Berlin-Debatte

Berlin braucht einen Bürgeraustausch

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Hajo Schumacher
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Pro Reli ist gescheitert

Bei der Abstimmung am Sonntag erreichte die Initiative Pro Reli, die per Volksentscheid einen verpflichtenden Religionsunterricht in Berlin einführen wollte, nicht die nötige Wahlbeteiligung.

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Die von Pro Reli initiierte Volksabstimmung hat einen Trend bestätigt, der sich schon beim Tempelhof-Entscheid abgezeichnet hat: Die Berliner haben zwar ein gemeinsames Autokennzeichen, aber kein gemeinsames Lebensgefühl. Berlin ist vielmehr eine Hauptstadt in drei Teilen. Eine Streitschrift von Hajo Schumacher.

Erst Tempelhof, jetzt Pro Reli – die Volksabstimmungen beweisen, dass Berlin auch 20 Jahre nach dem Mauerfall keine Einheit bildet. Die Hauptstadt, ihr an den gesellschaftlichen Prozessen mehr oder weniger interessiertes Bürgertum zumal, zerfällt in drei Teile, die ziemlich stur aneinander vorbei leben.

Wenn in der Komischen Oper die Pause beginnt, vollzieht sich im Foyer ein geheimnisvolles Schauspiel. Unsichtbare Gräben teilen das Publikum. Es dominiert eine Grundmenge argloser, wohlgelaunter Zugereister und Touristen – die Berlin-Neulinge. Dazwischen drängeln sich Opernroutiniers zügig nach vorn an die Getränkestände – Traditionsbürger aus dem Westen. Die Ost-Berliner dagegen scheinen den Pausenschaumwein zu boykottieren und stellen sich demonstrativ ein wenig abseits, so, als wollten sie ihre Abscheu kundtun über die unverschämten Preise, die ihnen das Leben schwer machen. Immigranten oder Mitglieder des Hartz-IV-Prekariats sind nicht vertreten. Sie haben auch nicht über Pro Reli abgestimmt oder über Tempelhof

In der Komischen Oper an der Behrenstraße, auf jenem schmalen Streifen in der Stadtmitte, der kaum mehr Ost oder West zuzuordnen ist, da trifft sich der repräsentative Querschnitt durch das bürgerliche Berlin des Jahres 2009. Eine spontane Befragung der Besucher würde vermutlich ein ähnliches Ergebnis erbringen wie die Volksentscheide zu Tempelhof und Pro Reli: Kleinere Gruppen von Befürwortern (mehrheitlich aus dem Westen) und Ablehnern (aus dem Osten) sehen sich einer amorphen Menge gegenüber, der beide Themen schlichtweg egal sind.

Die beiden Volksentscheide der vergangenen zwölf Monate haben deutlicher noch als alle Wahlergebnisse zuvor in Zahlen ausgedrückt, was in der Hauptstadt an jeder Ecke zu spüren ist: Aus der einst geteilten ist eine gedrittelte Stadt geworden. In der Mitte siedeln überwiegend Neuberliner, gegen die Traditionen der Stadt emotional immun, dafür der Zukunft gut gelaunt zugewandt. Zu den Rändern hin dagegen dominiert der statussensible Urberliner, geprägt vom Empfinden, dass es früher übersichtlicher zuging.

Der Mauerstreifen bleibt Trennlinie

Während die Westler dem Mythos von der Frontstadt zuneigen, pflegen die Mitbürger jenseits des Mauerstreifens ihr Selbstbewusstsein als frühere Elite des Ostens. Auf beiden Seiten wird spätestens nach dem dritten Glas Wein darauf hingewiesen, dass man nur höchst selten nach drüben geht, weder zum Einkaufen noch zu Besuchen. Das jeweils andere Berlin mag nicht mehr als feindlich gelten, so doch als fremd. Die einzige Gemeinsamkeit von Ureinwohnern in Ost- und West-Berlin: ein Gefühl moralischer Überlegenheit.

