Rentenversicherung

Betrügerin nutzt Lücken im System gnadenlos aus

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Michael Mielke

Britta N. aus Berlin-Steglitz wollte sich eine neue Existenz in Ägypten aufbauen. Da das eigene Geld dafür nicht ausreichte, bediente sie sich bei ihrem Arbeitgeber, der Deutschen Rentenversicherung. Nun muss sie dafür knapp vier Jahre in Haft.

Britta N. galt als freundliche und hilfsbereite Kollegin. Die 44-Jährige lernte schon bei der Deutschen Rentenversicherung und arbeitete hier fast 27 Jahre. Stets ohne irgendwie negativ aufzufallen. Umso größer war das Erstaunen, als bei einer betriebsinternen Prüfung ein Manko von fast 500.000 Euro festgestellt wurde. Verursacht von der erfahrenen Sozialversicherungsfachangestellten Britta N., die dafür am Montag zu drei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde.

Es handelte sich nicht um versehentliche Fehlbuchungen. Britta N., die zeitweise auch Chefin ihres Teams war, hatte die Lücken im System gnadenlos ausgenutzt – und dabei auch das Vertrauen ihrer Kollegen. Denn diese hätten ihre Personalkarte aus dem PC entfernen müssen, bevor sie zur Mittagspause gingen oder auf den Hof, um eine Zigarette zu rauchen. Aber im Zimmer saß ja noch Britta N. Was sollte da schon passieren? Sie versprach ja sogar, die Schreibtische der Kollegen im Blick zu behalten, sich quasi zu kümmern.

Das tat sie mit aller negativen Konsequenz. Von dem einen Computer wies sie eine Summe an – beispielsweise für einen teuren Rollstuhl. Von einem anderen Computer gab sie für diese Summe die Freigabe. Adressaten waren jedes Mal Konten ihrer Tochter oder ihres – zumindest anfangs ahnungslosen – Ehemannes. Und es funktionierte. Man habe es der Angeklagten „sehr leicht gemacht, diese Taten zu begehen“, sagte die Staatsanwältin bei ihrem Plädoyer. Und es habe dann ja auch „relativ lange gedauert“, bis die Veruntreuungen aufgedeckt worden seien.

Das Geld war für ein neues Leben in Scharm al-Scheich bestimmt. Britta N. und ihr ebenfalls angeklagter Ehemann Robert N. besuchten den Urlaubsort in Ägypten seit vielen Jahren schon. Was nicht immer leicht fiel, weil es auch Schulden gab. Britta N. war auf einer unbezahlten Eigentumswohnung sitzen geblieben, die sie und ein früherer Partner Mitte der 90er-Jahre erstanden. Als Steuersparmodell, so wie das damals üblich war. Doch der Partner wurde arbeitslos, trennte sich von ihr, und sie musste Tilgung und Zinsen für die Hypothek für die Wohnung aufbringen. Dafür wurde sogar ein Teil ihres Gehalts gepfändet.

Aber für den Urlaub am Roten Meer reichte es dann doch immer. Und auch für das nötige Taschengeld. Am Ende mithilfe der Unterschlagungen bei der Rentenversicherung. Als Test überwies Britta N. zunächst erst einmal nur 395 Euro. Und als es keine Beanstandungen gab, steigerte sie die Summen. Es wurde immer mehr. „Wenn sie nicht erwischt worden wäre, hätte sie weitergemacht“, sagte ihr Ehemann vor Gericht. Er wurde zu einer einjährigen Bewährungsstrafe wegen Begünstigung verurteilt, weil er sein Konto zur Verfügung gestellt hatte.

Auf die Schliche gekommen war die Kriminalpolizei der Familie N. im Frühjahr 2010. Das Paar hatte am Flughafen schon das Gepäck für die Maschine nach Scharm al-Scheich aufgegeben. Die beiden konnten gerade noch fliehen, nachdem die älteste Tochter per SMS mitteilte, dass die Kripo in Steglitz vor der Wohnungstür stehe und nach ihnen suche. Die anschließende Flucht nach Ägypten verlief dann über Mailand. Britta N. bediente sich beim Einschecken eines falschen Passes. Der half ihr auch, als sie und ihr Mann Anfang September in ihrer gemieteten Villa in Scharm al-Scheich von deutschen Zielfahndern aufgespürt wurden. Denn die Festnahme musste von ägyptischen Polizisten durchgeführt werden. Und die ließen Britta N. trotz eines Fahndungsfotos wieder laufen, nachdem sie ihnen den falschen Pass vorlegte. Drei Tage später ging sie dann aber von sich aus zur Polizei. Sie habe ihrem Mann helfen wollen, erklärte Britta N. vor Gericht.

Das Paar, das sich nach eigenen Bekundungen immer noch liebt, wird nun einige Zeit getrennt sein. Von den veruntreuten Geldern konnten 280.000 Euro auf Familienkonten sichergestellt werden. Der Rest, beteuerte Britta N., sei ausgegeben. Ihr Mann ist arbeitslos. Und sie wird in der Rentenversicherung nie wieder arbeiten dürfen. Es bleibt ihnen also ein gigantischer Schuldenberg.