Statistik 2010

Berliner bekommen wieder mehr Babys

Von Januar bis August 2010 wurden in Berlin 20.704 Kinder geboren. Das sind 3,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit liegt die Hauptstadt nur leicht unter dem bundesweiten Trend.

Deutschland erlebt einen „Babyboom“: Von Januar bis September wurden deutlich mehr Kinder geboren als noch im Vorjahreszeitraum. Insgesamt kamen 509.500 Kinder zur Welt, 18.000 oder 3,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und das, obwohl die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter weiter zurückgeht. Sollte sich dieser positive Trend bei den Geburten bis Dezember fortsetzen, wäre es das größte Plus seit zehn Jahren. Auch in Berlin steigen die Zahlen. Den größten Zuwachs hat dabei nicht mehr Pankow – sondern Neukölln. Während das Statistische Bundesamt bei den vorläufigen Zahlen noch zur Vorsicht rät, reagierte das Bundesfamilienministerium mit „Freude und Optimismus“.

Insgesamt kamen in Berlin laut den Daten des Statistikamtes Berlin-Brandenburg – die im Gegensatz zu den bundesweiten Zahlen nur bis August reichen – 20.704 Kinder zur Welt. Das sind 690 oder 3,4 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2009. Damit liegt die Hauptstadt nur knapp unter dem Bundestrend. Dabei verzeichnet Pankow zwar mit 2798 Babys in absoluten Zahlen immer noch die meisten Geburten, steht in Sachen Zuwachsrate mit drei Prozent aber nicht mehr an der Spitze, sondern nur noch an Platz acht. Dagegen wurden im sozial eher schwierigen Neukölln 2073 Kinder geboren. Das sind 202 mehr als im Vorjahreszeitraum – ein Zuwachs von 10,8 Prozent. Ebenfalls einen überdurchschnittlichen Anstieg der Geburten können Spandau (1167 Neugeborene, plus 6,8 Prozent) und Lichtenberg (1664 Neugeborene, plus 5,8 Prozent) verzeichnen. Das Schlusslicht bildet Reinickendorf mit 1164 Neugeborenen – ein Rückgang um 0,3 Prozent.

Die Zahlen lösten bei Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) vorsichtigen Optimismus aus. Sein Sprecher Christian Walther sagte, die Entwicklung sei erfreulich. Jürgen Paffhausen, Referatsleiter Bevölkerungsstatistik beim regionalen Amt für Statistik, erklärt sich die Entwicklung damit, dass laut Wanderungsstatistiken in den vergangenen Jahren vor allem jüngere Frauen im gebährfähigen Alter nach Berlin gezogen seien. Gleichzeitig warnte er, dass die Zahlen noch vorläufig seien. Das sagt auch das Statistische Bundesamt. Demnach könne sich in den Monaten Oktober bis Dezember noch viel geändert haben – nach oben wie nach unten. Die endgültigen Zahlen würden erst im August vorliegen.

Das Familienministerium reagierte bei aller Vorsicht dennoch positiv: „Wenn sich alles bewahrheitet, dann freut sich unser Haus natürlich“, sagte Stefanie Augter, Sprecherin von Ministerin Kristina Schröder (CDU). Augter verwies auf Umfragen, denen zufolge der Kinderwunsch bei Paaren zugenommen habe – trotz der wirtschaftlichen Entwicklung. Auch sei man überzeugt, dass man mit dem Elterngeld und dem Ausbau der Kinderbetreuung den richtigen Weg eingeschlagen habe.

Mehr Kinder von älteren Müttern

Noch können die Statistiker sich den Geburtenboom nicht erklären. Sie wissen auch nicht, in welcher Bevölkerungsgruppe mehr Kinder als zuvor geboren wurden. Die Zahlen für 2009 zumindest zeigen, dass die meisten Kinder (208.927) in der Altersgruppe der 30- bis 34-Jährigen geboren wurden, gefolgt von den 25- bis 29-Jährigen (196.751) und 35- bis 39-Jährigen (116.061). Die Mütter von rund 28.000 Kindern waren älter als 40 Jahre. In dieser Altersgruppe sind die Geburtenzahlen leicht angestiegen, während sie im Jahr 2009 in allen anderen Altersgruppen zurückgegangen sind.

Sozialexperte Sell führt vor allem drei Faktoren an, um den aktuellen Anstieg der Geburtenrate zu erklären: Zum einen sei der Trend der vergangenen Jahre, dass die Mütter bei der Geburt ihrer ersten und der weiteren Kinder immer älter würden, gestoppt. „Zum zweiten trägt Ostdeutschland einen gewissen Anteil an dieser Entwicklung, denn dort ist die Geburtenrate bereits seit einiger Zeit höher als im Westen.“ Schließlich nennt Sell als weiteren Einflussfaktor eine „Polarisierung der Familienstrukturen“: Jede dritte Frau entscheide sich für Kinderlosigkeit; aber wenn sich die Familien für Kinder entschieden, dann zunehmend für mindestens zwei Kinder.

Der Bevölkerungsstatistiker Gerd Bosbach sieht in dem aktuellen Anstieg der Geburtenzahlen zwar eine „normale Schwankung“, aber zugleich auch ein positives Indiz dafür, dass die Entwicklung der Bevölkerungszahlen eben kein gleichförmiger und damit exakt vorhersehbarer Prozess ist. Das Statistische Bundesamt hat in seinen Bevölkerungsprojektionen für das Jahr 2060 insgesamt zwölf Varianten berechnet. Danach leben in 50 Jahren in Deutschland zwischen 62 und 77 Millionen Menschen.

Aktuelle Studien zeigen, dass in Deutschland wieder mehr Menschen den Wunsch haben, Kinder zu bekommen. Ob sie diesen Wunsch dann aber auch realisieren, ist eine sehr komplexe und eine sehr individuelle Entscheidung. Allein schon diese Unsicherheit macht Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung schwierig. Hinzu kommen unvorhersehbare „gesellschaftliche Brüche“, wie etwa die Einführung der Antibabypille, die geburtenstarken Jahrgänge und der Zuzug von Gastarbeitern, wie Bosbach sagt.

Väter sind im Schnitt 35 Jahre alt

Insgesamt ist die Zahl der Geburten seit 1964 rückläufig. In jenem Jahr wurden insgesamt 1357304 Kinder geboren. Es war der bislang geburtenstärkste Jahrgang der Nachkriegszeit. Der abnehmende Trend bei den Geburten wurde zuletzt im Jahr 2007 unterbrochen, nachdem die Bundesregierung das Elterngeld eingeführt hatte. Auffällig ist außerdem, dass immer mehr Kinder unehelich geboren werden. So ist etwa jede dritte Mutter bei der Geburt ihres Kindes nicht verheiratet.

Das Alter der Mütter und Väter steigt seit Anfang der 90er-Jahre zudem kontinuierlich an. Die Väter sind bei der Geburt ihres Kindes im Durchschnitt knapp 35 Jahre alt. Die verheirateten Mütter sind 31,37 Jahre alt. Die nicht verheirateten Mütter dagegen sind mit durchschnittlich 28,4 Jahren deutlich jünger.

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