Findelkinder

Die Familie aus der Babyklappe

Vater, Mutter und zwei Kinder - eine ganz normale Familie. Nicht ganz. Ein Berliner Ehepaar hat zwei Kinder aus der Babyklappe adoptiert. Das bedeutet manchmal größere Sorgen, meist aber doppelte Freude.

Foto: Sven Lambert

Mathild hat große braune Augen. Neugierig taxiert sie damit ihr Gegenüber. Nicht sehr lange, dann wirbelt sie den Kopf herum, dass ihre schwarzen Locken nur so durcheinanderfliegen. Kurz entschlossen hüpft sie auf einen Sessel, springt von dort auf das Sofa, um sich an dessen Ende kopfüber in die Tiefe zu stürzen. Die Ärmchen haben fast schon den Fussboden erreicht, die Beine hängen noch in der Luft – da bekommt Mathild es mit der Angst zu tun: „Mama“ ruft sie, energisch und voller Vertrauen darauf, dass die Mutter ihr helfen wird.

Mathild ist vier Jahre alt. Und Mama ist sofort zur Stelle, beruhigt die Kleine und hält vorsichtig, wie nebenbei, ihre Beine fest. Fast aus eigener Kraft kann sich Mathild nun auf den Boden abrollen. Geschafft. Stolz springt das Mädchen auf und wiederholt die Prozedur. Nun ganz ohne die Hilfe der Mutter. Ihr zweieinhalb Jahre alter Bruder Marc beobachtet sie dabei und ist voller Bewunderung für seine Schwester. Am liebsten würde er versuchen, es ihr gleich zu tun. Doch der Papa hält ihn zurück. Er nimmt den Kleinen auf den Arm, wirft ihn in die Luft und stellt ihn wieder auf die Füße. Marc gluckst wonnig. Bis Mathild hinzuspringt und ihn schubst – großes Geschrei.

Vater, Mutter und zwei Kinder – eine ganz normale Familie. Eine Familie mit allen Freuden und Nöten, „nur mit einem Problem mehr“, wie Michael Gerber sagt. Er ist der Vater von Marc und Mathild, 38 Jahre alt, Wissenschaftler. Das zusätzliche Problem: Marc und Mathild sind adoptiert. Die beiden sind von Geburt her auch keine Geschwister. Dennoch haben sie eines gemeinsam: Beide waren Babyklappenkinder, bevor sie ihre neue Familie fanden.

Wenn sie ihre Geschichte erzählen, müssen Michael Gerber und seine Frau Susanne (42) sich oft anhören, wie mutig sie doch seien, gleich zwei Kinder aus der Babyklappe zu adoptieren. „Wir werden immer wieder gefragt, ob wir keine Angst hätten, vor dem, was da auf uns zukommen könnte. Schließlich wüssten wir ja absolut nichts über die Vorgeschichte unserer Kinder.“ Susanne Gerber schüttelt den Kopf: „Klar spielt Vererbung eine gewisse Rolle. Trotzdem weiß man auch von den eigenen Kindern nicht, wie sie sich entwickeln.“ Ob sie krank werden, irgendwann die Schule schwänzen, später mit den Eltern streiten und all diese Sachen. Für Susanne und Michael Gerber steht fest: Viel wichtiger als die Herkunft sind die Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, und dass immer jemand da ist, der sich um sie kümmert. „Wir sind dankbar dafür, dass wir die beiden beim Großwerden begleiten dürfen“, sagt Michael Gerber. Und seine Frau nickt heftig. Den leiblichen Eltern ihrer Kinder wünschen die beiden inneren Frieden. Manchmal würden sie ihnen gern zeigen, wie wundervoll Mathild und Marc sind.

Pastorin Gabriele Stangl weiß um die besondere Situation, in der sich Adoptiveltern und damit auch die Gerbers befinden. Sie ist Initiatorin der Babyklappe im Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede. Dort sind Mathild und Marc „zum zweiten Mal auf die Welt gekommen“, wie sie sagt. Und auf diese Weise vor einem schweren Schicksal, vielleicht sogar vor dem Tod gerettet worden. Die Pastorin erinnert sich genau an die beiden. Mathild war ein energisches Baby. „Sie wusste, was sie wollte, und hat das deutlich ausdrücken können.“ Ganz anders Marc. Er war schon als Neugeborener ein stilles Kind.

