Zöllner-Vorschlag

Wie die Charité zur Bundesklinik werden soll

Berlins Bildungssenator Zöllner hat einen Plan: Er will die Universitätsklinik Charité und das Max-Delbrück-Centrum verschmelzen – und ein deutsches Standford schaffen. Bei einer Diskussionsrunde von Morgenpost Online verriet er die Details.

Foto: Amin Akhtar

Gesundheit ist nicht nur ein existenzielles menschliches Bedürfnis, sondern auch ein Milliardengeschäft. Gerade für Berlin bietet die Gesundheitswirtschaft, zu der Pharmaindustrie, Medizintechnik und Software für Telemedizin ebenso gehören wie Arztpraxen und Krankenhäuser, eines der entscheidenden Zukunftsfelder, um die Wirtschaft nach vorn zu bringen.

Die Unternehmensberatung McKinsey hält in ihrer Studie über die Wachstumsfelder Berlins 10.000 neue Jobs im Gesundheitssektor bis 2020 für möglich. Das mag im Vergleich zum Tourismus wenig erscheinen, aber es sind hoch qualifizierte Arbeitsplätze. „Aus der Gesundheitswirtschaft entstehen starke Sekundäreffekte“, sagte Matthias Wernicke von McKinsey in einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde, zu der die Unternehmensberater und die Berliner Morgenpost in den Journalistenclub im Verlagshaus Axel Springer geladen hatten.

Zöllner verweist auf Bedeutung des Gesundheitssektors

Wernicke warnte davor, sich Wunschdenken hinzugeben: „Sind wir im internationalen Vergleich wirklich so gut?“, fragte er zu Beginn der Debatte, die sich über weite Strecken um die Zukunft der Universitätsklinik Charité als Leuchtturm der Berliner Gesundheitswirtschaft drehte.

Nach Einschätzung von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) ist die Bedeutung des Gesundheitssektors nicht hoch genug einzuschätzen: „Die Gesundheit ist das einzige klar umrissene Zukunftsfeld, das realistisch gesehen erschlossen werden kann“, sagte Zöllner. Deswegen sei es „das wichtigste Einzelthema für die Stadt“, die Charité weiter leistungsfähiger zu machen.

Verschmelzung von Charité und Max-Delbrück-Centrum

Der scheidende Senator legte seinen Plan offen: Die Charité und das Max-Delbrück-Centrum, ein Forschungsinstitut für molekulare Medizin aus der maßgeblich vom Bund finanzierten Helmholtz-Gesellschaft, soll mit der Charité verschmelzen. „Es geht nicht um Hilfe, sondern um Zusammengehen. Die Verwertung von Grundlagenwissen erreicht sofort eine neue Qualität, wenn sie in einem Laden stattfindet“, sagte der Senator.

Der Bund könnte der unter der Regie des Landes Berlin chronisch in Geldnot steckenden Charité finanziell auf die Beine helfen. „Wäre der Bund dabei, hätten wir die große Chance, als gemeinsame Einrichtung mit Stanford konkurrenzfähig zu werden“, sagte Zöllner mit Blick auf die reichen Universitäten und Forschungsstandorte in den USA: „Die Charité mit dem Delbrück-Centrum wäre unter den Top Zehn in der Welt.“

Charité als Wirtschaftstreiber für Berlin

Charité-Vorstandschef Karl Max Einhäupl sagte, es gehe nicht darum, die Besten in der Versorgung zu sein. „Da sind wir auch gut“, sagte der Professor. „Aber wir müssen als Wirtschaftstreiber für Berlin ein Faktor sein“, umriss Einhäupl die Aufgabe. Deshalb müsse die Politik in Berlin aufhören, die Charité „überwiegend als Problemfall und Kostenfaktor“ wahrzunehmen. Anderswo genieße die Universitätsklinik Strahlkraft: „100 Kilometer von Berlin entfernt ist Charité ein Heiligtum“, sagte Einhäupl. Das zeige der neue Rekord von 150 Millionen Euro eingeworbener Drittmittel, womit 2000 zusätzliche Stellen geschaffen werden.

Dennoch hat die Finanznot der vergangenen Jahre bereits Spuren hinterlassen, mahnte der gesundheitspolitische Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, Mario Czaja. Junge Spitzenwissenschaftler kämen nicht an die Charité, weil die Ausstattung hier schlechter sei als in Heidelberg oder München. Die Misere führte Czaja auch auf Webfehler in der Berliner Politik zurück. „Es gibt keine Politik aus einem Guss für die Charité“, sagte Czaja. Stattdessen blockierten sich die Senatoren für Wissenschaft, Gesundheit und Finanzen gegenseitig. „Das Land erfüllt seine Eigentümerrolle nicht“, sagte Berlins Handwerkskammer-Präsident Stephan Schwarz. Er riet, privates Kapital in die Charité hereinzunehmen. Das wiederum hält der Vorsitzende der Stiftung Charité, Detlev Ganten, nicht für hilfreich. „Wenn man eine Spitzenforschungsuniversität machen will unter deutschen Bedingungen, ist Privatisierung nicht der richtige Weg“, sagte der frühere Charité-Vorstandschef.

