Berliner Polizei

Zu viele Kranke - Notrufe werden nicht bearbeitet

Ein neues Arbeitszeitmodell soll nach Gewerkschaftsangaben bei der Berliner Polizei zu einem erhöhten Krankenstand führen. Folge: Anfang Februar blieben rund 150 Notrufe unbearbeitet.

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Berliner Polizisten und die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sind empört: Durch die Einführung eines neuen Arbeitszeitmodells Anfang dieses Jahres habe sich wegen unzumutbarer Schichtpläne der Krankenstand derart erhöht, dass beispielsweise bei der Einsatzleitzentrale am 2. Februar 2011 innerhalb von zwei Stunden 148 Notrufe von Bürgern nicht angenommen werden konnten. Die Polizeiführung bestätigt zwar diese nicht bearbeiteten Notrufe, dementiert zugleich aber einen Zusammenhang mit den aus gesundheitlichen Gründen fehlenden Beamten.

In einer schriftlichen Stellungnahme der Polizeipressestelle heißt es: „Am 02.02.2011 konnten in der Zeit zwischen 21 und 23 Uhr (zwei Stunden) von 351 eingegangenen Notrufen 148 nicht innerhalb von zehn Sekunden angenommen werden.“ Das bedeutet, dass der Anrufer entweder aus der Leitung geworfen, zu einem Tonband geleitet wird oder selbst auflegt – nach Angaben eines Polizeiführers bestehe in Berlin aber der Anspruch, in diesen zehn Sekunden für den Bürger unter der Nummer 110 erreichbar zu sein. Weiter heißt es: „Ein Zusammenhang mit dem Krankenstand besteht nicht.“ Vergleiche mit anderen Tagen hätten dies belegt. Bei mehr als 200 Anrufen pro Stunde komme es zur Umleitung von Anrufen. Zum betreffenden Zeitraum – während der Krawalle nach der Räumung des Hauses Liebigstraße.14 – war dies der Fall.

Seit dem 3. Januar wurde für die Lagedienste der einzelnen Direktionen, die kriminalpolizeiliche Sofortbearbeitung, die Einsatzleitzentrale (ELZ) und das Lagezentrum vom Zwölf-Stunden- auf den Acht-Stunden-Dienst umgestellt. Seitdem reißen die Klagen wegen des „familienunfreundlichen Dienstes“ nicht ab, weil so drei statt bisher zwei Schichten pro Diensteinheit antreten müssten.

GdP kritisiert Modell

Die GdP verurteilt das neue Dienstzeitmodell, vor dem sie bereits vor dessen Einführung gewarnt habe. „Es gibt Kollegen“, sagt Geschäftsführer Klaus Eisenreich, „die wegen der neuen Zeiten nach erst neun Tagen aus dem Nachtdienst kommen, ausschlafen und nach nur einem freien Tag wieder fünf Tage arbeiten gehen.“ Familiäre Probleme seien die Folge, der Krankenstand sei exorbitant hoch. Die Polizeiführung sagte dazu auf Anfrage: „Mit der Umstellung von Arbeitszeiten ist neben Auswirkungen auf die Organisation des Privatlebens eine nicht unerhebliche Anpassung des Körpers auf die neuen Schichtzeiten und -längen verbunden. Dieser Anpassungsprozess führt nach arbeitsmedizinischen Erkenntnissen zu besonderen Belastungen des Körpers, sodass bei Einführung neuer Arbeitszeitregelungen ein kurzfristiger Anstieg des Krankenstandes bis zur abschließenden Eingewöhnung nicht ungewöhnlich ist.“ In der Einsatzleitzentrale, in der die Notrufe eingehen, würden zahlreiche ältere und verwendungseingeschränkte Mitarbeiter ihre Dienst versehen. „Hier hat sich der Krankenstand seit Ende Januar in den Dienstschichten um bis 25 Prozent erhöht.“

Betroffene Beamte sehen vor allem die Zerstückelung der Dienstzeiten mit nun unterschiedlichen Längen als enormes Problem an. Statt 14 bis 16 Dienstantritte im Monat mit 12,5-Stunden-Schichten kommen die Polizisten jetzt auf 21 Dienstantritte zu unterschiedlichsten Zeiten, erklärt ein erfahrener Beamter. Ein Familienleben oder soziales Engagement sei damit nicht in Einklang zu bringen, so ein Betroffener, der anonym bleiben will. Das Dienstplanmodell führe auch dazu, dass drei- statt zweimal täglich die Übergaben mit Informationsaustausch fällig werden. So wachse die Gefahr, dass wichtige Informationen vergessen oder nicht weitergegeben werden. Er kenne Kollegen, die den neuen Rhythmus nicht ohne die Einnahme von Kopfschmerztabletten durchstünden. „Nach einem Turnus von 17 Tagen ist der Körper so leer, dass ich die Freizeit nur noch matt im Bett und auf der Couch verbringe“, berichtet der Beamte, der das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht hat und sich sorgt, ob er bis 65 Jahre durchhält.

Führung kennt Probleme

Nach Morgenpost-Online-Informationen soll in der vergangenen Woche ein Gespräch zwischen Polizeipräsident Dieter Glietsch und einem Polizeimediziner stattgefunden haben, in dem dieser über arbeitsmedizinische Schwierigkeiten in puncto zweier aufeinanderfolgender Nachtdienste referiert haben soll. Weil dem Polizeipräsidenten dieser Umstand nicht im Detail bekannt gewesen sein soll, werde über Verbesserungen nachgedacht. Und auch in der Antwort der Pressestelle heißt es: „Eine Veränderung der Schichtfolge unter stärkerer Berücksichtigung arbeitsmedizinischer Erkenntnisse ist im Rahmen der geltenden arbeitsrechtlichen Bestimmungen möglich und wird vom Polizeipräsidenten angestrebt. Dazu ist jedoch die Zustimmung der zuständigen Personalräte erforderlich, die eine Mitarbeit an diesem Prozess bisher verweigern.“ Diese Darstellung sorgt für Ärger bei der Basis: „Die Personalräte spielen nicht mit, weil die Änderung nur für die ELZ und nicht für alle betroffenen Beamten gelten soll“, kritisiert ein Beamter.