Wenig Erinnerungen

Mathild habe eigentlich gar nicht in der Babyklappe gelegen, erzählt Stangl. „Die Kleine wurde einem unserer Ärzte regelrecht in die Arme gedrückt.“ Eine junge Frau hatte das Neugeborene in die Babyklappe legen wollen, es dann aber für sicherer befunden, es direkt zu übergeben. Sie hat an die Fensterscheibe des Raumes geklopft, in dem die Klappe eingelassen ist, und einen Arzt herausgewinkt. Es sei nicht ihr Kind, hat sie ihm erzählt, eine fremde Frau hätte es ihr in den Arm gelegt. Dann hat sie dem Arzt das Kind gegeben und ist davongerannt.

Mehr als vier Jahre ist das jetzt her. Sehr jung und sehr angestrengt habe sie ausgesehen, wird der Arzt später die Frau beschreiben. Michael und Susanne Gerber haben den Doktor die kurze, aber eindringliche Geschichte von Mathilds Übergabe sogar auf Tonband sprechen lassen. „Damit wir wenigstens etwas vom Anfang ihres Lebens haben, das wir unserer Tochter mit auf den Weg geben können“, sagt Susanne Gerber.

Gerbers gehen sehr offen mit der Adoption ihrer Kinder um und haben auch den Kleinen bereits erzählt, dass sie in der Babyklappe abgegeben worden sind – „weil ihre Mütter keine Kraft für sie hatten, aber unbedingt wollten, dass es ihnen gut geht“. Sie erzählten ihnen auch, dass das Leben nicht immer einfach ist und es viele Geschichten darüber gibt, wie Kinder auf die Welt gekommen sind und zu ihren Eltern gefunden haben. Trotzdem fürchten sie sich manchmal davor, dass der Moment kommen könnte, da Mathild und Marc ihre Geschichten nicht mehr hören wollen, weil sie zu schmerzhaft sind. Vor allem um Mathild sorgen sie sich. Die Kleine ist so empfindsam, so schnell erschütterbar. „Wir tun deshalb alles dafür, die beiden stark zu machen, damit sie mit der Wahrheit umgehen können“, sagt Susanne Gerber.

Damals auf der Säuglingsstation des Krankenhauses Waldfriede war allerdings Marc das Sorgenkind. Der Kleine hatte eine starke Entzündung und wollte die Augen einfach nicht aufmachen. Gabriele Stangl erinnert sich, dass alle sehr in Sorge um ihn waren. „Nach drei Tagen habe ich beim Füttern leise mit ihm geredet und ihn gefragt, weshalb er denn nicht gucken wolle“, sagt sie. „Als habe er mich verstanden, hat er da plötzlich geblinzelt.“

Heute ist Marc kerngesund. Er liebt es, mit seinen Eltern zu kuscheln und dabei viele Bilderbücher anzusehen. Und er bewundert seine große Schwester. Seine Eltern beschreiben ihn als einen selbstbewussten, in sich ruhenden kleinen Kerl, „der eine Ausstrahlung hat, als wolle er sagen, immer mit der Ruhe Leute, bloß keinen Stress“.

Mathild hingegen hat in den ersten Lebensmonaten viel geweint und auf jede Störung von außen aufgeregt reagiert. Das ist auch heute noch öfter so, sagen die Eltern. Und nehmen an, dass ihre Tochter bereits im Mutterleib und unmittelbar nach der Geburt viel Stress gehabt hat. Doch sie wissen es nicht, deshalb sind ihre Sorgen manchmal groß. Wenn sie dann aber immer wieder sehen, wie kreativ, sprachgewandt und neugierig auf andere Menschen ihre Tochter ist, sind die Ängste wie weggeblasen. Dann sind die beiden überzeugt davon, dass Mathild ihren Weg gehen wird. „Im Fragebogen für angehende Adoptiveltern haben wir angekreuzt, dass wir uns vorstellen können, auch ein Kind zu nehmen, dessen Herkunft unbekannt ist“, sagt Susanne Gerber. Ihr Wunsch, damit zurechtzukommen, dass sie über die ersten Lebenstage ihrer Kinder nichts wissen, sei eben größer als mögliche Sorgen.

