Risiko-Studie

Bei Stromausfall droht Berlin Ausnahmezustand

Käme es in der Hauptstadt zu einem Strom-Totalausfall, wäre Chaos die Folge, heißt es in einer Studie: Selbst die Polizei wäre nach zwei Tagen nicht mehr voll einsatzfähig - und in Problembezirken könnte es zu Ausschreitungen kommen.

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Die Hauptstadt ist nach Ergebnissen einer aktuellen Studie für einen längeren Stromausfall schlecht gewappnet. Selbst zentrale Einrichtungen wie Polizei, Feuerwehr oder Krankenhäuser können demnach lediglich für zwei Tage durch Notstrom ihren Aufgaben voll nachkommen. „In der Regel reichen die Kapazitäten beziehungsweise Tankreserven für einen Betrieb zwischen drei Stunden bis maximal 24 Stunden in Krankenhäusern“, heißt es in der Darstellung des Forschungsprojektes.

72 Stunden Notbetrieb mit Strom aus mobilen Aggregaten hält das Bundesforschungsministerium nach derzeitigem Stand des Wissens bereits für einen Ausnahmefall. Normalerweise kann nach Angaben der Verwaltung von maximal 24 Stunden Funktionsfähigkeit in zentralen Einrichtungen ausgegangen werden. Danach droht der Ausfall auch von Krankenhäusern und Einsatzkräften.

Initiiert wurde das Programm mit dem Titel „ TankNotStrom “ vom Bundesforschungsministerium, um Risiken wie Terroranschlägen, Großunfällen oder Naturkatastrophen wirkungsvoll begegnen zu können. Der Treibstoffversorgung kommt dabei eine zentrale Rolle zu: Auch mobile Notstromaggregate, wie sie das Technische Hilfswerk (THW) vorhält, sind vom Spritnachschub abhängig. Dieser allerdings stammt aus Zapfsäulen der Energieunternehmen, die ohne Stromversorgung nicht funktionieren. „Der Kraftstoff bleibt einfach in den Tanks“, heißt es im Projektszenario. Und: „Selbst die Polizei, die Feuerwehr und das THW sind auf die Kraftstoffversorgung durch öffentliche Tankstellen angewiesen.“

Erhöhtes Kriminalitäts-Risiko

Dramatische Auswirkungen hätte ein solcher Totalausfall nach Ansicht von Birgitta Sticher, Professorin im Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HTW), auch für die psychologische Lage in der Stadt. „Wir verlassen uns darauf, dass der Staat für Krisenfälle vorgesorgt hat“, sagt die Psychologin, die sich im Rahmen des Projektes mit Fragen des Sicherheitsmanagements befasst. Werde diese Erwartung enttäuscht, steige gerade in Problemkiezen, wo soziale Strukturen ohnehin defizitär sind, das Risiko von Kriminalität und Übergriffen.

„Die Menschen dort werden schnell ungeduldig, sie fühlen sich ungerecht behandelt“, so Sticher. Das Krisenkonzept der HTW für den Katastrophenschutz sieht deshalb vor, Berlin unter sozial- und infrastrukturellen Aspekten – wie etwas Siedlungsdichte, Zahl alter Menschen, Kriminalitätsschwerpunkte und ähnliches mehr – kleinräumig einzuteilen. Je nach Sozialstruktur sollten Anlaufstellen definiert werden, die den Menschen im Krisenfall unabhängig von Radio, Fernsehen und Internet Hilfe und Information bieten.

An Vorsorgemaßnahmen, damit dieser Notfall gar nicht erst eintritt, arbeiten im Rahmen des Forschungsprojektes neben der Senatsverwaltung für Inneres mit dem Katastrophenschutz auch wissenschaftliche Einrichtungen und private Unternehmen. So tüfteln die Technische Universität Berlin und Projektleiter TimeKontor AG mit Sitz in Prenzlauer Berg an Systemen zur Sicherung der Treibstoffversorgung. Diese werden am Beispiel der Berliner Charité und der Feuerwehr entwickelt. Das Beratungshaus HiSolutions AG befasst sich mit dem Krisenmanagement in der Privatwirtschaft. Das Programm mit einem Finanzumfang von rund 2,6 Millionen Euro und 12 großen Projektpartnern läuft noch bis Mai 2012. Die für Berlin und Brandenburg entwickelten Instrumente sollen auch in anderen deutschen Städten und Regionen Anwendung finden.