Von außen als hipper Monolith wahrgenommen, zerfällt die Hauptstadt in drei Teile, die sich anhand der Wahlergebnisse nahezu mathematisch bestimmen lassen: In Ost und West siedelt jeweils ein gutes Viertel Mobilisierungsbereiter, die Resthälfte machen die Neuen aus. Die Menschen haben zwar denselben Bürgermeister, das gleiche Autokennzeichen und einen gemeinsamen Hauptbahnhof – doch ihr kulturelles, historisches und alltägliches Lebensgefühl ist auseinandergedriftet. Die Stadt besteht aus Inseln, jede mit ihrer eigenen Realität und ohne viel Bereitschaft, die Wirklichkeit der anderen wahrzunehmen. Der frühere Mauerstreifen bildet in jeder Wahlgrafik eine relativ verlässliche Trennlinie.

Den langsam schrumpfenden, aber haltungsstarken Gruppen der Alteingesessenen steht eine wachsende Schar Neubürger gegenüber. Die Einwohner blieben seit dem Mauerfall zwar halbwegs konstant bei 3,4 Millionen, doch hinter der Zahl verbarg sich eine kleine Völkerwanderung. 1,7 Millionen Menschen haben Berlin seit 1989 verlassen, ungefähr ebenso viele sind neu hinzugezogen. Die Hälfte der Stadt besteht aus Menschen, die Rosinenbomber, Tränenpalast und Mauerfall nur aus Fernsehfilmen mit Veronica Ferres kennen: Politiker und Journalisten, Beamte, Lobbyisten, Werber, Unternehmensgründer, Künstler, jede Menge Boheme und Praktikanten, Einwanderer von Ostwestfalen bis Ostanatolien, die das berechenbare Abenteuer in der Metropole suchen. Sie genießen das historische Flair, den wohligen Schauder, dass überall, wo man hintritt, große Geschichte passiert sein könnte, und pflegen als Lieblingsbeschäftigung das Berlin-Erklären: Was ist in dieser Stadt wo und warum und so beängstigend anders als in München. Tempelhof war ihnen nicht so wichtig, Pro Reli eher egal.

Der Westen murrt, der Osten auch

Den Alteingesessenen dagegen wird die eigene Stadt in dem Maße fremd, wie die Neuen die Interpretationshoheit an sich reißen. Zwischen den Traditionsmilieus in Ost und West herrscht nach wie vor eine Atmosphäre lauernder Rivalität. Der Westen leidet noch immer am Bedeutungsverlust von Schöneberger Rathaus, Bahnhof Zoo und beobachtet murrend, wie sich Kaufkraft von Tauentzien und Kudamm zu den Shoppingmalls an Alex und Potsdamer Platz verlagert. Aus diesem Gefühl der Benachteiligung heraus gewann Tempelhof seine Emotionalisierung und Mobilisierung. „Die wollen uns was wegnehmen“, hieß eine oft gehörte Begründung. Ähnlich verhielt es sich mit dem Streit über das Schulfach Religion: Es ging natürlich auch um die Urangst, dass der unchristliche Osten die konservativ bürgerliche West-Majorität seiner Werte berauben wolle.

Auf der anderen Seite der Stadt herrscht zugleich eine ganz ähnliche Gefühlslage: Die Ost-Berliner fühlen sich von einem übermächtigen Westen kolonialisiert. Der Abriss des Palastes der Republik wird ebenso als Rache empfunden wie die Landnahme zwischen Brandenburger Tor und Friedrichstraße, wo sich eine Regierung samt West-Botschaften und Medien- und Milchkaffeetross niederließ, der trotz Ost-Kanzlerin als eher feindlich dominiert wahrgenommen wird.

So fremd sich beide Teile der einstigen Mauerstadt einander fühlen, so ähnlich sind sie sich im Grunde. Beide eint das Gefühl, die dramatischen Jahrzehnte der Teilung durch gestanden zu haben; Menschen, in deren kollektivem Familiengedächtnis die alten Geschichten eingegraben sind, bisweilen noch aus der Kaiserzeit, Enkel, deren Großväter dem Führer dienten, Kinder, deren Mütter den Schutt des Kriegs mit bloßen Händen zu Hügeln aufschaufelten und bepflanzten. Nicht jeder, der heute im Grün von Teufelsberg, Insulaner, Humboldthain oder Volkspark Friedrichshain döst, weiß, dass sich unter ihm die Trümmer der Stadt und Hunderttausende damit verbundener Traumata stapeln.

