Millionenbetrug

Rentner von Berlinern bei Gewinnspielen geprellt

In fast 300.000 Fällen haben Betrüger vor allem Senioren um ihren Gewinnspieleinsatz betrogen. Versprochen wurden den Rentnern Häuser, Reisen und Autos. Jetzt stehen die Verantwortlichen in Berlin vor Gericht.

Es wird nicht nach dem Tat-Motiv gefragt in diesem Prozess im Moabiter Kriminalgericht. Das ist auch nicht nötig. Es ging eindeutig um Raffsucht. Von März 2009 bis April 2010 wurden bundesweit vor allem ältere Menschen mit Gewinnspielen und wertvollen Preisen wie Häusern, Reisen und Autos gelockt. Sie zahlten monatlich 39 bis 59 Euro, wurden aber nie bei richtigen Gewinnspielen angemeldet. Sie hatten allenfalls die Chance, kleinere, für sie unnütze Preise wie Spielekonsolen oder Fußballtrikots zu gewinnen. Ermittelt wurden mehr als 294.700 Fälle. „Der Erlös geht deutlich in den siebenstelligen Bereich“, sagte der Staatsanwalt.

Drei Männer müssen sich nun wegen Betruges verantworten. Alle drei sind geständig. Wolfgang P., gelernter Kaufmann, war der Initiator und Chef des in Charlottenburg ansässigen Betriebes, der offiziell als Dienstleister für Gewinnspielanbieter firmierte. Vor Gericht berichtet er, dass sein Betrieb mit mehreren Callcentern zusammengearbeitet habe, die ihren Sitz größtenteils in Nordrhein-Westfalen und sogar in der Türkei hatten. Aufgabe der Mitarbeiter der Callcenter war es, Personalien und Kontoverbindungen nach Charlottenburg weiterzuleiten.

Aufgedrängte Telefonate

Schon hier begann das kriminelle Treiben. So bedienten sich die Mitarbeiter offenkundig auch aus illegal erworbenen Datensammlungen mit Telefonnummern, Adressen und Kontoverbindungen. Und kriminell war dann oft auch der Umgang mit den Kunden, die am Telefon regelrecht übertölpelt wurden. Im Anklagesatz ist von „aufgedrängten Telefonaten“ und „irreführender Gesprächsführung“ die Rede. Auch seien gezielt ältere Personen ausgesucht worden, „bei denen mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen war, dass sie sich gegen spätere Forderungen und Lastschrifteinzüge nicht zur Wehr setzen können oder Abbuchungen gar nicht erst registrieren würden“.

Die Callcenter übermittelten die Daten dann nach Charlottenburg. Von dort wurden Serienbriefe an die Opfer verschickt. Darin versprachen ihnen die Betrüger die Teilnahme an „200 der besten Gewinnspiele Deutschlands“. Parallel wurde den Kunden das Geld vom Konto per Lastschrift eingezogen. Etwa ein Drittel stornierte den vermeintlichen Vertrag oder buchte das Geld sofort zurück.

Für die Betrüger blieb aber immer noch genug. Wolfgang P. strich monatlich 20.000 bis 25.000 Euro ein, hinzu kamen selbst erteilte Bonifikationen. Unterm Strich erbeutete er fast 300.000 Euro. Aber auch seine Mittäter verdienten gut. Bei dem 41 Jahre alten Verlagsmitarbeiter Sascha Pl. waren es monatlich rund 10.000 Euro. Wolfgang P. hatte ihn, um sich selbst zu schützen, pro forma als Geschäftsführer eingesetzt. David S., der dritte Angeklagte, kam als Praktikant in die Firma. Der Jurastudent wurde übernommen, war für die Kundenwerbung zuständig und verdiente insgesamt mehr als 150.000 Euro. „Ich dachte anfangs, das ist eine legale Tätigkeit“, sagte er. „Später sind mir viele Fragezeichen gekommen.“ Aber da habe er sich schon an die Einkünfte gewöhnt. Er mietete eine teure Wohnung in Grunewald, kaufte sich einen Luxuswagen, zog durch die Klubs. „Ich habe das Geld wie im Rausch ausgegeben.“

Das Urteil soll am 5. August 2011 gesprochen werden. Aber die Höhe der Strafe wurde schon in Vorgesprächen vereinbart – unter der Bedingung, dass es Geständnisse gibt. Bei Wolfgang P. sollen es maximal drei Jahre und sieben Monate Haft werden. Seine Mittäter können mit Bewährungsstrafen rechnen.