Wohnung nicht sein, der Spinnenzüchter hat über 1000 Vogelspinnen – und noch unzählige Echsen, Schlangen sowie Gespenst- und Stabschrecken. Knarr arbeitet eng mit der Polizei und den Behörden zusammen. „Anfang des Jahres habe ich von der Polizei aus Rudow eine Vogelspinne bekommen“, sagt Knarr. Erst neulich habe er eine weitere Spinne im Polizeirevier in Tempelhof abgeholt. „Die Tarantel ist aber die erste ihrer Art, die ich beherberge“, sagt der Spinnenzüchter. Deshalb wolle er sie ganz besonders pflegen. „Die Spinne ist von der langen Reise sehr abgemagert. Ich peppe sie richtig auf“, verspricht er. Ganz unversehrt ist das Tier auch nicht: Eines seiner Beine fehlt. „Das wächst aber mit der nächsten Häutung nach.“ Knarr hat 20 Jahre Erfahrung im Umgang mit Spinnen und Schlangen – dabei hat er sich früher, wie er erzählt, sogar vor ihnen gefürchtet. Doch das ist lange her.