Die gefühlte Wichtigkeit ist halbiert

Der Schrecken der Teilung wurde auch dadurch kompensiert, dass sich beide Hälften Berlins fortan als etwas Besonderes, ja Einzigartiges fühlen durften. An der Spree stießen die Hörner der Weltmächte gegeneinander. Die Bewohner beider Seiten empfanden den Stolz jener, die wissen, dass sie an einem Stück Geschichte mitwirken.

So bedeutete der Mauerfall nicht nur Freiheit, sondern zugleich einen Verlust an Bedeutung: Aus der westlichen Inselstadt mit Weltruf und der früheren DDR-Hauptstadt mit Privilegien wurde jeweils weniger als eine halbe Metropole, deren Identitäten und Symbole überwiegend aus der Vergangenheit stammten. Mathematisch unmöglich, aber emotionale Realität: Die Addition zweier Teilstädte halbierte die gefühlte Wichtigkeit der Ureinwohner. Die anhaltende emotionale Verwirrung nutzen Radikalinskis hüben wie drüben, die ausdauernd jedes Wort der anderen in das vertraute Freund-Feind-Schema des Kalten Krieges pressen.

Die Fliehkraft des Neuen

Spiele von gestern. Denn längst diktieren zunehmend Parvenus den Lauf der Stadt, die ausgerechnet entlang des Mauerstreifens siedeln. Diese Neuen wissen nichts von der Luftbrücke, sie argumentieren weder revanchistisch noch historisch, sondern rein praktikabel-ökomisch; und Gail Halvorsen halten sie für einen angesagten isländischen DJ.

Die modernen Urbanisten in Mitte oder Schöneberg, in Wilmersdorf oder Prenzlberg, in Friedrichshain oder Charlottenburg repräsentieren jenes Werbe- und Prospekt-Berlin, die Style- und Darsteller-Hauptstadt, jene Kunstwelt rund um Agenturen, Events und Modeläden, die Reiseführer oder internationale Magazine gern mit der gesamten Stadt verwechseln. Was in der New York Times oder in Monocle über Berlin steht, ist Steglitzern wie Marzahner völlig egal, für die Neuankömmlinge aber so bedeutsam wie alten West-Berlinern der Kennedy-Besuch.

Nach und nach erobern die Neuankömmlinge sogar die Urkieze rund um den Alex, im Wedding oder Neukölln. Urberliner findet man hier immer seltener, sie bilden allenfalls als Taxifahrer, Zeitungsverkäufer oder Kioskbetreiber die Kulisse für das konsensuale Stück von der total authentischen Metropole, das Neu-Berliner mit großer Hingabe täglich aufs Neue aufführen. Die Fliehkräfte der neuen Mitte schleudern das Alte zunehmend nach Außen. Alteingesessene Berliner fühlen sich und ihre Geschichte zunehmend vernachlässigt.

Wie ist dieser Entkoppelung einer Stadt in drei Teile entgegenzuwirken? Heranwachsende werden zum Schüleraustausch nach Frankreich, Italien oder Großbritannien geschickt, um sich mit Gebräuchen und Denkweisen der Gastgeberländer vertraut zu machen. Berlin braucht wahrscheinlich einen Bürgeraustausch. Nach fast 20 Jahren Einheit ist es an der Zeit, dass sich Menschen auf allen Ebenen ihre Geschichten erzählen - ob Schulen oder Vereine, Betriebe oder Behörden. Es kann ja nicht sein, dass den Bürgern Mallorca oder Balaton vertrauter ist als Helle oder Lanke.

Der Erkenntnisgewinn wird für diejenigen, die zuhören überraschend sein: In Ost, West, Mitte leben statistisch gesehen ziemlich genau gleich viele gute oder weniger gute Menschen. Sie haben nur andere Biografien.

Auf der Internetseite des Landeswahlleiters können Sie prüfen, wie beim Volksentscheid Pro Reli in Ihrem Stimmbezirk votiert wurde.