Pragmatisch ist an diesem Punkt auch Gabriele Stangl. Jedes Leben hat seine eigene Herausforderung, sagt sie. Für Marc und Mathild könnte es die sein, dass sie ihre leiblichen Eltern nicht kennen und damit leben müssen. Die Erfahrung aus zehn Jahren Babyklappe zeigt, dass sich nur sehr wenige Eltern im Nachhinein noch melden. Ein Beispiel ist die Geschichte von Thomas. Der Kleine war Weihnachten 2002 in die Babyklappe gelegt worden. Drei Tage später holten ihn seine Eltern zurück. Ganz anders sieht es bei den Frauen aus, die sich bisher im Krankenhaus Waldfriede gemeldet haben, um anonym zu entbinden. Nachdem sie dort liebevoll aufgenommen und betreut worden sind, haben fast alle ihre Anonymität aufgegeben, um für ihre Kinder im Notfall erreichbar zu sein.

Pastorin ist wie eine Patentante

Die Schicksale der Findelkinder und der Frauen, die anonym entbinden wollten, haben Pastorin Stangl verändert. Viele dieser Geschichten wird sie immer mit sich herumtragen. Über manche will sie mit niemandem reden, andere muss sie wieder und wieder erzählen, auch um die Gegner der Babyklappe zum Nachdenken zu bringen. „Der schrecklichste und der schönste Moment in der Geschichte der Babyklappe lagen ganz dicht zusammen“, sagt Stangl. Es war im Frühjahr 2002, als ein ermordeter Säugling in der Klappe gefunden wurde. Alle waren so schockiert, dass sie nicht wussten, wie sie weitermachen sollen. Gabriele Stangl hat zu Gott gebetet. Und dann lag da dieser bildschöne kleine Junge in der Babyklappe. Er war vollkommen gesund. „Wir haben ihn Samuel genannt – den von Gott Erhörten“, sagt Stangl. Und hat von da an gewusst, dass sie weitermachen muss.

Zu den meisten der mehr als 20 Babyklappenkinder und ihren Adoptiveltern hat Pastorin Stangl bis heute Kontakt. Auch zu den Gerbers gibt es eine enge Verbindung. „Frau Stangl ist so etwas wie eine Patentante für unsere Kinder“, sagen sie. Mehrmals hat die Familie die Pastorin bereits im Krankenhaus Waldfriede besucht. Mathild hat sich dabei auch die Babyklappe angesehen. Später einmal wird sie Gabriele Stangl viele Fragen stellen. Die Pastorin ist darauf vorbereitet.

Doch auch Susanne und Michael Gerber haben ihren Kindern noch viel zu erzählen. Beide müssen schlucken, wenn sie sich daran erinnern, wie es war, als sie ihre Tochter und später den Sohn zum ersten Mal in den Armen gehalten haben. „Das war so emotional, als wenn man zum ersten Mal sein eigenes Kind sieht.“ Susanne Gerber ist überzeugt davon, dass es da keinen Unterschied gibt. Auch dass ihr gesamtes Leben nach der Ankunft der Kinder zunächst auf dem Kopf stand, hält sie für völlig normal. „Das ist so, wenn das Baby endlich da ist.“ Mathild und Marc seien ein Geschenk, wie jedes Kind für seine Eltern ein Geschenk ist.

Viele Nächte haben Susanne und Michael Gerber inzwischen an den Bettchen ihrer Kinder gewacht. Wadenwickel gemacht, Hustensaft gegeben, Streitereien geschlichtet und Beulen weggepustet. Sie haben die ersten Schritte der beiden bejubelt, Geburtstagskerzen angezündet, Geschichten erzählt. Das wird in den kommenden Jahren so weitergehen. Bis sie die beiden loslassen müssen, wie alle anderen Eltern ihre Kinder auch.

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