Tram-Unfälle

Straßenbahn wird immer häufiger zur Todesfalle

Zerstreutheit ist laut BVG die häufigste Ursache für Tram-Unfälle. Im vergangenen Jahr starben drei Menschen, 30 wurden schwer verletzt, erst kürzlich ein Zehnjähriger. Eine traurige Bilanz.

Foto: schroeder

Die Zahl der Unfälle mit Straßenbahnen ist von 302 im Jahr 2009 auf 330 im vergangenen Jahr gestiegen, eine Zunahme von 9,3 Prozent. Vier Menschen starben als Folge von Unfällen mit der Tram. Die Zahl der schwer Verletzten bei Kollisionen mit den Schienenfahrzeugen stieg 2010 noch stärker, um mehr als 50 Prozent von 19 auf 30 Verletzte. Auch die Anzahl leicht Verletzter stieg gegenüber 2009 von 119 auf 152 im Vorjahr deutlich an. Das hat eine Auswertung der Unfallzahlen ergeben, die jüngst von Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch präsentiert worden war.

Überraschend hat sich Berlins jüngste Straßenbahnstrecke nach Untersuchungen der Polizei zu einem Unfallschwerpunkt entwickelt. Die in den 90er-Jahren von Prenzlauer Berg nach Wedding verlängerte Verbindung der Linien 50 und M13 ist besonders häufig von folgenschweren Kollisionen mit Passanten und Radfahrern betroffen. Die Linie, so Polizeioberrat Markus van Stegen, habe sich neu als Unfallschwerpunkt entwickelt. „In den 90er-Jahren gab es noch einen gegenläufigen Trend“, so van Stegen. Einen plausiblen Grund, warum die Straßenbahn auf dem Mittelstreifen von Bornholmer-, Osloer- und Seestraße häufiger betroffen ist, gebe es nicht. Die Auswahl präventiver Maßnahmen gegen Straßenbahnunfälle ist begrenzt. In erster Linie sind bauliche Maßnahmen zu prüfen, sagt van Steegen. Hauptursache für die folgenschweren Kollisionen sei oft bodenloser Leichtsinn. Die Leute dächten zu wenig darüber nach, wie viel Bremsweg eine Straßenbahn benötige. Ein weiteres Problem: Die Verkehrsteilnehmer unterschätzen das Tempo der Züge erheblich. Der jüngste schwere Tramunfall ereignete sich erst am Mittwoch (2.März) vergangener Woche in Marzahn. Ein Zehnjähriger war von einer Bahn der Linie M8 erfasst worden, als er in der Wittenberger Straße unvorsichtig ins offene Gleisbett rannte. Der Junge war mit zwei Freunden unterwegs und hatte den Richtung Borkheide rollenden Zug offenbar nicht bemerkt. Der 40 Jahre alte Fahrer brachte die Tram trotz sofortiger Notbremsung nicht mehr rechtzeitig zum Stehen und überrollte den Jungen.

Vermeidbare Tramunfällen

„Das Kind wurde am Kopf und der Hüfte schwer verletzt. Der leicht ausgehöhlte Raum zwischen Schotterbett und Bahnunterboden rettete dem Jungen wohl das Leben“, sagt die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Petra Reetz. Bei Asphalt zwischen den Gleisen, wie etwa am Alexanderplatz in Mitte wäre der Unfall womöglich anders verlaufen. Den Vorwurf von Kritikern, die modernen Züge seien zu leise, weist die BVG-Sprecherin zurück. „Wir hatten seit 1997 insgesamt 17 Unfälle mit Todesfolge. In 13 dieser Fälle geschah der Unfall, nachdem eine rote Ampel missachtet wurde“, sagt Petra Reetz. Die Opferzahlen sind langfristig gesehen immer wieder starken Schwankungen unterworfen. In den Jahren 2003 und 2008 hatte es jeweils acht Menschen gegeben, die nach Tramunfällen gestorben waren. BVG-Sprecherin Reetz sagt, dass neben den Unfallopfern und deren Angehörige auch die Zugführer der Straßenbahnen unter den Unfällen litten, die oft vermeidbar wären. Eine Untersuchung von Straßenbahnunglücken habe ergeben, dass neben Zerstreutheit oft Musikhören oder Handy-Benutzung mit daran schuld sind, wenn Passanten von einer Tram erfasst werden. Betroffen sind alle Altersgruppen, ob Jugendliche, Senioren, Ur-Berliner oder Touristen. „Niemand geht blindlings auf eine Straße, es sei denn, er ist lebensmüde“, sagt ein erfahrener Schutzpolizist. „Es muss doch klar sein, dass ich vorsichtig sein muss, wenn ich ein Gleis überquere“, so der Beamte weiter.

Beispiel Seestraße: Die Tramlinie verläuft dort schnurgerade, das Gleisbett liegt in einem breiten separaten Grünstreifen, keine Büsche behindern die Sicht. Dennoch erfasste eine Bahn am 8. Februar einen jungen Radfahrer, der die Seestraße in Höhe Turiner Straße überquert hatte und schwer verletzt wurde. Laut Polizei hatte die Fußgängerampel zum Unfallzeitpunkt „Rot“ gezeigt. Der 46-jährige Radfahrer aus Gesundbrunnen starb noch am Unfallort.

Einbau von Sperrgittern

Polizei und BVG setzen zum Schutz von Fußgängern vor allem auf den verstärkten Einbau von Sperrgittern. Die BVG versucht, die Sicherheit an stark frequentierten Übergängen und potenziellen Gefahrenstellen zu erhöhen. Bevorzugt sichert die BVG Gleisübergänge durch die Installation von so genannten Z-Gittern. Die Form gab den Absperrungen ihren Namen. Sie zwingen Fußgänger dazu, beim Überqueren des Gleises in die Richtung zu blicken, aus der die Bahnen kommen. An fünf Punkten passt die BVG in diesem Jahr Übergänge an. Fünf weitere werden komplett neu gebaut und mit Z-Gittern versehen. Die Kosten betragen je Übergang zwischen 25000 und 50000 Euro.

Insgesamt wendet die BVG im laufenden Jahr mehr als 350000 Euro für diese Baumaßnahmen auf. In Pankow werden vier Übergänge baulich angepasst, in Marzahn einer umgebaut. Drei komplett neue Übergänge für Straßenbahntrassen entstehen in Marzahn, zwei in Hohenschönhausen und einer in Hellersdorf. Die Investitionen dienen nur einem Ziel. Schwere Unfälle wie Ende Januar in Weißensee vermeiden zu helfen. Die letzte Fußgängerin, die bei einer Tramkollision getötet wurde, war eine 63 Jahre alte Frau, die am 29. Januar in einer Klinik ihren Verletzungen erlag. Die Frau hatte einen Tag zuvor gegen 14.30Uhr die Bahntrasse an der Berliner Straße in Höhe Mahlerstraße überquert. Dort wurde sie von einer gerade anfahrenden Bahn der Linie M4 erfasst und mitgeschleift, wobei sie schwerste Kopfverletzungen erlitten hatte.