Arbeitsniederlegung

2000 Mitarbeiter streiken an der Charité

Das Pflege- und Servicepersonal der Charité streikt. Trotz der angespannten finanziellen Lage des Hauses, fordern sie mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Operationen werden verschoben, Ärzte müssen sauber machen. Das Klinikum zeigt sich kooperationsbereit.

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Warnstreik des Pflege- und Technikpersonals hat am Dienstag an der Berliner Charité zu längeren Wartezeiten für Patienten geführt. Nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di ließen rund 2000 Mitarbeiter zwischen 6 und 18 Uhr die Arbeit ruhen.

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Die Entscheidung ist ihr nicht leicht gefallen. Jana Marlow, 48, hat sich zuallererst versichert, dass es den Frühchen gut geht, dass zumindest eine Notversorgung gewährleistet ist. Sie arbeitet in der Geburtsklinik am Campus Mitte, in einem der sensibelsten Bereiche der Charité. Doch statt um sechs Uhr morgens Berge an Wäsche zu waschen, die Mülltonnen zu leeren oder den Boden zu desinfizieren hat Marlow zur Trillerpfeife gegriffen. Jetzt steht sie vor dem Bettenhaus mit ihren Kolleginnen und protestiert. An diesem Tag geht es auch um ihr Wohl, um eine sichere berufliche Zukunft.

Nur etwas mehr als Hartz IV

Die Reinickendorferin ist eine von mehreren hundert Streikenden, die an der Charité für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Laut Ver.di sind es 2000 Arbeitnehmer, protestiert wird am Bettenhaus, vor dem Virchow-Klinikum und am Campus Steglitz. Reinigungs- oder Sicherheitskräfte, Krankenschwestern oder Männer aus dem Transport, die ihrer Wut Luft machen. Sie pusten in ihre Trillerpfeifen, blockieren die Zufahrtwege. Sie schimpfen auf die Charité: „Pleite- oder Schuldenladen“, haben sie auf Transparente geschrieben. Die Arbeitnehmer wollen Druck machen, denn noch laufen die Tarifverhandlungen. Sie fordern mehr Urlaub, weniger Überstunden und sie fordern vor allem: höhere Löhne.

Ver.di, die dbb-Tarifunion und IG Bauen-Agrar-Umwelt haben zum Streik aufgerufen. „Die Frustration unter den Mitarbeitern war noch nie so groß wie jetzt“, sagte Andreas Splanemann, Streikführer von Ver.di. Die Gewerkschaften fordern trotz der angespannten finanziellen Lage der Charité jeweils 300 Euro mehr Lohn im Pflege- und Technikbereich für rund 10000 Beschäftigte. Damit soll der Einkommensrückstand zu anderen Berliner Krankenhäusern von 14 Prozent ausgeglichen werden. Am Mittwoch gehen die Verhandlungen in die nächste Runde, die Charité zeigt sich kooperationsbereit, schlägt eine Anbindung an die Tarife des öffentlichen Dienstes über einen definierten Zeitraum in verschiedenen Angleichungsschritten vor.

Es sind Forderungen, die die Charité in einer äußerst schwierigen Wirtschaftslage treffen. Knapp zwanzig Millionen Schulden soll die Uniklinik bis Ende des Jahres abbauen. Jüngst wurde die gesamte Führungsetage dazu aufgerufen, auf fünf Prozent des Gehalts zu verzichten. Im Februar überwies das Uniklinikum seinen Mitarbeitern erstmals das Gehalt zwei Wochen später, zum Ende des Monats. Liquidität, so betont es Charité-Chef Karl Max Einhäupl stets, sei enorm wichtig, um dringend notwendige Sanierungen in maroden Kliniken vorzunehmen. Nur so könne die Charité auf lange Sicht wieder gesunden.

Marlow hingegen findet, dass eine Gehaltserhöhung längst überfällig ist. Sie demonstriert gegen die schlechten Arbeitsbedingungen bei der Charité Facility Management (CFM), einer Tochterfirma, die 2006 gegründet wurde, um Kosten zu sparen. „Ich habe eine 40-Stunden-Woche, sechs Wochenenden arbeite ich, um eines frei zu bekommen“, sagt Jana Marlow. Am Ende des Monats bliebe ihr kaum mehr als einem Hartz-IV-Empfänger. Doch bislang zeigt sich die CFM nicht gesprächsbereit. „Ver.di hat mehrere Angebote unterbreitet, sie setzen sich noch nicht mal mit uns an einen Tisch“, sagen die Gewerkschafter. Wenn der Tarifvertrag zustande käme, gebe es 9,10 Euro für Marlow und die Kollegen von der Reinigung, rund 40 Cent mehr. „Unsere Motivation würde damit enorm steigen“, sagen sie.

Auch viele hundert Angestellte am Virchow-Klinikum klagen über ansteigende Arbeitsbelastungen. Krankenschwestern sprechen von unhaltbaren Hygienebedingungen, von Behandlungsfehlern, die passieren, weil das Personal überlastet und übermüdet ist. An diesem Tag arbeiten viele von ihnen überhaupt nicht, denn der Streik dauert von sechs Uhr in der Früh bis 18 Uhr am Abend. An der Charité können deshalb in vielen Bereichen nur noch Notfälle versorgt werden. Chirurgische Eingriffe werden verschoben, OP- und Röntgensäle bleiben leer. Auf Intensivstationen müssen Ärzte die Kranken selbst von einer Etage in die nächste bringen und auch sauber machen. Laut Carsten Becker, dem Gesamtpersonalrat der Charité, hat das Uniklinikum eine Million Euro pro Streiktag eingeplant.

Vivantes wirbt Fachkräfte ab

Achim Jörres, Chef der Inneren Medizin am Virchow-Klinikum, will nicht auf die Streikenden schimpfen. Vor einigen Monaten war es der Marburger Bund, der Ärzte zu Protesten mobilisierte und auf diese Weise zwölf Prozent mehr Lohn rausholte. Jörres findet es nur gerecht, dass nun das Pflege- und Technikpersonal für mehr Gehalt demonstriert. „Ohne motivierte Krankenschwestern und gut ausgebildete Pfleger läuft hier nichts, sie sind der Goldstaub der Charité“, sagt er. Vor allem Krankenschwestern und Pflegekräfte müsse man an das Haus binden. „Viele wandern zu Vivantes ab, dort verdienen sie wesentlich besser“, sagt Jörres. Ein Kollege berichtet, dass teilweise sogar Prämien von 2000 Euro bezahlt würden, weil auf dem Markt kaum noch gute Kräfte zu finden seien.