Misslungene Festschrift

Oberarzt Jakob Hein verlässt Berliner Charité

Für die Chronik "300 Jahre Charité" hatte der Autor Falko Hennig aus anderen Publikationen abgeschrieben. Mit-Herausgeber des Werkes war der Mediziner Jakob Hein. Er kehrt der Uniklinik nun den Rücken.

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Es ist nicht der einzige Grund, aber der Streit um die Plagiatsaffäre spielt ganz offenbar eine Rolle: Jakob Hein verlässt die Charité. Der Mediziner und Schriftsteller gibt nach 13 Jahren seinen Posten als Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf und geht zum 31. März 2011. „Ich bedauere meinen Weggang sehr“, sagt der 39-Jährige. Die Beendigung des Arbeitsverhältnisses beruhe auf gegenseitigem Einvernehmen mit der Klinikleitung. „Um meine Zukunft mache ich mir keine Sorgen“, sagte Hein Morgenpost Online. Er bat am Mittwoch um Verständnis, dass er sich zu den Gründen für seinen Fortgang nicht äußern wolle. Aus seinem Umfeld wurde jedoch bekannt, dass der Streit um die Verantwortung für die misslungene Festschrift zum 300-jährigen Bestehen der Charité zwar nicht der alleinige Grund sei, doch durchaus eine größere Bedeutung habe. Hein überlegt nun offenbar, sich in einer Praxis an der Torstraße in Mitte niederzulassen.

Zum Jubiläum im vergangenen Jahr hatte Hein bei der 442-Seiten-Chronik als Herausgeber fungiert – neben Charité-Chef Karl Max Einhäupl und dessen Vorgänger Detlef Ganten. Hein hatte offenbar den Autor Falko Hennig empfohlen, gegen den die Charité inzwischen gerichtlich vorgeht. Hennig sollte dem Dichterfreund Hein mehrere Hundert Seiten zur Festschrift zuliefern, um den beruflich stark eingespannten Arzt zu entlasten.

Nach der Veröffentlichung der Chronik „300 Jahre Charité – im Spiegel der Institute“ stellte sich heraus, dass Teile des Buches aus anderen Publikationen abgeschrieben worden waren. Erfahren hatte die Charité von dem Plagiat durch eine Mitteilung des Medizinhistorikers Philipp Osten. Der Wissenschaftler der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg hatte sich Ende Oktober an die Klinikleitung gewandt, nachdem er festgestellt hatte, dass Teile des Buchkapitels über die Orthopädie wörtlich aus einer seiner Schriften übernommen worden waren. Die Festschrift musste aus dem Verkehr gezogen werden.

Falko Hennig, der als bekennender Nichtakademiker eine wissenschaftliche Festschrift mitverfasste, hat laut Charité das Plagiat inzwischen schriftlich bestätigt. Er will sich in der Angelegenheit nicht mehr äußern; die Charité hat auf Unterlassung geklagt.

Heins Studenten sind schockiert, dass der Arzt die Charité verlässt. „Er hat die Lehre nicht nur verwaltet, sondern mit seinen kreativen Ideen vorangebracht“, sagt Medizin-Student Sebastian Langer. In den vergangenen Jahre hatte sich der Psychiater für einen praxisorientierteren Modellstudiengang an der Charité eingesetzt, in dem derzeit 320 Studenten im ersten Semester studieren. Hein sei „ein Unikat“, heißt es aus der Fachschaft – gerade dann, wenn es um die Vermittlung trockener Lehrinhalte gehe. Die Studenten erinnern an die legendären Seminare über die „Psychopathologie der Simpsons“. „Er wird uns sehr fehlen“, sagt Langer.