Wirtschafts-Staatssekretärin verweist auf Berlins Finanzprobelme

Andere Experten sehen das jedoch anders. Franz Dormann, Chef des Netzwerks Gesundheitsstadt Berlin, nannte die finanzielle Ausstattung der Charité im Vergleich zu anderen Elite-Einrichtungen „ein Trauerspiel: Es geht nicht ohne privates Kapital, das könnte zum Beispiel über die Charité-Stiftung kommen.“ Wirtschafts-Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt (Linke) verwies auf die Finanzprobleme der Stadt, die sich eben auch in der Uni-Klinik zeigten. Sie verwies aber auf die Förderung des Senats für Innovationen in Medizin und Biotechnologie: 17,7 Millionen Euro in 2010. „Wir haben noch kein gutes Projekt abgelehnt“, sagte Hartwig-Tiedt.

Lars Lindemann, Gesundheitsexperte der FDP-Bundestagsfraktion, sprach sich dafür aus, dem Sektor und besonders den Klinikkonzernen Charité und Vivantes „mehr Handlungsmöglichkeiten“ zu geben und „behördenähnliche Strukturen“ abzubauen. Charité-Chef Einhäupl forderte die Politik auf, dem Klinikum die Kompetenz zu geben, selbst Kredite aufzunehmen. So ließen sich kleinere Investitionen finanzieren, die sich in wenigen Jahren amortisieren würden.

Matthias Wernicke und Moderator Marius Schneider, stellvertretender Chefredakteur der Berliner Morgenpost, lenkten die Diskussion danach weg von der Charité. McKinsey-Mann Wernicke stellte aus seiner Erfahrung mit anderen Standorten fest, dass Berlin eben „nicht einzigartig“ sei. Auch die Pharmafirmen, die wie der US-Konzern Pfizer Vertriebsorganisationen in der Stadt eröffnet haben, kämen „nicht wegen der Charité nach Berlin, sondern wegen der Nähe zur Politik“.

Chance der Vernetzung

Wernicke verwies auf die großen Chancen, die gerade in einem Ballungsraum wie Berlin eine Vernetzung unterschiedlicher Angebote für die Patienten und für die Wertschöpfung bringen könnte: „Allerdings sehe ich in Berlin weniger Bereitschaft zur Kooperation als anderswo.“ Unternehmer bestätigten diesen Befund. Hadi Saleh, Deutschland-Chef von Biomet, einem international tätigen Hersteller von künstlichen Gelenken, fragt sich, was er wohl falsch gemacht hat in Berlin: „Ich bin nicht auf Gegenliebe gestoßen mit meinen Kooperationsaktivitäten, jetzt mache ich es selbst.“ Beate Kasel-Seibert von Parexel, einem Beratungshaus für die pharmazeutische Forschung, bestätigte Erfahrungen von „Bürokratie, Schwerfälligkeit, Empfindlichkeiten, Gerangel der Professoren. „Jeder will der Platzhirsch sein. Daran muss gearbeitet werden“, sagte Kasel-Seibert.

Rolf Dieter Müller, früher Chef der Berliner AOK und aktuell Berater des Netzwerks Health Capital Berlin-Brandenburg, warb dafür, Dinge auszuprobieren, weil es hier Kliniken, Software-Firmen, Apparate-Entwickler und vor allem Patienten in ausreichender Zahl gebe. „Wir sollten telemedizinische Ansätze in die Versorgung einführen“; sagte Müller. Andreas Haaf, Chef der Firma Healthway, verwies auf das „riesige Wachstumsfeld“, das die Prävention biete. Katrin Suder, Leiterin des Berliner McKinsey-Büros, sieht das ähnlich. In Berlin ließen sich Probleme für Deutschland zum ersten Mal lösen, zum Beispiel das der Kosten durch den Einsatz von Computertechnik. „Wir könnten hier Modellstadt werden, aber es fehlt der Gedanke, alles zusammen zu denken“, sagte Suder. „Wir müssen uns zusammentun“, warb Ganten, „und das funktioniert nur über Symbole.“ Das stärkste Symbol, über das Berlin in der Gesundheit verfügt, sei die Charité.