Kartendienst

Street View gewährt Einblick in Berlins Vorgärten

Der Online-Dienst Google Street View ist in Deutschland gestartet. Er zeigt Berlin – nur manchmal wie durch Milchglas.

Es war ein herbstlicher Tag im Jahr 2009, der Aram Bartholl nun zu einer kleinen Berliner Internetberühmtheit gemacht hat. An jenem 13. Oktober saß er im „Mörder Café“ an der Borsigstraße in Mitte, als ein Auto vorbeifuhr. In diesem sonst sehr ordinären Geschehen erkannte der Medienkünstler seine Chance: Er sprang von seinem Kaffee auf und rannte wild winkend hinter dem Fahrzeug her. Denn es war kein normales Auto, sondern der Kamerawagen von Google Street View, der gerade den Kiez durchfotografierte, um die Bilder ins Internet zu stellen. „Ich wollte unbedingt auf die Fotos und Teil von Street View sein“, sagte der damals 36-Jährige (hier zu seinem Blog mit den Bilder des Sprints) .

Der Onlinedienst Street View ist gestern in Deutschland für 20 Großstädte gestartet worden. Damit können mit dem Bildmaterial jenes Kamerawagens am Computerbildschirm virtuell aus der Fußgängerperspektive die Panoramaansichten von Straßenzügen, Plätzen und Sehenswürdigkeiten über das Internet betrachtet werden. Ein Tourist aus Kanada kann sich so schon vor Anreise ein Bild der Fußwege in Charlottenburg machen, sich schon einmal ein Café am Helmholtzplatz aussuchen und den Neptunbrunnen von allen Seiten betrachten. Aber er kann sich auch durch die Wohngebiete der Kieze klicken und sehen, wie die Berliner so leben und wie sie aussehen.

Selbstzensur nach Widerspruch

Aus diesem Grund hatte es vor dem Start hierzulande heftige Proteste von Datenschützern und der Regierung in Richtung Google gegeben: Die Bürger hätten Bedenken bei der Aussicht, dass alle Welt freie Sicht auf ihr Heim hat. Nach intensiven Gesprächen hat Google nach eigenen Angaben „alle nötigen Vorkehrungen“ getroffen und den Deutschen als bisher Einzigen eine Vorab-Widerspruchsfrist eingeräumt. Das heißt: Man konnte vor Start des Dienstes beantragen, dass sein Wohnhaus auf den Bildern unkenntlich gemacht wird. Deutschlandweit haben das mehr als 244.000 Haushalte getan. Wie viele es in Berlin waren, ist nicht bekannt.

Aber beim Online-Rundgang durch die Straßen Berlins fällt auf, dass offenbar doch sehr viele Hauptstädter sich gegen eine öffentliche Präsentation ihres Zuhauses im Netz ausgesprochen haben. Statt ihrer Fassaden sieht man die Hausfront nur schemenhaft wie durch eine Milchglasscheibe. Auf solche Verfremdungen stößt man allerorts in Berlin. So sind an der Leydenallee in Steglitz ganze 22 Häuser verpixelt worden.

Doch Google hat dabei auch noch ungenau gearbeitet: So ist das Eckhaus an der Breite-/Albrechtstraße von der Breite Straße aus zwar unkenntlich, von der Albrechtstraße aus aber klar zu sehen, wie Morgenpost-Leser Jochen Hencke ( hier sein Twitter-Account ) feststellte: „Und meine Straße wurde von Street View einfach komplett ausgespart.“ Google hatte zudem zugesagt, alle Gesichter zufällig abgelichteter Passanten sowie Autokennzeichen automatisch per Computer unkenntlich zu machen.

Das funktionierte in den meisten Fällen auch gut, so auch bei Aram Bartholl, der so bei seinem Sprint in der Borsigstraße zwar zu sehen, aber nicht zu erkennen ist, weil sein Gesicht verpixelt ist. Zwischen einem leibhaftigen Mensch und dem Abbild auf einem Plakat kann der Filter aber offenbar nur schwer unterscheiden: So wurde auch das Foto des Soldaten am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie automatisch als Mensch mit schützenswerter Privatsphäre erkannt und unkenntlich gemacht.

In anderen Fällen sind sehr wohl Menschen auf den Bürgersteigen klar zu erkennen, wie eine alte Dame, die im Garten ihren Hund streichelt. Betroffene können aber über einen Link im Street-View-Bild ein Problem melden. Wer auf „Ein Problem melden“ klickt, kann auf den Sachverhalt hinweisen. Das ist auch ein Schritt, den Katharina Ebertwohl gehen wird: „Ich habe den Einspruch fristgerecht bei Google eingereicht, und mein Haus ist jetzt trotzdem zu sehen.“

Ein Gesicht von gestern

Mit Street View sieht man auch den schnellen Wandel Berlins: Die Daten stammen zum größten Teil aus dem Sommer 2008. Man sieht hier und da Autos mit Deutschlandfähnchen für die Fußball-Europameisterschaft, der Palast der Republik steht noch, und die East Side Gallery hat noch keine Restauration erlebt. Ein Leser schreibt Morgenpost Online, er habe in seiner Kreuzberger Straße „eben drei Geschäfte gesehen, die es schon gar nicht mehr gibt. Berlin ist zu schnell für das lahme“ Street View. Und Andrea Renkel schreibt: „Ich finde es auch interessant zu sehen, wie ranzig das Haus, in dem ich jetzt wohne, vor der Sanierung mal ausgesehen hat.“

Wann neue Aufnahmen von Berlin gemacht werden, wollte Google nicht mitteilen – es wird wohl dauern. Und bis dahin kann man weiterhin Aram Bartholl winkend durch die Borsigstraße laufen sehen.

Hausbesitzer und Mieter Sie können weiterhin bei Google Widerspruch einlegen. Dies gilt für die Bewohner der 20 Städte, aus denen Street View bereits Panoramen zeigt – aber auch für Menschen in solchen Regionen, in denen der Dienst erst starten wird und die vorsorglich Widerspruch einlegen möchten. Google will nachträgliche Anträge aus den veröffentlichten Städten zügig bearbeiten.

Wie widerspreche ich? Das ist über Street View selbst, per Brief oder E-Mail möglich. Hausbesitzer und Mieter, von deren Immobilien bereits Bilder veröffentlicht sind, können in Street View bei einer Häuseransicht einfach „Ein Problem melden“ am unteren Bildrand anklicken. Dies ist auch bei sonstigen Bildern möglich. Zudem ist der Widerspruch per oder per Brief möglich.

Wie läuft das Verfahren? Bei einem Widerspruch über Street View selbst mit der Funktion „Ein Problem melden“ kann der Einspruch am schnellsten erledigt werden. Per Post erhalten Sie einen Code, mit dem sie über die Internetseite von Google ihren Widerspruch endgültig bestätigen müssen. Bei Widersprüchen per E-Mail oder Brief muss man das Wohnhaus näher identifizieren.

Infos und Kontakte

Google und Street View: www.google.de/streetview

Musterschreiben des Verbraucherschutzministeriums: www.bmelv.de

Widerspruch per E-Mail: streetview-deutschland@google.de

Widerspruch per Brief:

Google Germany GmbH

Street View

ABC-Straße 19

20354 Hamburg

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